Wer unser Magazin regelmäßig besucht und unsere Artikel liest, der weiß, dass wir von DemoNews.de Fakten und Themen gerne mit einem ironischen Augenzwinkern betrachten - so beispielsweise auch die aktuelle Killerspiele-Diskussion. Schließlich wird man dazu schon fast getrieben, wenn man die lächerlichen und infamen Blüten beobachtet, die dieser Bereich in der Öffentlichkeit und in der Politik treibt. Doch irgendwann bleibt auch uns das Lachen im Hals stecken. Und deswegen möchte ich heute eine ganz bestimmte Sache anprangern – und dies im vollen Ernst und (fast) frei von Sarkasmus.
Es scheint momentan wirklich sehr modern zu sein, schreckliche und schockierende Gewalttaten auf einen kleinen gemeinsamen Nenner zu bringen: Killerspiele sind schuld. So geschehen im vergangenen November, als ein 18-Jähriger an der Geschwister-Scholl-Realschule in Emsdetten 37 Menschen verletzte. Nur zu gerne wird diese Tat als ein Amoklauf verkauft – also als eine Tat, die spontan und in blinder Wut durchgeführt wurde. Dass der Täter seine Handlung schon lange vorher geplant und auch öffentlich angekündigt hatte, wird von Politikern und Medien nur zu gerne verschwiegen. Schließlich müsste man dann auch die Frage stellen, warum weder den Eltern, noch seinen Lehrern oder Mitschülern dieses Verhalten aufgefallen ist bzw. warum keiner darauf einging. Ebenso scheint es nicht weiter interessant zu sein, wie ein normaler Jugendlicher an eine größere Anzahl von Schusswaffen kommen kann. Nein, nachdem mehrere Monate ins Land gegangen sind zählt nur noch, dass der Täter ein CounterStrike-Spieler war und wohl deswegen gewalttätig wurde.
Ähnlich wird es sicherlich mit der furchtbaren Tat vom vergangenen Wochenende sein: Zwei 17-Jährige erstachen einen 46-jährigen Mann sowie seine jüngere Ehefrau in ihrer Wohnung. Außerdem nahmen sie ein 15-jähriges Mädchen als Geisel, ließen es aber glücklicherweise unverletzt wieder frei. Wie konnte es dazu kommen? Die BILD-Zeitung hatte bereits zwei Tage später die passende Antwort: Killerspiele sind verantwortlich dafür. Denn wie die Zeitung in ihrem Online-Auftritt schreibt, haben die „als freundlich bekannten Gymnasiasten das Computerspiel „Final Fantasy VII“ nachgespielt.“ Und es erscheint wohl logisch, dass freundliche und sympathische Jugendliche nach dem Konsum solch eines Killerspiels sofort zu Amoktätern mutieren, oder? Offenbar ist das so, wie Jugendpsychologe Michael Thiel gegenüber der Zeitung zu berichten weiß: „Bei solchen Spielen (Nebenfrage des Verfassers: Was sind „solche Spiele?“) verlieren empfindsame Menschen in dieser Scheinwelt die Kontrolle – und suchen sich einen neuen Kick.“ Aha, also alles klar. Die Ursachen sind aufgeklärt, der Fall kann zu den Akten.
Dass solche stichhaltigen Fakten von Politkern zu Propagandazwecken aufgegriffen werden, macht die ganze Angelegenheit nicht wirklich besser. Trotzdem verkündete der bayerische Innenminister Günter Beckstein vergangenen Dienstag beim Treffen der europäischen Innen- und Justizminister in Dresden, dass der "Doppelmord exakt nach dem Drehbuch eines Killerspieles" abgelaufen sei. Woher weiß das der gute Mann? Vermutlich aus der BILD-Zeitung. Denn wenn man sich ein wenig mehr mit dieser Tat auseinandersetzt und erst einmal zuhört, bevor man darüber reißerisch berichtet oder spricht, dann würde man feststellen, dass (einmal mehr) sehr viel heiße Luft verbreitet wurde. Denn: Es gibt nach dem aktuellen Stand der Dinge überhaupt keine eindeutigen Beweise oder Aussagen, dass die beiden Jugendlichen jemals „Final Fantasy VII“ gespielt haben!
Die 15-jährige Geisel der beiden Täter war gestern in der Sendung „Stern TV“ auf RTL zu Gast und berichtete von der Mordnacht. Hier sei die Frage gestattet, ob es moralisch überhaupt vertretbar ist, eine Heranwachsende wenige Tage nach solch einem Erlebnis einem Liveauftritt vor Millionen Zuschauern auszusetzen. Offensichtlich scheint es so zu sein und schließlich wollen die Medien das Eisen ja auch schmieden, solange es noch heiß ist. Dumm nur, dass das Mädchen keine Sprüche über Killerspiele vom Stapel ließ, sondern erzählte, dass sie zusammen mit den beiden Tätern zuvor den Animationsfilm „Final Fantasy VII: Advent Children“ angesehen habe. Es kann also grundsätzlich gar keine Rede von Killerspielen sein, denn der Film basiert zwar auf dem erwähnten Playstation- und PC-Spiel „Final Fantasy VII“, erzählt aber eine ganz andere Geschichte. Außerdem ist der Film laut Auffassung der Freiwilligen Selbstkontrolle (FSK) nicht unbedingt gewaltverherrlichend, schließlich hat sie ihn mit einer Alterskennzeichnung „Ab 12 Jahren“ eingestuft. Und im Gegensatz zur USK (Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle) steht die für Filme zuständige FSK bisher nicht in der Kritik, zugunsten der Wirtschaft zu entscheiden, sondern wird sogar im Auftrag der Obersten Landesjugendbehörden tätig.
Doch zurück zum Thema: Kannte die BILD-Zeitung diese Tatsachen nicht oder lässt sich die aktuelle Killerspiel-Diskussion einfach besser verkaufen? Hätte sich ein verantwortungsvoller Politiker nicht vorher über so etwas informieren müssen, bevor er populäre Phrasen in der Öffentlichkeit verbreitet? Nein, wahrscheinlich nicht. Denn auch Magazine, denen diese Tatsachen bekannt sind, schlagen den gleichen Weg ein. Beispielsweise schreibt Focus Online: “Dieser Videofilm, zu dem es auch Computerspielvarianten gibt, soll Vorbild für die Tat gewesen sein.“. Auch das Hamburger Abendblatt, die Kölnische Rundschau, die Augsburger Allgemeine oder die Rhein Zeitung haben stellvertretend für viele andere Zeitungen und Zeitschriften aus dem gesamten Bundesgebiet folgenden Text als Inhalt: „…die Angreifer hätten von dem 46-jährigen Familienvater Unterwerfungsgesten verlangt, bevor sie auf den niederknienden Mann einstachen und ihn umbrachten. Solche Szenen gebe es im Video „Final Fantasy“, das auch als Computerspiel-Variante auf dem Markt sei." Es scheint, als wäre es unheimlich wichtig, unbedingt einen Zusammenhang zwischen dem Doppelmord und Computerspielen zu erzwingen - notfalls über ein oder zwei Ecken.
Hinterher kann jeder behaupten, man habe dies niemals als Tatsache ausgesprochen, doch in der Bevölkerung wird eben genau dieser Zusammenhang in Erinnerung bleiben. Das ist ganz im Sinne dieser Medien, die dann das Thema „Killerspiele“ mit ziemlicher Sicherheit irgendwann wieder aufgreifen werden, um weiter Panikmache betreiben zu können. Und dies freut voreilige Politiker, die dann erneut medienwirksame Aussagen treffen dürfen. Aber ist dies im Sinne der Wahrheit und einer gerechten und sachgemäßen Behandlung eines so sensiblen Themas wie dem Jugendschutz? Regt eine solche Berichterstattung wirklich dazu an, sich mit den wahren Gründen für solch schreckliche Taten auseinandersetzen? Ich denke, die passende Antwort kennt jeder von Euch bereits.
Und daher solltet Ihr nicht vergessen, dass Ihr nicht nur diese Kolumne kommentieren könnt, sondern die Möglichkeit habt, beispielsweise Leserbriefe an die oben genannten Magazine zu schreiben oder Euch mit einer (bitte konstruktiven) E-Mail an Parteien, Behörden etc. zu richten. Denn allein über Diskussionen in Spielforen wird sich an der Art der Berichterstattung und der Vorgehensweise mancher Politiker nichts ändern. Vielleicht auch nicht dadurch, dass Ihr Eure Meinung kundtut – doch ist es nicht schon allein der Versuch, der zählt?
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