ZDF-TV-Programm, an einem Donnerstag am Nachmittag:
15.15 Uhr: Die Schwarzwaldklinik, Teil 43, „Alles Theater“
16.15 Uhr: Bianca – Wege zum Glück, Kapitel 124, Telenovela
17.40 Uhr: Leute Heute, Themen: Stella McCartney: Mode für Adidas; Dieter Pfaff: "Sperling"-Dreharbeiten in Berlin, Moderation: Nina Ruge
Wohnzimmer eines Spielers, an einem Donnerstag am Nachmittag:
15.15 Uhr: Vorbeisurfen auf DemoNews.de
16.00 Uhr: Half-Life 2, 3D-Shooter, 2. Kapitel
17.30 Uhr: Besuch von Freunden: Mortal Kombat, Beat´em Up, einige Matches
Was haben TV-Programm und Spiele gemeinsam? Richtig – zu jeder Zeit ist es einem selbst überlassen, was man sich antut. Schaltet man den Fernseher ein oder zockt man eine Runde am PC bzw. an der Konsole. Und einmal ehrlich: Wer will hier bitte festlegen, was gefährlicher ist? Schwarzwaldklinik? Eine Telenovela (Soap)? Sind diese Sendungen nicht ebenfalls riskant für den Geist, wenn man einfach den Betrachtungswinkel verändert? Niemand mag anzweifeln, wenn behauptet wird, dass eine Seifenoper unrealistisch oder weltfremd und eine Schwarzwaldklinik nur dem Kopf eines "verrückten" Drehbuchautors entsprungen sei. Auch würde keiner auf die Idee kommen, solche Sendungen könnten ein Risiko für den Zuschauer darstellen, mit der Folge einer gesellschaftlichen Isolation. Nur Spiele sind die Wurzeln allen Übels? Kann man nicht durch TV-Dauerkonsum ebenfalls aggressiv werden – ständig Big Brother, Bianca, GZSZ, Unter Uns, Volksmusik, Wetten Das, Werbeunterbrechungen – wie viel davon kann ein Mensch vertragen, ohne das es persönlichkeitsverändernde Konsequenzen hat?
Doch wenn bekannte und angesehene Fernsehsender oder Zeitschriften über unser Hobby „Spiele“ berichten, heißt es sofort: Gefahr! Achtung! Gewalt! USK-Versagen! Eltern müssen aufpassen! Politiker sollen sich einsetzen! Killerspiele verbieten! Warum diese Panik? Haben die alt eingesessenen Medien Angst um ihre Auflagen und Einschaltquoten? Schließlich gibt es bereits Studien, die verdeutlichen, dass vor allem Jugendliche mehr Zeit am Computer verbringen, als vor dem TV. Und Zeitschriften liest sowieso keiner mehr gerne, es sei denn, eine DVD liegt dem Heft bei. Es scheint fast so, als würde das Fernsehen versuchen, einen Kampf gegen die Computer- und Videospiele- Industrie zu inszenieren, um die Spieler wieder vor die Glotze zu locken – die letzte Frontal 21 – Sendung mit dem Thema „Gewalt ohne Grenzen: Brutale Computerspiele im Kinderzimmer“ hatte sicherlich wieder einmal mehr Zuschauer als die sonst üblichen 3,5 Millionen. Was bereits bei der letzten Frontal 21 – „Hetzkampagne“ im November 2004 auffiel war ebenfalls das Mysterium, dass nicht einmal die privaten TV-Sender die Notwendigkeit sahen, einen seriösen Bericht über Spiele auszustrahlen. Eine Verschwörung? Einzig Arte glänzte vor einigen Monaten mit einer kritischen, aber nicht reißerischen Reportage über das Suchtverhalten von Spielern. Und von den Risiken, die vom Fernseh-Konsum ausgehen können, redet eh niemand.
Weiter zu Rainer Fromm und die guten Absichten
Aber geben wir es ruhig zu: Rainer Fromm, Erschaffer der umstrittenen Frontal 21 – Sendungen, hat doch nicht ganz unrecht. Übertreibungen sind schließlich provokante und effektive Mittel, um Zuschauer zu motivieren und sie zu Diskussionen anzuregen. Endlich kommt einmal Bewegung in die träge Gamer-Masse, die sonst nur konsumiert und passiv alles in sich aufsaugt, was als Spiel bezeichnet wird. Dass manche einige Schritte zu weit gehen und den Herrn Fromm mit Mord oder Angriffen auf seine Familie drohen, bestätigt auf der anderen Seite nur das oberflächlich gebildete Vorurteil vieler Menschen. FIFA-Zocker könnten das schlicht als Eigentor bezeichnen, denn diese Art der Reaktion ist nicht nur unüberlegt, sondern zeugt von niedriger Intelligenz. Allerdings ist die Sendung Fromms ebenfalls arg unsachlich und es hat den Anschein, als sei Teil 2 der „Killerspiele“-Reportage eher eine trotzige Antwort auf die Drohungen, die in der Frontal 21 – Redaktion eingingen. Deutlich wird dies auch in dem Interview, welches Krawall mit dem ZDF-Journalisten führte.
Nicht nur Herr Fromm findet die Tendenzen vieler junger Menschen erschreckend – aggressive Aufrufe in Foren, Spieler-Kommentare bei Meldungen diverser Onlinemagazine und die allgemein gewaltbereite Stimmung, wenn es um Indizierungen, Verbote und Spiele-Beschneidungen seitens der staatlichen Behörden (USK) geht, sind keine Seltenheit mehr. Während sich Spieler wieder in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen und fleißig bei der Frontal 21 - Petition von Gamestar.de unterschreiben, stellt sich doch die berechtigte Frage, was hier falsch läuft. Auf der einen Seite hält man Rainer Fromm für inkompetent und glaubt an Verschwörungen der TV-Sender, auf der anderen Seite bemerkt man als aufmerksamer User, wie sich andere Spieler in Foren, bei Online-Spielen oder LANs verhalten – mit Rechtschreibfehlern gespickte und völlig unsachlich dumme wie feindselige Meinungen haben viele von euch sicher schon zu Gesicht bekommen. Dass die Ursache für solche Dinge nicht allein an Spielen liegt, zeigen nicht nur Statistiken und Studien, sondern sagt einem auch der gesunde Menschenverstand. Fehlende Bildung, Aufklärung, Rechtsbewusstsein, Respekt anderen gegenüber, soziales Umfeld – all das und sicher noch viele Gründe mehr gibt es für das Verhalten eines jeden.
Rainer Fromm dagegen schiebt die Schuld in seinen Sendungen vorrangig auf die Spieleindustrie und ihre Produkte, die dem Konsumenten eigentlich nur Unterhaltung bieten sollen. Verständlich ist es also, dass Publisher und Entwickler die Verpflichtung von sich weisen – warum auch, ist doch genauso das Fernsehen, der Staat und die ganze Gesellschaft verantwortlich für die Jugend – wo versäumt wird, Menschen aufzuklären und ihnen Wissen zu vermitteln, muss man sich nicht über die Konsequenzen wundern, die, wenn man es überspitzt ausdrückt, sogar zu Schießereien in Schulen führen. Es ist immer einfacher, unangenehme Angelegenheiten weg zu schieben und auf andere abzuwälzen. Allerdings ist Fromms Äußerung, Politiker und Eltern sollen sich mehr für Kinder und Jugendliche engagieren, völlig richtig und unterstützenswert, denn nur so können Vorurteile abgebaut und Ursachen für Probleme gefunden werden. Unverständlich bleibt allerdings noch immer der Zusammenhang zwischen Spielen und dem Gewaltpotential vieler Menschen – sind Games sozusagen die Auslöser für Wutausbrüche? Oder sind Spiele nur ein Teil der Gesamtheit, die für das bedenkliche Verhalten vieler verantwortlich ist? Tragen Fernsehen, Bücher, andere Menschen, Kinofilme oder Zeitschriften nicht genauso eine Mitschuld?
Egal wie hier die Antwort lautet, jeder Spieler sollte auch einmal seine Reaktionen beobachten – die Frontal 21-Reportage ist zugegeben provokativ, doch wer diese Sendung zum Anlass genommen hat, einmal über sich nachzudenken, ist gewiss schon einen Schritt weiter. Spiele allein machen nicht aggressiv, sie bringen aber vielleicht die eigene Unzufriedenheit zum Vorschein. Letztendlich liegt es an jedem selbst zu entscheiden, ob man nicht etwas an seinem Leben ändern kann, um sich und sein Umfeld in Einklang zu bringen. Spiele sind Unterhaltung, sie töten niemanden. Gewalt wenden nur diejenigen an, die Spiele nicht als Spaß bzw. Zerstreuung sehen, sondern vielmehr versuchen, ihren Frust und ihre Perspektivlosigkeit abzubauen, was mit virtuellen Dingen längerfristig einfach nicht geht. Eine Petition, wie sie Gamestar.de organisiert, bringt unter Umständen keine Seite weiter – Gewalt erzeugt immer Gegengewalt (und sei es auf verbaler Ebene), besonders dann, wenn die angegriffene Seite die Ziele, also z.B. Aufklärung der Gesellschaft oder Aufdecken sozialer Missstände, nicht erkennt. Mit einer Problembekämpfung beseitigt man keine Ursachen, und dies sollte Frontal 21 bzw. Rainer Fromm ebenfalls bewusst sein. Denn wenn die Gründe für Aggressionen bekannt sind, würden wir endlich keine unzeitgemäßen und subjektiv beeinflussten Reportagen im TV vorgesetzt bekommen.