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  11.07.2012   0 Kommentare   1576 Klicks
Musik & Spiel: Juni 2012 8,0 1

Musik & Spiel: Juni 2012: Andys Soundtrack-Rückblick

Heute wird es variantenreich: Von der Turrican-Hommage über die Neuauflage eines “alten“ Konzerts bis hin zur Klassik-Weltreise hatte der Monat Juni einige interessante, Videospiel-bezogene Musik zu bieten.

Gunlord

 

Ich habe lange überlegt, welche CD ich zum Tipp des Monats Juni küre. Die Alternative, eine Neuinterpretation eines der besten orchestralen Konzerte über Videospielmusik überhaupt, ist mir jedoch nicht “frisch“ genug – zudem das Werk unter Kennern keine weitere Kaufempfehlung mehr benötigt.

Der Gunlord-Soundtrack von Rafael Dyll ist in mehrerer Hinsicht außergewöhnlich: Sowohl das Spiel als auch die Musik sind im Geiste der legendären Turrican-Serie entstanden. Bislang gibt es leider nur Versionen für zwei altgediente Exotensysteme, namentlich das Neo Geo sowie Segas Dreamcast. Zudem ist der offizielle Soundtrack nur als Teil einer Limited Edition erhältlich – bislang, jedenfalls. Dabei hätte diese Hommage an die alten Amiga-Action-Synthie-Tage, die Chris Hülsbeck in den 90er Jahren maßgeblich mit seiner Musik zur Kult-Actionserie beeinflusste, mehr verdient.

Dylls Melodien benötigen zunächst etwas Eingewöhnungszeit, dafür entfalten sie ihren Reiz vollends beim zweiten oder spätestens dritten Anhören. Die Musik ist demnach nicht ganz so eingängig wie jene in Turrican, dafür aber unterm Strich etwas komplexer. Das Resultat: Ich persönlich höre die CD seit drei Wochen nonstop in meinem MP3-Autoradio. Die meisten Stücke sind aufpeitschend und naturgemäß auf Action ausgerichtet, mit einer stark auffallenden Ausnahme: Murky Exploration. Diese ruhige Variante der ersten Levelmusik ist vielleicht auch aufgrund ihrer Einmaligkeit das Highlight des Gunlord-Albums. Das hervorragend per Klavier eingespielte Thema wird zum traumhaften Ereignis.

Wie gesagt: Bisweilen könnt ihr die CD nur zusammen mit der Dreamcast-Version des Spiels erstehen. Der Preis liegt entsprechend bei 42 Euro, allerdings ist das Spiel selbst auch nicht übel – sofern ihr die notwendige Oldie-Konsole im Schrank stehen habt. Bleibt zu hoffen, dass der OST ähnlich wie Last Hope (einem anderen Werk von Rafael Dyll) einen nachträglichen Solo-Release erhält.

Soulless

 

Und noch ein Freaky-Independent-Soundtrack: Soulless wurde ebenfalls explizit für ein uraltes Computersystem entwickelt, namentlich dem guten alten Commodore 64. Die Musik von Mikkel Hastrup wirkt überraschend professionell: Anstatt sich auf den typischen Demo-Chip-Tune-Sound zu verlassen, so wie es viele Brotkasten-Musiker ab den 90er Jahren gehandhabt haben, steckt hier viel mehr Feingefühl und ein echtes Filmmusik-Feeling dahinter. Der Soundtrack erinnert entfernt an Shadow of the Beast, allerdings klingt der Unterton eher aufbauend statt düster.

Eine konventionelle Soundtrack-CD gibt es nicht, wohl aber eine sogenannte Companion CD-ROM. Auf dieser findet ihr neben den Dateien des eigentlichen Spiels (geeignet für jeden C64-Emulator), ein paar hübsche Artworks sowie zwei Episoden des One-Man-&-His-Mic-Podcasts (die C64-bezogene Musik in jeweils einer Stunde vorstellen) und eben den kompletten OST von Soulless. Die Qualität der Sidchipaufnahme ist hervorragend und wird durch ein exzellentes, orchestral angehauchtes Arrangement von Kate “8k-bit“ Lorimer abgerundet.

Symphonic Fantasies Tokyo

 

Das erste europäisch produzierte Videospielkonzert, das in Japan aufgeführt wurde: Die Symphonic-Serie hat eine weitere Premiere im Kasten. Und bei dieser bleibt es nicht, denn obwohl Symphonic Fantasies bereits vor zwei Jahren auf CD erschienen ist, gibt es nun tatsächlich eine Neuauflage basierend auf der Tokyo-Veranstaltung.

Wozu man die braucht, wenn man bereits die alte Kölner-Aufnahme im Schrank stehen hat? Ich habe zweieinhalb Gründe parat: Die Arrangements wurden leicht verbessert und verfeinert, was der Die-Hard-Fan auch durchaus bemerken dürfte. Weiterhin hat man diesmal Platz für die Encore gefunden, die zuvor nur als digitaler Download erhältlich war – Doppel-Album sei dank.

Und “last“, aber definitiv nicht “least“: Besagte Encore unterscheidet sich dramatisch von der 2009er-Version. Aus der schnöden Aneinanderreihung diverser Kingdom-Hearts-, Secret-of-Mana-, Chrono-Trigger- sowie Final-Fantasy-VII-Bossthemen entsprang ein viel verzahnteres und komplexeres Medley. Nicht nur, dass ihr mehr Melodien zu hören bekommt: Die Jungs haben das legendäre One-Winged Angel mit Kefka's Theme vermengt. Ähnlich wie beim Chrono-Trigger/Cross-Mix hört ihr phasenweise beide Themen gleichzeitig. Gleichzeitig. Habe ich es schon gesagt: G-l-e-i-c-h-z-e-i-t-i-g. Kefka und Sephiroth vereint. The world is doomed.

Summa summarum: Wer noch keine Symphonic Fantasies CD besitzt, der greift bitte gleich zur Tokyo-Variante. Alle anderen müssen genau abwägen: Sind euch die Feinheiten und die neue Encore, die immerhin knapp 9 Minuten andauert, die 25 Euro wert? Für Liebhaber von Videospielsoundtracks sollte das eigentlich gar keine Frage sein...

Awesomenauts

 

Elektronik, irgendwo zwischen wirr und melodisch: Die Musik zu Awesomenauts wäre ohne den unschlagbar günstigen Preis von 2 Dollar vielleicht gar nicht erst in meinem Special gelandet. Dem Team von SonicPicnic war es sichtlich wichtig, jedem Musikstück ein anderes, möglichst bizarres Synthie-Instrument anzudrehen. Das Ergebnis möchte unbedingt unkonventionell sein und schlägt auch gerne mal über die Stränge. Wer aber genau auf solche Experimente steht und einem instrumentalen Skullmonkeys nicht abgeneigt wäre, worin auch die eine oder andere gut komponierte Melodie versteckt liegt, der gibt Awesomenauts eine Chance.

Monster Galaxy / zOMG!

 

Jeremy Soule hat letztes Jahr die Welt der Videospielsoundtracks dominiert, dank Skyrim. Für 2012 erwarten wir auf der einen Seite Guild Wars 2, auf der anderen Seite überrascht der Amerikaner mit dem offiziellen Album zum Facebook-Spiel Monster Galaxy. Doch wer genauer hinschaut, der sieht weniger einen Grund zum Freuen als einen zum Mahnen.

Erstens gibt es die komplette Musik im amerikanischen iTunes-Store für einen schlappen Dollar, während wir Europäer mindestens 7 Euro via Amazon.de zahlen sollen. Zweitens ist Monster Galaxy kein besonders hervorstechendes Werk – es ist der typisch verträumt-orchestrale Stil, den Soule seit eh und je zelebriert, ohne dabei einen echten, erinnerungswürdigen Höhepunkt zu liefern.

Und drittens ist es gar kein neues Album, sondern streng genommen ein altes. Monster Galaxy erschien bereits vor drei Jahren unter dem Namen zOMG!, exklusiv über Soules Online-Shop DirectSong. Zwar ist die Trackliste völlig durcheinander gewirbelt und besteht aus anderen Namen – aber unterm Strich ist die Musik identisch.

Satinavs Ketten

 

Daedalic schwebt auf einer beeindruckenden Erfolgswelle: Nach ganz viel lustig kommt Satinavs Ketten, eingebettet in der Original-Welt von Das Schwarze Auge. Wie üblich liegt der ersten Auflage des Spiels der komplette Soundtrack in Form einer Bonus-CD bei, was besonders Liebhaber verträumter Fantasymelodien interessieren dürfte. Zwar stoppt die Uhr nicht mal bei 30 Minuten, doch diese sind prall gefüllt mit sehr viel Melancholie und einer äußerst professionellen Ausarbeitung.

Als Instrumente erklingen Harfe, Geige und, was auch sonst, die Violine. Gemeinsam mit der magischen Stimme von Sarah M. Newman vermittelt die Musik eine prächtige Atmosphäre. Ein Jammer, dass im Spiel selbst kaum etwas von den Künsten der Herren Daniel Pharos sowie Dominik Morgenroth zu hören ist, weil man primär die kurzen Zwischensequenzen vertonte. Erde an Daedalic: Lasst solch traumhafte Noten über die gesamte Spielzeit erklingen und ihr greift in Richtung SOTY-Award.

Soundstory

 

Der monatliche “What the heck is this?!?“-Preis geht an Zack Perrishs Soundstory. Das “Spiel“ ist mehr ein “Interactive Novel“ im C64-Retro-Look, bei dem ihr euch an einem Computer sitzend von einer E-Mail zur nächsten klickt und auf diese Weise eine Geschichte erzählt bekommt. Perrishs Musik hierfür erinnert von der Art her an eine Mischung aus To the Moon sowie alten Super-Nintendo-Rollenspielen, nur dass sie technisch eine Ecke moderner klingt.

Das Spiel kostet euch keinen Euro, die Musik hingegen knapp fünf Dollar. Doch dank Bandcamp kauft ihr keine Katze im Sack, sondern könnt das gesamte Album wie gewohnt zur Probe hören.

TimeSplitters 2 Original Soundtrack

 

Das wurde auch Zeit: Wenn Norgate schon seine alten TimeSplitters-Meisterwerke mittels der Bandcamp-Plattform verkauft, dann darf er doch nicht das Highlight der Serie vergessen. Die Musik zum zweiten Teil lebt von ihrem hohen Variantenreichtum und einigen echten Geheimtipps, die für meine Begriffe zeitlos klingen. Allein das ohrwurmverdächtige Mexican Mission, das epochale Notre Dame oder die fantastische Retro-Hommage Astrolander rechtfertigen die 5 Dollar.

Natürlich könnte ich wieder darüber schimpfen, warum man jetzt Geld für etwas ausgeben muss, was man bereits vor einigen Jahren ganz ohne Kosten herunterladen durfte. Doch diesmal lohnt sich auch der Kauf für diejenigen, die bereits damals zugeschlagen haben: Gleichwohl ein paar (unwichtige) Stücke fehlen, hat Norgate als Ausgleich einen Sack voller kurzer Cutscene-Schnippsel hinzugefügt. Mit insgesamt 45 Tracks ist der TimeSplitters-2-OST demzufolge auch der umfangreichste innerhalb des Serientrios.

Where Good Marbles Go to Die

 

O.k., diese Idee ist nun wirklich kein No-Brainer: ein Arrange-Album zu Ataris Murmel-Oldie Marble Madness. Wer braucht das? Die Musik des Automaten war ganz nett, jedoch kein elitärer Kracher. Umso bemerkenswerter das Ergebnis von Grant “Stemage“ Henry: Der Mann arbeitete bei jedem der insgesamt sieben Stücke mit einem anderen Gastarrangeur zusammen und liefert eine größtenteils sehr liebevolle Arbeit ab. Während die eine Hälfte vom E-Gitarren-Einsatz geradezu erschlagen wird (allen voran Track drei und fünf), lebt die andere Hälfte von der unschuldigen Verspieltheit der Originale sowie der komplexen Modernisierung. Die Arrangements der ersten beiden Levelmusiken streben streng in Richtung Perfektion – und das Beste daran: Das Album kostet euch keinen Cent.

Exotica

 

Den Abschluss macht die Nuss, der Benyamin: Bekannt als Pianist diverser symphonischer Videospielkonzerte (und nebenbei auch Teil des bereits erwähnten Symphonic Fantasies Tokyo), veröffentlicht der 23 Jahre alte Junge bereits sein zweites Solo-Album. Nach einem Tribut an Nobuo Uematsu, ist Exotica mehr für Fans der altgedienten Klassik zu empfehlen. Zumindest möchte man das als Laie mutmaßen, denn eigentlich sind die meisten vertretenen Komponisten, die Nuss spielt, zwar bereits verstorben, jedoch lebten sie allesamt im Laufe des 20. Jahrhunderts.

Weshalb das Album hier einen Eintrag verdient, fragt ihr? Nun: Drei der noch lebenden Künstler haben dann doch etwas mit Videospielen zu tun. Der eine ist Benyamin Nuss selbst, der zweite ist Meister-Arrangeur Jonne Valtonen (siehe erneut Symphonic Fantasies Tokyo) und der dritte hört immerhin auf den Namen Masashi Hamauzu, seines Zeichen Stammkomponist von Final Fantasy 13.

Exotica vereint letztlich Musiker aus aller Welt und spannt einen interessanten Bezug von der Klassik zur Videospielmusik. Denn gerade Hamauzus Beitrag wirkt wie ein Mischlingskind dieser beiden “Stilrichtungen“: Es passt sehr gut zum Gesamtwerk und weckt gleichzeitig Erinnerungen an die Soundtracks des Japaners.

Eine uneingeschränkte Empfehlung kann ich nicht geben: Dazu ist Exotica dann doch zu sehr von der Klassik getränkt und die ausgewählten Melodien dürften für den einen oder anderen zu komplex klingen, obwohl ihr hier wirklich nicht mehr als Benyamin Nuss am Klavier hört. Aber für das, was es sein möchte, klingt die Performance sehr stark, sehr eindringlich und sehr emotional.

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