Als ich kürzlich in einem Supermarkt die üblichen Dinge eines Internet-Junkies kaufte (Kaugummi gegen Zigarettensucht, Zigaretten gegen Kaugummisucht), vernahm ich das Rufen einer Frau. Eine Seniorin, schätzungsweise Mitte 80, graues Haar, edle Brille, typische Oma-Kleidung, lag fast auf dem Boden und wurde hilfsbedürftig von einer jüngeren Dame asiatischer Herkunft festgehalten. Zwei Frauen um die 50 eilten herbei, um die Seniorin zu stützen und sie auf eine Art Tisch zu hieven. Ich stand kurzzeitig da, zugegeben irritiert von der Situation. Was tun? Ich hetzte zum naheliegenden Bäckerei-Stand und sagte, man solle den Notarzt rufen. Eine andere Hilfe-Leisterin schrie nach einem Glas Wasser; ich forderte eine Supermarkt-Verkäuferin auf, einen Stuhl zu holen. Langsam kam die schrullige Oma wieder zu Bewusstsein. Kurze Zeit hatte ich Angst, wie damals beim Zivildienst jemanden live beim Sterben zuschauen zu müssen. Zum Glück ging es ihr schnell wieder besser, sie konnte etwas am Wasserglas nippen und gemeinsam mit einer anderen Frau schob ich sie auf den zuvor gebrachten Stuhl.
Was mich im Nachhinein wunderte: Nur „ältere“ Frauen waren sofort bereit, irgendwie zu helfen – vor allem junge Menschen standen kurz da, ignorierten das Geschehen, wandten sich ab oder starrten nur dumm, bevor sie weiter eilten. Leute in meinem Alter waren es, die lieber am Nachmittag ihr „Cola-Bier-Mix“ tranken, anstatt jemanden zu helfen, der wirklich Hilfe benötigt. Die jungen Mädels, zugegeben nicht stark genug, um die Oma zu stützen, blickten auf ihre frisch erworbenen Frauenzeitschriften, als mal zu schauen, was in ihrem Umfeld passiert – als würden sie lieber ihr Blondinen-Klischee erfüllen wollen.
Zwangsläufig drängten sich mir die Fragen auf: „Wie kann es sein, dass einem der Tod des eigenen Charakters z.B. in einem Online-Rollenspiel mehr zusetzt, als eine hilfsbedürftige Oma, die ihrer Schwäche fast zum Opfer fällt? Kann es sein, dass ein Spiel interessanter, spannender oder wichtiger ist als das eigene Umfeld – da, wo man lebt? Klar, ich möchte den dort anwesenden jungen Passanten und Käufern nicht unterstellen, sie seien durch Spiele so geworden wie sie sich verhalten haben (was auch völliger Unsinn wäre), aber für mich war es doch auch eine Selbstverständlichkeit, irgendwie zu helfen – egal ob ich eine große oder kleine Bereicherung in dieser Situation sein würde.
Was ich mir nur für die Zukunft wünsche: Sollte ich noch einmal in eine solche Situation kommen, dann wäre es schön, wenn man nicht auf so viel Gleichgültigkeit bei den anderen Menschen stößt und dass sie sich genauso viele Gedanken um eine Person machen, die sie nicht kennen. Es kostet nicht viel Aufwand, aber man tut etwas Gutes – und das ist nicht nur etwas für das eigene Ego, sondern eine Bereicherung für unsere Gesellschaft, die nur noch auf Egoismus und eigene Vorteile ausgelegt ist. Ich hoffe auf eine bessere Zeit, denn wenn ich einmal Hilfe benötige, freue ich mich auch über jemanden, der mir zur Seite steht.
Habt ihr ähnliches erlebt, Menschen in der Not geholfen? Über Kommentare oder Erfahrungen in unserem Forum bzw. unter diesem Text freue ich mich sehr.