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Kolumne: Frontal 21 und die Welle der Gewalt: Frontal 21 und die Welle der Gewalt

  29.04.2005   0 Kommentare   5282 Klicks
Kolumne: Frontal 21 und die Welle der Gewalt 0,0 0

ZDF-TV-Programm, an einem Donnerstag am Nachmittag: 15.15 Uhr: Die Schwarzwaldklinik, Teil 43, „Alles Theater“ 16.15 Uhr: Bianca – Wege zum Glück, Kapitel 124, Telenovela 17.40 Uhr: Leute Heute, Themen: Stella McCartney: Mode für Adidas; Dieter Pfaff: "Sperling"-Dreharbeiten in Berlin, Moderation: Nina Ruge Wohnzimmer eines Spielers, an einem Donnerstag am Nachmittag: 15.15 Uhr: Vorbeisurfen auf DemoNews.de 16.00 Uhr: Half-Life 2, 3D-Shooter, 2. Kapitel 17.30 Uhr: Besuch von Freunden: Mortal Kombat, Beat´em Up, einige Matches

Was haben TV-Programm und Spiele gemeinsam? Richtig – zu jeder Zeit ist es einem selbst überlassen, was man sich antut. Schaltet man den Fernseher ein oder zockt man eine Runde am PC bzw. an der Konsole. Und einmal ehrlich: Wer will hier bitte festlegen, was gefährlicher ist? Schwarzwaldklinik? Eine Telenovela (Soap)? Sind diese Sendungen nicht ebenfalls riskant für den Geist, wenn man einfach den Betrachtungswinkel verändert? Niemand mag anzweifeln, wenn behauptet wird, dass eine Seifenoper unrealistisch oder weltfremd und eine Schwarzwaldklinik nur dem Kopf eines "verrückten" Drehbuchautors entsprungen sei. Auch würde keiner auf die Idee kommen, solche Sendungen könnten ein Risiko für den Zuschauer darstellen, mit der Folge einer gesellschaftlichen Isolation. Nur Spiele sind die Wurzeln allen Übels? Kann man nicht durch TV-Dauerkonsum ebenfalls aggressiv werden – ständig Big Brother, Bianca, GZSZ, Unter Uns, Volksmusik, Wetten Das, Werbeunterbrechungen – wie viel davon kann ein Mensch vertragen, ohne das es persönlichkeitsverändernde Konsequenzen hat?

Doch wenn bekannte und angesehene Fernsehsender oder Zeitschriften über unser Hobby „Spiele“ berichten, heißt es sofort: Gefahr! Achtung! Gewalt! USK-Versagen! Eltern müssen aufpassen! Politiker sollen sich einsetzen! Killerspiele verbieten! Warum diese Panik? Haben die alt eingesessenen Medien Angst um ihre Auflagen und Einschaltquoten? Schließlich gibt es bereits Studien, die verdeutlichen, dass vor allem Jugendliche mehr Zeit am Computer verbringen, als vor dem TV. Und Zeitschriften liest sowieso keiner mehr gerne, es sei denn, eine DVD liegt dem Heft bei. Es scheint fast so, als würde das Fernsehen versuchen, einen Kampf gegen die Computer- und Videospiele- Industrie zu inszenieren, um die Spieler wieder vor die Glotze zu locken – die letzte Frontal 21 – Sendung mit dem Thema „Gewalt ohne Grenzen: Brutale Computerspiele im Kinderzimmer“ hatte sicherlich wieder einmal mehr Zuschauer als die sonst üblichen 3,5 Millionen. Was bereits bei der letzten Frontal 21 – „Hetzkampagne“ im November 2004 auffiel war ebenfalls das Mysterium, dass nicht einmal die privaten TV-Sender die Notwendigkeit sahen, einen seriösen Bericht über Spiele auszustrahlen. Eine Verschwörung? Einzig Arte glänzte vor einigen Monaten mit einer kritischen, aber nicht reißerischen Reportage über das Suchtverhalten von Spielern. Und von den Risiken, die vom Fernseh-Konsum ausgehen können, redet eh niemand.

Weiter zu Rainer Fromm und die guten Absichten

Aber geben wir es ruhig zu: Rainer Fromm, Erschaffer der umstrittenen Frontal 21 – Sendungen, hat doch nicht ganz unrecht. Übertreibungen sind schließlich provokante und effektive Mittel, um Zuschauer zu motivieren und sie zu Diskussionen anzuregen. Endlich kommt einmal Bewegung in die träge Gamer-Masse, die sonst nur konsumiert und passiv alles in sich aufsaugt, was als Spiel bezeichnet wird. Dass manche einige Schritte zu weit gehen und den Herrn Fromm mit Mord oder Angriffen auf seine Familie drohen, bestätigt auf der anderen Seite nur das oberflächlich gebildete Vorurteil vieler Menschen. FIFA-Zocker könnten das schlicht als Eigentor bezeichnen, denn diese Art der Reaktion ist nicht nur unüberlegt, sondern zeugt von niedriger Intelligenz. Allerdings ist die Sendung Fromms ebenfalls arg unsachlich und es hat den Anschein, als sei Teil 2 der „Killerspiele“-Reportage eher eine trotzige Antwort auf die Drohungen, die in der Frontal 21 – Redaktion eingingen. Deutlich wird dies auch in dem Interview, welches Krawall mit dem ZDF-Journalisten führte.

Nicht nur Herr Fromm findet die Tendenzen vieler junger Menschen erschreckend – aggressive Aufrufe in Foren, Spieler-Kommentare bei Meldungen diverser Onlinemagazine und die allgemein gewaltbereite Stimmung, wenn es um Indizierungen, Verbote und Spiele-Beschneidungen seitens der staatlichen Behörden (USK) geht, sind keine Seltenheit mehr. Während sich Spieler wieder in ihrer persönlichen Freiheit eingeschränkt fühlen und fleißig bei der Frontal 21 - Petition von Gamestar.de unterschreiben, stellt sich doch die berechtigte Frage, was hier falsch läuft. Auf der einen Seite hält man Rainer Fromm für inkompetent und glaubt an Verschwörungen der TV-Sender, auf der anderen Seite bemerkt man als aufmerksamer User, wie sich andere Spieler in Foren, bei Online-Spielen oder LANs verhalten – mit Rechtschreibfehlern gespickte und völlig unsachlich dumme wie feindselige Meinungen haben viele von euch sicher schon zu Gesicht bekommen. Dass die Ursache für solche Dinge nicht allein an Spielen liegt, zeigen nicht nur Statistiken und Studien, sondern sagt einem auch der gesunde Menschenverstand. Fehlende Bildung, Aufklärung, Rechtsbewusstsein, Respekt anderen gegenüber, soziales Umfeld – all das und sicher noch viele Gründe mehr gibt es für das Verhalten eines jeden.

Rainer Fromm dagegen schiebt die Schuld in seinen Sendungen vorrangig auf die Spieleindustrie und ihre Produkte, die dem Konsumenten eigentlich nur Unterhaltung bieten sollen. Verständlich ist es also, dass Publisher und Entwickler die Verpflichtung von sich weisen – warum auch, ist doch genauso das Fernsehen, der Staat und die ganze Gesellschaft verantwortlich für die Jugend – wo versäumt wird, Menschen aufzuklären und ihnen Wissen zu vermitteln, muss man sich nicht über die Konsequenzen wundern, die, wenn man es überspitzt ausdrückt, sogar zu Schießereien in Schulen führen. Es ist immer einfacher, unangenehme Angelegenheiten weg zu schieben und auf andere abzuwälzen. Allerdings ist Fromms Äußerung, Politiker und Eltern sollen sich mehr für Kinder und Jugendliche engagieren, völlig richtig und unterstützenswert, denn nur so können Vorurteile abgebaut und Ursachen für Probleme gefunden werden. Unverständlich bleibt allerdings noch immer der Zusammenhang zwischen Spielen und dem Gewaltpotential vieler Menschen – sind Games sozusagen die Auslöser für Wutausbrüche? Oder sind Spiele nur ein Teil der Gesamtheit, die für das bedenkliche Verhalten vieler verantwortlich ist? Tragen Fernsehen, Bücher, andere Menschen, Kinofilme oder Zeitschriften nicht genauso eine Mitschuld?

Egal wie hier die Antwort lautet, jeder Spieler sollte auch einmal seine Reaktionen beobachten – die Frontal 21-Reportage ist zugegeben provokativ, doch wer diese Sendung zum Anlass genommen hat, einmal über sich nachzudenken, ist gewiss schon einen Schritt weiter. Spiele allein machen nicht aggressiv, sie bringen aber vielleicht die eigene Unzufriedenheit zum Vorschein. Letztendlich liegt es an jedem selbst zu entscheiden, ob man nicht etwas an seinem Leben ändern kann, um sich und sein Umfeld in Einklang zu bringen. Spiele sind Unterhaltung, sie töten niemanden. Gewalt wenden nur diejenigen an, die Spiele nicht als Spaß bzw. Zerstreuung sehen, sondern vielmehr versuchen, ihren Frust und ihre Perspektivlosigkeit abzubauen, was mit virtuellen Dingen längerfristig einfach nicht geht. Eine Petition, wie sie Gamestar.de organisiert, bringt unter Umständen keine Seite weiter – Gewalt erzeugt immer Gegengewalt (und sei es auf verbaler Ebene), besonders dann, wenn die angegriffene Seite die Ziele, also z.B. Aufklärung der Gesellschaft oder Aufdecken sozialer Missstände, nicht erkennt. Mit einer Problembekämpfung beseitigt man keine Ursachen, und dies sollte Frontal 21 bzw. Rainer Fromm ebenfalls bewusst sein. Denn wenn die Gründe für Aggressionen bekannt sind, würden wir endlich keine unzeitgemäßen und subjektiv beeinflussten Reportagen im TV vorgesetzt bekommen.

Kommentare

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Guitar-Hero
von Guitar-Hero | 28.02.2008, 17:41 Uhr
Sehr schöner artikel! List sich gut und is nich einseitig geschrieben:D
Darks
von Darks | 19.06.2006, 15:01 Uhr
dein artikel ist dir wirklich gelungen du solltes mal überlegen reporter zu werden
eni
von eni | 05.05.2005, 18:25 Uhr
Ich hatte in verschiedenen Projekten mit Zielgruppen- und Marktanalysen von PC-Spielen/Onlinespielen zu tun. Hab dann in den Projekten zwischen Publishern, Entwicklern und (Breitband-)Plattformbetreibern vermittelt. Das war auch insofern interessant, weil ich mein Hobby wenigstens mal zeitweise zum Job machen konnte... :D Viele Grüße Eni
agony
von agony | 05.05.2005, 11:08 Uhr
:) Ich muss sagen, ja, das wäre eine interessante Frage: Warum spielen Kinder mehr und mehr solche Games? Das geht ja schon Richtung philosophisch... :-) Aber vielleicht ist es einfach nur der Spaß, der Adrenalinkick? Letztendlich aber wird es wohl das Erfolgserlebnis sein, wenn man wieder ein paar Monster geplättet hat. Glückshormone werden viel schneller ausgeschüttet als z.B. beim Lernen und der daraus resultierenden guten Note in einer Arbeit. Aber wenn das der Hauptgrund wäre, müsste man natürlich überlegen, was man am Schulsystem verbessern könnte. :-) Und Du sagst, Du bist SPielebranchenbeteiligter? Was genau kann ich mir darunter vorstellen? :-)
eni
von eni | 04.05.2005, 22:59 Uhr
Wie gesagt, ich bin ja grad dabei, für den Kinderschutzbund ein paar wirklich hilfreiche Sachen zusammenzutragen. Das mache ich aber eher als unabhängiger Moderator, weil ich sowohl Vater, Gamer, Spielbranchebeteiligter als auch Medienprofi bin, ne wandelnde Schnittstelle sozusagen... :D Allerdings werde ich dies sicher nicht als synoptische Polemik mit Herrn Fromm tun, dazu hab ich trotz Halflife und Moorhuhn (eines der tatsächlich reinsten Killerspiele, die ich kenne) zuwenig Aggressionspotenzial in mir... :D Zu beeinflussende "Kleinigkeiten" sind beispielsweise (von einer sachgerechten Information der Eltern mal ausgehend) ein wenig Unterstützung für die Durchsetzung der USK-Empfehlungen. Wenn Herr Fromm sich schon mit Backyard Wrestling befasst, hätte er ja mal rauskriegen können, warum dieses Spiel schon ab 16 verkauft werden darf - da haben sich sogar die Spieletester gewundert... Aber neben aller Kritik an dem unsäglichen Beitrag fände ich die andersherum gestellte Frage eigentlich viel drängender: Warum spielen immer mehr Kinder diese Spiele? (Die im Beitrag angedeutete Antwort, das läge am Angebot durch die Industrie, verbuche ich mal als nicht ernst gemeint...) Vielleicht kriegt Herr Fromm irgendwann mal die Kurve in Richtung Seriosität und geht das Thema dann etwas anders an. Geben wir ihm ne Chance... :) Viele Grüße Eni
agony
von agony | 04.05.2005, 22:26 Uhr
Ah, okay...alles klar. Ja, natürlich sind das gute Beispiele, ich war mir nur persönlich nicht ganz sicher, auf was du konkret anspielen wolltest. :-) Interessant ist übrigens wirklich das Interview auf Krawall bzw. das Interview hier auf demonews.de mit dem Herrn Fromm. Man merkt schon deutlich, dass er fast ausschließlich trotzig gehandelt hat, ihm ist ganz offensichtlich sehr gut bewusst, welche Macht Medien haben - v.a. auch Frontal 21 mit über 3,5 Mio Zuschauern / Sendung. Und klar: Zwischen PC- und Videospiel wurde keineswegs unterschieden...und gerade noch Fight Club als Beispiel nehmen? Das Spiel ist total übel...das spielt ohnehin niemand. Aber auch was Altersfreigabe betrifft: IMHO leistet die USK gute Arbeit, dass sich dann aber der Handel eh nicht dran hält, ist ein Problem, was man nichtmal mit Gesetzen gut lösen kann. Was ich aber auch sagen muss: Studien sind immer interessant oder wissenswert, aber letztendlich bin ich ebenfalls der Meinung, dass man auch gute Erkenntnisse erhalten kann, wenn man sich und sein Umfeld beobachtet. Wenn Eltern achten, was ihre Kinder tun, wenn Lehrer schauen, über was sich die Schüler unterhalten. Studien sind ja auch nicht wirklich repräsentativ, wenn sie an 1000 Jugendlichen durchgeführt werden - wie viele junge Menschen leben in Deutschland? ;) Wenn Du Dich mit dem Thema beschäftigen musst - wie wäre es denn mit einer Broschüre? Man nimmt gezielt Zitate aus Frontal 21 und stellt diese wiederum fundiert mit anderen Tatsachen gegenüber, die verdeutlichen sollen, wo die Probleme liegen, was man dagegen tun kann, wie man sich verhalten soll etc. ?
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