Aus meiner Sicht gibt es kein anderes Genre, das so viele Höhen und Tiefen erlebt hat. Anfang der 80er Jahre dominierten hochwertig geschriebene Textadventures, danach balgten zwei Firmen um die Krone für den Titel des ewigen Point’n’Click-Meisters. Mitte der 90er startete die Hysterie nach Interactive Movies sowie vorgerenderten Fantasywelten, was aufgrund der zweifelhaften Qualität der meisten Nachahmer zum vorzeitigen Untergang der Adventures führte. Es dauerte Jahre, bis die Fans der goldenen Tage selbst fit genug im Programmieren sowie Designen waren. Stück für Stück bauten sie die Reputation wieder auf und lieferten allein 2010 gleich zehn vorbildliche Genre-Kandidaten, denen ich jeweils 8 oder gar 9 von 10 möglichen Punkten zugestanden habe/hätte.
Ergo wird es Zeit für eine Huldigung des gebeutelten Abenteuerspaß, gerade passende zum Ende des Sommerlochs: Im Folgenden stelle ich euch die in meinen Augen 30 wichtigsten Entwickler des Genres vor. Ihr findet hier sowohl die essentiellen Pioniere, die interessantesten Eintagsfliegen als auch Firmen mit einem hohen Quantitäts- und/oder Qualitätsausstoß. Bitte nehmt die Platzierungen nicht allzu ernst: Aufgrund der Vielschichtigkeit von Zork über King’s Quest bis Snatcher und hin zu Heavy Rainfällt insbesondere ein Vergleich zwischen klassischen sowie “Out-of-the-box“ denkenden Vertretern schwer. Doch ich denke, dass ich für jeden “Geschmack“ etwas zu erzählen habe…
30. Level 9 Computing
Verdienste: Jewels of Darkness Trilogy, Silicon Dreams Trilogy, Knight Orc, Gnome Ranger
Level 9 Computing ist für zwei Dinge bekannt: Für einen hohen Ausstoß an Textadventures und für eine hohe Anzahl an Systemen, auf denen die Dinger liefen. Während die gewichtigsten Hersteller immer komplexere Parser, immer mehr Beschreibungen und immer größere Ortschaften entwickelten, suchte Level 9 häufig den kleinsten gemeinsamen Nenner, damit sich auch Spectrum-User oder Datassetten-Nutzer ins Abenteuer stürzen durften.
29. Adventure International
Verdienste: Adventureland, Pirate Adventure, The Sorcerer of Claymorgue Castle
Qualitätstechnisch zweifelhaft, aber historisch ungemein wichtig: Adventureland gilt als das erste kommerziell vermarktete Textadventure überhaupt. Leider ist das von Scott Adams erdachte Abenteuer entsprechend technisch wie spielerisch arg veraltet. Verwirrende Richtungsangaben, wenig Beschreibungen, praktisch keine Hinweise und viele Try & Error-Rätsel bestimmen das Bild. Unter der Aufsicht von Adams erschienen über sechs Jahre verteilt mehr als ein Dutzend weiterer Spiele ähnlicher Bauart, darunter einige mit Superheldenlizenz, in denen ihr als Hulk oder Spiderman unterwegs seid.
28. Pendulo Studios
Verdienste: Runaway, Runaway 2, Runaway – A Twist of Fate, The Next Big Thing
Das Genre der Point’n’Click-Adventures war tot und begraben- so der Stand im Jahre 2001. Doch nach vielen Wehklagen und satten Anfängerfehlern gelang die Reanimation - und Pendulo Studios steht hier stellvertretend für diese Ruhmestat. Dafür gibt es drei Gründe: Zum einen waren sie dank des relativ großen Erfolges von Runaway mit die ersten Neulinge, zum zweiten sind sie immer noch fleißig aktiv und zum dritten werden ihre Spiele besser anstatt schlechter, weil Pendulo bei den Rätseln immer mehr auf Fairness achtet.
27. Smoking Car Productions
Verdienste: The Last Express
Jordan Mechner mag der Meister hinter Prince of Persia sein, doch es gibt da noch ein anderes Spiel, für das er mehr als anerkennende Worte verdient. The Last Express ist ein sehr ungewöhnliches Echtzeit-Adventure, worin ihr euch als blinder Passagier auf den Orientexpress schmuggelt und einen Mordfall aufklären müsst. Die Besonderheit ist die Dynamik der Geschichte und die Art der Darstellung: Abseits von Zwischensequenzen seht ihr das Eigenleben der anderen Passagiere aus der Ego-Perspektive , was besonders in den engen Gängen, wenn sich jemand an euch vorbeiquetscht, verblüffend echt aussieht. Da ihr stets die Zeit zu einem beliebigen Punkt zurückdrehen dürft, verzeiht ihr schnell die vielen Sackgassen, in die ihr euch manövrieren könnt.
26. Interplay Productions
Verdienste: Mindshadow, Borrowed Time, Tass Times in Tonetown, Neuromancer, Star Trek 25th Anniversary, Frankenstein
Nanu, Interplay Productions? Was haben die den mit Adventures zu tun? In der Tat gibt es hier keine großen Megahits im Portfolio zu bestaunen, aber eine erstaunlich hohe Vielfalt was die einzelnen Subgenres anbelangt. Angefangen mit reinen Textadventures (Mindshadow) über Icon-basierende Projekte (Borrowed Time, Tass Times in Tonetown) bis hin zu einem Point’n’Click-Geheimtipp (Neuromancer) und endend mit gar nicht mal so üblen Renderprojekten (Frankenstein) hat Interplay die wichtigsten Stationen einmal angefahren sowie mit brauchbarem Material versorgt.
25. Access Software
Verdienste: Mean Streets, Martian Memorandum, Under A Killing Moon, The Pandora Directive, Tex Murphy: Overseer
Science-Fiction gemixt mit Film Noir ergibt Mean Streets: Das erste Abenteuer rund um Privatdetektiv Tex Murphy war speziell in Amerika recht beliebt, dank einer großen Polygon-Stadt, in der ihr mit eurem Hoverfahrzeug herum düst, und der atmosphärisch gut inszenierten Geschichte. Während hier zumindest einzelne Orte an klassische Point’n’Click-Spiele erinnern, marschiert ihr ab Under A Killing Moon aus der Ego-Perspektive durch hochauflösende wie voll texturierte Gebiete. Dazu kommen massig Zwischenszenen mit gefilmten Schauspielern, die sich aufgrund ihrer fehlenden Professionalität gottlob nicht ernst nehmen.
24. Westwood
Verdienste: Legend of Kyrandia, Hand of Fate, Malcolm’s Revenge, Blade Runner
Heutzutage kennt man Westwood allenfalls noch als die Helden von Command & Conquer, dabei waren sie zwischen 1992 und 1997 für ein richtig gutes Adventure-Quartett verantwortlich. Legend of Kyrandia, Hand of Fate und Malcolm’s Revenge spielen allesamt im gleichen Fantasy-Universum, wobei der Spieler jeweils die Rolle eines anderen Charakters übernimmt. Gesondert erwähnenswert ist der letzte Teil der Saga, worin ihr den Bösewicht des ersten Abenteuers mimt. Spielerisch vielleicht verbesserungswürdig, leben die drei von ihrer zauberhaften Märchen-Präsentation gemischt mit einem bissigen Humorverständnis. Und auch das auf dem berühmten Buch bzw. Film basierende Blade Runner gehört zum Stimmigsten, was Adaptionen dieser Art anbelangt.
23. Aminata Design
Verdienste: Samorost, Samorost 2, Machinarium
Vorweg: Sollte Aminata Design seinen Weg erfolgreich fortsetzen, so könnte der Entwickler in ein paar Jahren bedeuten höher in Listen wie dieser hier platziert liegen. Bislang pflegen die Jungs aus der Tschechei nämlich einen sehr eigenwilligen wie faszinierenden Stil, sowohl beim Grafikdesign, den überraschend logischen Try & Error-Rätseln als auch dem völligen Verzicht auf Sprachausgabe. Den Entwicklern reichen Gestiken wie Symbole zum Erzählen ihrer Geschichten, was ihnen bislang auf besonders charmante Weise gelingt und sie von der Konkurrenz eindrucksvoll unterscheidet.
22. Burst
Verdienste: Toonstruck
Sie haben nur ein einziges Adventure auf die Beine gestellt, aber das hatte es in sich: Toonstruck besitzt bis heute mit die besten und nachvollziehbarsten Rätsel abseits von LucasArts und Infocom. Auch der Produktionsaufwand hinter dem Spiel ist für dieses Genre einmalig: Es gibt Dutzende Locations in allerfeinster Zeichentrickqualität und mit zahlreichen Comicfiguren. Hauptcharakter Mal Block wird hingegen von einem echten Schauspieler dargestellt, namentlich Christopher “Back to the Future“ Lloyd. Es ist ein Jammer, dass dieses Spiel kommerziell gesehen enorm floppte und es nie zur geplanten Fortsetzung kam.
21. Adventuresoft
Verdienste: Simon the Sorcerer, Simon the Sorcerer 2, Floyd
Gut geklaut ist halb gewonnen: So lautete die Devise von Simon, the Sorcerer, das wie kaum ein anderes Adventure die Brillanz eines Secret of Monkey Island zu kopieren versuchte. Das gelang dem ersten Teil noch nicht so ganz, dafür gehört er zu den frühen Meisterleistungen der deutschen Synchronisationskunst. Der zweite Teil profitiert zusätzlich von einem starken Rätseldesign und addiert gar eine gewisse Eigenständigkeit gegenüber der berühmten Konkurrenz. Kurz: Damals als schnödes Plagiat verschrien, genießen die beiden Titel aus heutiger Sicht einen respektablen Kultstatus.
20. Funcom
Verdienste: The Longest Journey, Dreamfall
The Longest Journey von Funcom markiert so etwas wie einen Abschluss der alten Adventure-Ära: Kein vergleichbares Spiel war anno 1999 dermaßen umfangreich und ging mit so viel Kraft in die Produktion. Das Ergebnis kann sich entsprechend sehen lassen, die Mischung aus Zukunft- (inklusive fantastischer Musikkulisse) und Fantasywelt profitiert primär von einer fesselnden Geschichte. Die Kritiker und Fans honorierten es mit absolutem Jubel, nur der kommerzielle Erfolg blieb aus. Die von Anfang an geplante Fortsetzung erschien satte sechs Jahre später und bricht brutal mit dem Originalkonzept: Dreamfall besteht komplett aus Polygonen und schielt streng in Richtung vollwertiges Action-Adventure. Die Kampfszenen gelten als steif, Rätsel sind kaum vorhanden und trotzdem: Die erneut absolut grandiose Story und der krasse Cliffhanger machen all das wett. Hoffentlich sehen wir jemals einen dritten Teil…
19. Animation Arts
Verdienste: Geheimakte Tunguska, Geheimakte Puritas Cordis, Lost Horizon

Das vorübergehende Sterben klassischer Adventures beruhte teilweise auch auf der Unzugänglichkeit für alle Nicht-Fans des Genres. Die sind schnell genervt von Rätseln jener Art, die die meisten nur durch Try & Error, stundenlangem Grübeln oder nerviger Objekt-Suchereien lösen können. Im Prinzip wäre das bei Geheimakte Tunguska genauso, wenn Animation Arts nicht eine der fairsten Benutzerführungen der Point’n’Click-Geschichte designt hätte. Zum einen reaktivierten sie die in Vergessenheit geratene Hotspot-Idee aus Simon, the Sorcerer 2, mit der jedes benutzbare Objekt per Tastendruck auf dem Bildschirm markiert wird. Zum anderen designten sie einen Mauscursor, auf dem zwei Tasten zu sehen sind. Anhand deren Farbe erfährt der Spieler sofort, ob er ein Objekt nur anschauen, benutzen oder gar mit einem anderen kombinieren darf. Dadurch entsteht ein erstaunlich flotter Spielfluss, der gleichzeitig das Knobeln nicht zu einfach macht.
18. ICOM Simulations
Verdienste: Déjà vu, Déjà vu 2, Shadowgate, Uninvited
Neben den Beispielen von Interplay existiert noch eine andere berühmte Gruppe an Textadventures, innerhalb derer ihr bereits Mitte der 80er Jahre mittels Icons rätseln durftet. ICOM Simulations spezialisierte sich stark auf eine logische Benutzerführung via Maus. Die Geschichten sind vom Ansatz her ernst bis schaurig, besitzen jedoch gleichzeitig zahlreich schnippisch-lustige Kommentare, wenn ihr etwas “Falsches“ tut. Die vier Spiele machen selbst aus heutiger Sicht eine gute Figur, weil die Rätsel für ihre Zeit vergleichsweise einfach wie logisch designt sind. Es existieren zudem einige Konsolenportierungen für NES und/oder Game Boy Color aller Titel.
17. Revolution Software
Verdienste: Beneath a Steel Sky,Baphomets Fluch, Baphomets Fluch 2, Baphomets Fluch 3, Baphomets Fluch Director’s Cut
Eigentlich hat Revolution Software gar nicht so viel für das Genre getan – aber trotzdem gehören sie gefühlt ganz fest zum Adventure-Canon. Sowohl Beneath a Steel Sky als auch die ersten beiden Baphomets-Fluch-Abenteuer sind beileibe nicht ohne Fehler, so wird manchmal etwas arg viel gelabert. Aber die drei Spiele besitzen Charme und schaffen wunderbar die Gratwanderung zwischen seriöser Atmosphäre sowie lustigen Dialogen. Speziell der erste Fluch ist zeitlos und selbst aus heutiger Sicht zu empfehlen – dem liebevollen Director’s Cut sei Dank. Der dritte Teil fällt ab, aufgrund der 3D-Mania und dem Schieberätselwahn. Und den vierten möchte ich gar nicht erst aufführen, siehe die dämliche Steuerung und das fürchterliche Finale.
16. Kojima Productions
Verdienste: Snatcher, Policenauts
Es dürfte so viele Japan-Only-Interactive-Movies geben, die ganz toll sind und von denen wir als gemeine Europäer nichts wissen. Aber wenigstens das Doppel Snatcher/Policenauts ist halbwegs bekannt, allein aufgrund ihrer sensationell starken Geschichten und den ausufernden Zwischensequenzen – Hideo Metal Gear Solid Kojima sei Dank. Da ist es gar nicht weiter schlimm, dass es Rätseltechnisch gesehen “Sparflamme“ heißt. Snatcher hat es immerhin für das Mega-CD ins Englische geschafft und Policenauts wurde vor zwei Jahren nach langer, langer, LANGER Arbeit vollständig von Fans übersetzt – wenn solch ein Ansporn für diese Mammutaufgabe nicht auf der Qualität des Spieles beruhte, was dann?
15. Frictional Games
Verdienste: Penumbra, Amnesia
Bereits Penumbra ist ein recht ungewöhnliches Spiel: Ihr stolziert in der Ego-Perspektive durch schummrige Höhlen, geht tödlichen Monstern aus dem Weg (wehren könnt ihr euch nicht wirklich) und löst komplexe Rätsel in einer physikalisch akkurat simulierten Umgebung. Die Benutzerführung ist simpel wie originell: Um eine Tür zu öffnen müsst ihr den Griff per Maus packen und diese dann zu euch hin oder von euch weg schieben. Amnesia bemächtigt sich dem gleichen Konzept, jedoch distanzierte sich der schwedische Entwickler von allzu komplexen Rätseln und schraubte dafür mächtig an der Atmosphäre. Erneut müsst ihr euch vor Monstern verstecken, nur dass diese hier vielfach unheimlicher und bedrohlicher wirken. Durch geschickten Einsatz von Grafik- und Sound-Effekten vermittelt Amnesia beim Spieler ein nie dagewesenes Angstgefühl, das selbst solch Horrorgrößen wie Konamis Silent-Hill-Serie in den Schatten stellt.
14. Level 5
Verdienste: Professor Layton Series
Denkspiele getarnt als Adventures sind eigentlich verpönt, besonders von der Garde der Vielspieler. Doch letztlich braucht es nur das richtige Umfeld, was Professor Layton beweist: Obwohl die Rätsel allesamt aus Zeitschriften stammen könnten, vermitteln sie aufgrund der schönen Geschichten, den sympathischen Charakteren und der adäquaten Präsentation einen hohen Suchtfaktor. Alle drei bislang in Deutschland erhältlichen Episoden sind nach dem gleichen Muster gestrickt, gleichwohl ist bei den Fans keine Übersättigung in Sicht – siehe die hohen Verkaufszahlen der Serie.
13. Sega AM2
Verdienste: Shenmue, Shenmue 2
Wo hört ein Adventure auf und wann fängt ein Action-Adventure an? Shenmue symbolisiert für mich diese Grenze, weshalb ich Sega AM2 gerade so in diese Liste aufnehmen möchte. Obwohl sich der japanische Entwickler nur aufgrund zweier stark miteinander verwandten Spiele qualifiziert, sind deren hohen Ambitionen unbestreitbar. Nie zuvor gab es solch eine authentische Simulation einer der Realität nachempfundenen Umgebung in 3D. Zwar müsst ihr auf echte Rätsel verzichten, dafür vermitteln Geschichte sowie Dialoge das entsprechende Genre-Feeling und die Actionelemente wirken trotz ihrer Häufigkeit mehr wie ein Zusatz als ein Hauptbestandteil.
12. Cyan Worlds
Verdienste: Myst, Riven, Uru, Myst 5
Man möchte ihnen eigentlich Pest und Cholera an den Hals wünschen, doch letztlich konnte Cyan Worlds nicht ahnen, dass 99% aller Nachahmer ihres neu erfundenen Sub-Genres so kläglich an der Umsetzung scheiterten, dass Adventures zwischenzeitlich gar nicht gerne gesehen waren. Das Paradoxe daran: Myst selbst gehört zu den kommerziell erfolgreichsten PC-Spielen.
Es ist das erste Programm seiner Art, in der ihr aus der Ego-Perspektive blickend von Punkt zu Punkt marschiert, kryptisch anmutende Maschinen bedienen müsst und so gut wie keine NPCs beziehungsweise Dialoge vorkommen. Die Steampunk-Welt wirkt buchstäblich mystisch und mysteriös. Die extrem simple Steuerung macht das Spiel besonders leicht zugänglich, was den angesprochenen Verkaufserfolg begründet. Die zahlreichen Fortsetzungen sind allesamt nach dem gleichen Strickmuster gebaut und mehr oder weniger gut, wobei Cyan World selbst nur die oben genannten Titel selbst entwickelt hat.
11. Daedalic Entertainment
Verdienste: Edna bricht aus, The Whispered World, A New Beginning, Harveys Neue Augen

Man möge mir Fanboytum bescheinigen, dass ich die noch junge Firma Daedalic Entertainment so hoch platziere. Aber die ersten vier Adventures (das von mir nicht gespielte 1 ½ Ritter mal ausgeklammert) stecken nur so voller Überraschungen und Größe. Besonders Edna bricht aus und The Whispered World gehören zum Erzähltechnisch stärksten, was das Genre bis heute zustande gebracht hat. Kaum ein anderer Entwickler versteht es so gut, so konsequent witzig zu sein und gleichzeitig mit bluternsten Szenen dermaßen zu schockieren. Das brandneue Harveys Neue Augen schafft es gar diese Errungenschaften zu toppen und addiert ein paar der cleversten Rätsel der letzten fünfzehn Jahre. A New Beginning fällt insgesamt etwas ab, gleicht dafür aber die Defizite mit einer richtig guten Spielbalance aus, d.h. es ist weder zu leicht noch zu schwer. Ein Jammer, dass bislang alle Lokalisationen ins Englische anscheinend einem Debakel gleichen, weshalb abseits von Deutschland kaum jemand die Brillanz dieser Spiele nachempfinden kann.
10. Legend Entertainment
Verdienste: Spellcasting 101-103, Timequest, Eric the Unready, Gateway, Gateway 2 – Homeworld, Death Gate, Superhero League of Hoboken, Shannara
Die letzte Bastion der Textadventures – und was das für ein finales Aufbäumen war! Gegründet von mehreren Ex-Infocom-Designern, entstanden zahlreiche vergessene Klassiker ganz im Spirit der Kultfirma. Von Spellcasting 101 bis Gateway 2 ist die Produktionsqualität besonders liebevoll: Jeder Raum besitzt sein eigenes, hochauflösendes Bild, der Umfang der einzelnen Spiele ist gigantisch und die Logik der Rätsel bestechend. Absolut keine Leichtgewichte, übernehmen sie einige Philosophiepunkte der goldenen Point’n’Click-Ära, beispielsweise das man nicht in jedem dritten Raum den Spieler gleich umbringen muss, nur weil er mal falsch geguckt hat.
Nach Gateway 2 schwenken die Spiele von Legend Entertainment zur Icon-Steuerung um, was im Falle von Death Gate und dem abartig witzigen Adventure-RPG-Hybrid Superhero League of Hoboken am besten funktioniert. Die letzten Werke hingegen verlassen auch diesen Pfad und ließen sich allzu sehr vom Renderwahn inspirieren – mit einem Ergebnis, dass den meisten Fans nicht wirklich mundete.
09. Quantic Dream
Verdienste: The Nomad Soul, Fahrenheit, Heavy Rain
Neben Sega AM2 ist Quantic Dream die zweite Truppe, bei der man sich heftig darüber streiten kann, ob sie von der Genre-Zugehörigkeit überhaupt in dieses Special reinpasst. In allen drei Titeln der Franzosen stecken verdammt viele Actionszenen drin und eigentlich auch verdammt wenig Rätsel. Doch die Art der Präsentation und die herausragenden Charaktere sprechen “dafür“. Besonders Heavy Rain ist das Sinnbild für den nahezu perfekten Interactive Movie: Erstaunlich eingeschränkt bei seinen Bewegungsfreiheiten, fühlt sich der Spieler wie kaum wo anders “mittendrin“. Das zaghafte Beeinflussen des Tonfalls sowie die wirklich zahlreichen Enden bieten genügend Spielreiz.
08. Activision / Zombie Studios
Verdienste: Alter Ego, Murder on the Mississippi, Return to Zork, Zork: Nemesis, Zork: Grand Inquisitor
Genau wie im Falle Interplay ist es erstaunlich, welch Vielfalt Activision in Sachen Adventures über fast zwei Jahrzehnte hinweg realisiert hat. Doch im Gegensatz zum Konkurrenten stimmt hier obendrein der Schnitt der Klassiker. Alter Ego ist als Lebenssimulation im Textadventure-Format einzigartig, wenn ihr die Male und Female-Edition als ein Produkt seht. Murder on the Mississippi erschien ganz knapp vor den ersten Genrevertretern aus dem Hause LucasArts und besitzt bereits bei weitem mehr Komfort als die Quest-Debuts von Sierra. Und zu guter Letzt produzierte Activision drei gar nicht mal so üble Zork-Nachfolger (siehe Infocom), die zwar kaum mehr etwas mit den Vorgängern gemein haben, jedoch im Bereich der umstrittenen Myst-Rendervertreter zum Besten gehören – speziell was das düstere wie audiovisuell faszinierende Nemesis, mitentwickelt von Zombie Studios, anbelangt.
07. Telarium / Windham Classics
Verdienste: Amazon, Rendezvous with Rama, Dragonworld, Fahrenheit 451, Nine Princess in Amber, Perry Mason, Below the Root, Alice in Wonderland
Jetzt wird es alt – so richtig alt, um genau zu sein. Die meisten Telarium-Spiele erschienen 1984 und das letzte gerade mal zwei Jahre später. Wir reden hier freilich von Textadventures, die jedoch für ihr Alter erstaunlich viel Grafik und Effekte bieten. Allein Amazon wirkt fast schon wie der frühe Versuch eines Interactive Movies, passend mit Actionszenen, wählbarem Schwierigkeitsgrad und einem Autor namens Michael Crichton, der seinen eigenen Roman Congo als Vorbild für die Geschichte nahm.
Die anderen Telarium-Hits basieren ebenfalls auf Buchvorlagen. Das größte Manko, nämlich die arg schwankende Qualität der Rätsel, von kinderleicht bis brutal schwer, gleichen die Spiele stets durch interessante Texte, innovative Konzepte (siehe die Gerichtsverhandlung in Perry Mason) und für die damalige Zeit hochwertige Präsentation aus.
Nun war Telarium eine Tochtergesellschaft der Firma Spinnaker Software, die wiederum ein weiteres Team namens Windham Classics beherbergte. Deren Abenteuerspiele Below the Root und Alice in Wonderland zielten primär auf Kinder ab. Doch wer sich die Dinger heute anschaut, wird aufgrund der riesigen Settings, den verzwickten Rätseln und der wegweisenden Benutzerführung, die an ein überkomplexes Maniac Mansion (!) erinnert, zwei echte Geheimtipp-Perlen entdecken.
06. Capcom
Verdienste: Phoenix Wright: Ace Attorney Series, Apollo Justice: Ace Attorney, Zack & Wiki, Ghost Trick: Phantom Detective
“Bitte, was? Jetzt spinnt er völlig… Capcom auf Platz sechs der wichtigsten Adventure-Hersteller aller Zeiten!?“ – In der Tat: Dieser Hersteller, der eigentlich mehr für Prügel-, Action- und Horrorspiele bekannt ist, hat drei waschechte Genremeilensteine auf die Beine gestellt, die nahezu Konkurrenzlos sind. Am bekanntesten ist freilich Phoenix Wright: Ace Attorney, ein toller Mix aus Interactive Movie und Anwaltsdrama. Dazu gehören zahlreiche Fortsetzung, darunter dasMiles-Edgeworth-Spinoff, dessen Grafikdarstellung während der Tatortuntersuchung gar nicht so weit vom Point’n‘Click-Einerlei entfernt liegt.
Vom gleichen Director stammt das brillante Ghost Trick: Phantom Detective, das abseits einer fantastischen Geschichte sowie toll ausgearbeiteten Rätseln seit langem mal wieder ein wirklich brillantes wie neues Konzept zeigt (siehe Testbericht). Und mir vergesse bitte keiner Zack & Wiki, welches trotz fehlendem Inventar sowie einer nahezu nichtexistenten Geschichte ganz klar zu den klassischen Point’n’Click-Adventures gehört. Die Rätsel sind jedenfalls mit die besten, die ich je in diesem Genre zu Gesicht bekommen habe.
05. Telltale, Inc.
Verdienste: Sam & Max Season One, Sam & Max Season Two, Sam & Max Season Three, Tales of Monkey Island, Back to the Future: The Game
Hätte ich dieses Special vor einem Monat verfasst, dann hätte ich Telltale nicht so hoch gestellt. So sehr ich auch die Geschichten in Back to the Future: The Game, Tales of Monkey Island oder den ersten beiden Sam & Max-Seasons auch mag: Von den Rätseln her kommen diese Spiele nicht an das goldene Zeitalter des Genres heran. Ich zog eine Erwähnung irgendwo zwischen Platz elf und fünfzehn in Erwägung - dies primär aufgrund des erstaunlich gut funktionierenden Episodenkonzeptes, bei dem ihr kein komplettes Spiel auf einen Schlag, sondern jeden Monat einen gut drei bis fünf Stunden langen Snack erhaltet.
Doch just hab ich mir endlich mal die dritte Staffel von Sam & Max gegönnt, und Jungs wie Mädels, was ist DAS für ein geiles Adventure! Jede Episode steckt voller genialer Ideen und Momente, speziell die ersten beiden sind absolute Geniestreiche. Obwohl die Settings völlig unterschiedlich sind, wirken alle zusammen wie eine komplette Einheit. Es ist das erste Project von Telltale, bei dem ich nahezu ohne Abstriche die LucasArts-Wurzeln registriere und würdige.
04. Magnetic Scrolls
Verdienste: The Pawn, The Guild of Thieves, Jinxter, Corruption, Fish, Wonderland
Das Buch The Guide to Classic Graphic Adventures von Kurt Katala, das ich jedem Adventure-Fan wärmstens empfehlen möchte, ist ein nahezu perfektes Kompendium des Genres – mit einer erstaunlich großen Lücke: Magnetic Scrolls. Der vielleicht stärkste Infocom-Konkurrent (rein was die Qualität der Spiele anbelangt) hat zwar nur sechs Spiel zustande gebracht, die aber allesamt im 80-90%-Sektor anzusiedeln sind und in einem Falle, namentlich The Guild of Thieves, gar für GOTY-Preise gut genug war.
Von den Dialogen und den Rätseln her einen Hauch schwächer, brilliert das Sextett vor allem bei den Referenzgrafiken und den Errungenschaften des Parsers. Der versteht nicht nur erstaunlich komplexe Sätze, sondern lotst die Figur automatisch per “Go to“ zu jedem beliebigen Ort oder Objekt, den/das der Spieler bereits gefunden hat (und natürlich sofern dieser/dieses gerade erreichbar ist).
03. Sierra Entertainment / Dynamix
Verdienste: Mystery House, King’s Quest Series, Leisure Suit Larry Series, Space Quest Series, Police Quest Series, Quest for Glory Series, Gabriel Knight Series,Manhunter Series, The Colonel’s Bequest, Conquests of the Longbow, Rise of the Dragon, Heart of China

Keine andere Firma verdient mehr die Bezeichnung “Hassliebe” als Sierra Entertainment. Ungeschlagen in Sachen Vielfalt und der Wegweiser für das Point’n’Click-Adventure schlechthin, existiert(e) keine andere Firma, die ihre Spieler so sehr schickaniert hat. Allein mit King’s Quest (das erste Adventure mit einer grafisch dargestellten Figur), Leisure Suit Larry, Space Quest, Police Quest, Quest for Glory und Gabriel Knight schufen die Amerikaner sechs unvergessliche Serien, die mit jedem neuen Teil ein weiteres Kapitel in Richtung Atmosphärereferenz aufzuschlugen versuchten. Doch im gleichen Zuge gehören die Rätsel zum gemeinsten, was die Welt je gesehen hat. Und in der Kategorie der Instant-Death sowie Sackgassen wird die Firma auf ewig der Throninhaber sein.
Gleichwohl ist es erstaunlich, wie sehr die Spieler von damals all die Pein ertrugen und es immer weiter probierten – der augenzwinkernde Humor bei den zahlreichen Ableben dürfte hier geholfen haben.
02. Infocom
Verdienste: Zork Series (inklusive Enchanter Trilogy), Planetfall, Stationfall, Deadline, Starcross, Suspended, Infidel, The Witness, Cutthroats, The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy, Seastalker, Suspect, A Mind Forever Voyaging, Wishbringer, Ballyhoo, Hollywood Hijinx, Leather Goddesses of Phobos, Moonmist, Trinity, Border Zone, Bureaucracy, The Lurking Horror, Nord and Bert Couldn’t Make Head or Tail of it, Plundered Hearts, Sherlock: The Riddle of the Crown Jewels, Arthur: The Quest for Excalibur, James Clavell’s Shogun, Journey

Hier gibt es keine Diskussionen: Der unumstritten Meister der Textadventures ist ohne jeden Zweifel Infocom - sei es aufgrund des Parsers, der bereits in den frühen 80er Jahren mehr als schnöde Zwei-Wort-Kommandos verstand, der außergewöhnlichen Qualität der Texte oder der beispiellosen Szenarien-Vielfalt. Science-Fiction, Fantasy, Abenteuer, Comedy, Piraten, Hollywood, Krimi, Horror, Politik: Das sind nur ein paar grobe Stichwörter, die Infocom innerhalb von knapp zehn Jahren abdeckte. Dazu kommen sensationelle wie bis heute einmalige Ideen, allen voran Suspended, wo ihr die meiste Zeit über ein halbes Dutzend Roboter steuert, die jeweils ein anderes Sinnesorgan besitzen und ergo nur einer von ihnen optisch sehen kann (!).
The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy gilt als eine der besten Romanadaptionen und ist nahezu genauso witzig wie die Vorlage – kein Wunder, wenn Douglas Adams höchstpersönlich dran saß. Der gleiche Mann schuf ein weiteres Unikum des Genres, namentlich Bureaucrazy, wo ihr gegen die Hürden der Bürokratie kämpft. Sterben könnt ihr dabei nur anhand eines Herzinfarktes, falls zu viel im Laufe eures “Abenteuers“ schief gegangen ist…
Ich könnte jetzt unzählige weitere Beispiele bringen und nebenbei auf meinen jüngsten Replayed-Artikel verweisen, der einen weiteren unsterblichen Klassiker namens Leather Goddesses of Phobos behandelt. Fakt ist: Trotz des für die heutige Zeit hohen Schwierigkeitsgrades sind die Dinger weiterhin für Leute mit Zeit, Geduld und guten Englischkenntnissen zu empfehlen. Zwar könnt ihr genau wie in den Sierra-Spielen an zahlreichen Stellen sterben oder in eine Sackgasse geraten. Aber weil der Rest so wunderbar atmosphärisch wie auf seine Art logisch aufgebaut ist, könnt ihr damit bedeutend besser umgehen.
01. Lucasfilm Games / LucasArts
Verdienste: Labyrinth, Maniac Mansion, Zak McKracken, Indiana Jones and the Last Crusade, The Secret of Monkey Island, Loom, Monkey Island 2: LeChuck’s Revenge, Indiana Jones and the Fate of Atlantis, Day of the Tentacle, Sam & Max Hit the Road, Full Throttle, The Dig, The Curse of Monkey Island, Grim Fandango, Escape from Monkey Island, The Secret of Monkey Island Special Edition, Monkey Island 2 Special Edition

Hat irgendjemand etwas anderes erwartet? Infocom in allen Ehren, aber die absolute Nummer Eins der Adventure-Spiele ist und bleibt LucasArts. Speziell die Ära von Maniac Mansion bis Sam & Max Hit the Road ist beängstigend stark. Satte zehn Mal hätte ich der Firma den Preis “Bestes Adventure des Jahres“ gegönnt, dabei lückenlos von 1987 bis 1993. Die Gründe sind entsprechend zahlreich: Die Geschichten setzen primär auf ein gesundes Humorverständnis, siehe allen voran Monkey Island sowie Maniac Mansion/Day of the Tentacle. Kein anderer Entwickler verstand es so gut, die goldene Mitte zwischen “nicht zu leicht“ und “nicht zu schwer“ zu treffen (das recht simple Loom mal ausgenommen).
Fairness wird enorm groß geschrieben: Bis Indiana Jones and the Last Crusade gibt es im Vergleich zu den Konkurrenzprodukten nur wenig Sterbemöglichkeiten oder gar echte Sackgassen. Ab Secret of Monkey Island muss man sich schon heftig anstrengen, um den Löffel abzugeben. Die Logik und die Nachvollziehbarkeit des Rätseldesigns sucht seinesgleichen, weshalb sich das Spielen selbst heute noch lohnt. Allein Day of the Tentacle sprüht nur so vor aberwitzigen Aufgaben, deren Lösung eine absolute Befriedigung für den Spieler darstellt. Und letztlich ist auch die grafische wie soundtechnische Qualität in der Regel sehr hochwertig.
Selbst über das Genre hinaus kenne ich nichts vergleichbares, wo man sich bei einem Hersteller einerseits so sehr auf die Qualität des Endproduktes verlassen konnte und andererseits die Designer nie auf Nummer sicher gingen bzw. einfach eine 08/15-Fortsetzung nach der anderen entwickelten. Die Anzahl der absoluten Klassiker gegenüber der Konkurrenz ist jedenfalls beängstigend: Meine eigene Top Ten der besten klassischen Point’n’Click-Adventures aller Zeiten (zu denen ich jetzt mal ganz frech die via Cursor-Tasten gesteuerten Grim Fandango sowie Escape from Monkey Island hinzu zähle) ist durch die Bank weg mit LucasArts-Titeln gespickt. Sie haben nahezu allein dafür gesorgt, dass dieses Genre trotz der vielen Stolperfallen und des hohen Frustpotzenzial vielleicht das für mich schönste in der großen, weiten Welt der Spiele ist.