Kolumne: Ich will Story!
Ich gehöre zu einer Randgruppe. Statt sinnlos bei einem Mehrspieler-Match herumzuballern, will ich glaubhafte Figuren, pointierte Dialoge und packende Storys in einem Spiel sehen. Sprüche wie "Solo-Modus ist egal" gehen mir auf den Keks und für Highlights wie "L.A. Noire", "Dead Space" und "Bioshock" können mir all die Pro-Camper, Wallcheater und Aimbots den Buckel 'runterrutschen. Kurz, ich bin auf der Sinnsuche für metzeln, meucheln und massakrieren.
Trainierte Daumen entscheiden über "Kill with Skill", aber die Story sagt mir, warum ich das machen muss. Sie entscheidet darüber, ob ich bei einem Gewaltporno im Stil von "Bulletstorm" mitfummeln darf oder ob ich mir bei "Bioshock" Gedanken über Schuld oder Technikwahn machen kann. Den Proll-Shooter wird man schnell vergessen haben, aber von Rapture wird man noch in zehn Jahren reden. Storys sind zwar nicht der einzige Grund, aber sie unterscheiden zwischen kalkuliertem Mainstream-Mist und Kunst. Würden Entwickler und Publisher darauf achten, hätte die Branche kein Image-Problem.
Was bekomme ich aber stattdessen? Die kastrierte Form von "Story". Die Spiele kann man in drei Gruppen einteilen. Es gibt so virtuelle Ohnmachtsanfälle wie "Homefront". Da wird im Vorfeld noch getönt, dass man so Hollywood-Größen wie John Milius - guter Handwerker, aber ein übler "Rechtsausleger" - als Story-Berater verpflichtet hat und dann kann man den Solo-Modus an einem Abend durchspielen. Weil die Entwickler unter Zeitdruck standen? Weil sie es nicht wollten? Oder weil sie gar nicht wissen, was eine Story ausmacht?
Dann gibt es Spiele wie "Call of Duty" bei denen die Entwickler meinen, dass sie es könnten. Es bleibt aber nicht mehr viel übrig, wenn man all die Explosionen herausschneidet. Für ungewollte Komik sorgen kalkulierte Tabubrüche wie "No Russian", aber ernst zu nehmen ist das nicht. Es wirkt eher wie der Versuch von ein paar Teenagern mit dem Feuer zu spielen. Manchmal bewegt man sich auch in den Niederungen der Groschenroman-Psychologie. Warum und wieso eine bestimmte Figur sich einen imaginären Kumpel erschafft, während man ansonsten ziemlich kaltblütig durch die Gegend ballert, ist egal. Aber der Twist ist ja "soo geil", dass die Spieler es gleich mehrfach erklärt bekommen. Auch eine Form der Selbstüberschätzung.
Die einzige Botschaft, die CoD vermittelt ist das Krieg geil ist. "Boah, voll Fett wie dem die Kugel die Birne zermatscht. He, aber irgendeiner muss es ja machen. So ist halt Krieg." Zynismus Ende.
Zum Schluss gibt es noch die tragische Variante. Spiele, die eigentlich alles mitbringen, aber nichts damit anzufangen wissen. Crytek hätte aus "Crysis 2" zum Beispiel eine schöne "Robocop"-Variante machen können, doch ich könnte wetten, dass den Frankfurtern das gar nicht aufgefallen ist. Stattdessen Krach und ein ach so tiefgründiges Ende, dazwischen Technikspielereien, aber sonst nichts. Man wollte halt beim Konzert der Großen mitspielen und ist damit baden gegangen. Mal sehen wie es nach dem Flop bei Crytek weitergeht.
Ich kann das ja alles verstehen. Seit dem phänomenalen Erfolg von "Modern Warfare" muss jedes Spiel einen Mehrspieler-Part haben, um dauerhaft erfolgreich zu sein. Das meinen zumindest die Publisher und so bekommt "Dead Space 2" einen ziemlich unsinnigen "Left 4 Dead"- Abklatsch verpasst. Geholfen hat es wenig, aber das Ärgerliche daran: Der Spieler bezahlt dafür die Entwicklungskosten und legt für "Homefront" 60 - 70 € hin, obwohl er nur die Story-Kampagne durchspielen oder mit ein paar Freunden zocken will. Ich bin nicht alleine mit der Forderung, dass man Solo- und Mehrspieler-Modus auch getrennt vermarkten sollte. Das würde allen helfen.
So werden Spiele wie "Alan Wake" oder sogar "Heavy Rain" nur zu Achtungserfolgen, weil die Werbung den Spielern einredet, dass nur Mehrspieler-Matches "nachhaltig" sind. Was ein Quatsch - eine gute Story bewegt mich länger, als irgendeine Killstreak.
Trotzdem gibt es Hoffnung. "L.A. Noire" ist ein klassisches Solo-Spiel und auf dem besten Weg zu einem Millionseller und ähnliches gilt für "The Witcher 2". Story, Anspruch und Massenmarkt geht also doch! Die Branche könnte ja auch mal einen Blick über den Tellerrand wagen. "Inception" oder Umberto Ecos "Der Name der Rose" hätten die Analysten einen solchen Erfolg nicht vorhergesagt. Man muss halt nur wollen.