Ganz ehrlich, liebe Leser, ich bin enttäuscht! Nein, ich bin sogar entsetzt! Da habe ich Euch doch vor einigen Wochen ausführlich und investigativ erläutert, warum all diese menschenverachtenden Killerspiele unbedingt und ohne jeden Kompromiss verboten werden sollten (wer sich nicht erinnert, der informiere sich hier). Und was ist seitdem passiert? Nichts! Nothing! Nada! Unsere tollen und vertrauenswürdigen Politiker haben doch versprochen, uns 2007 endlich von diesen gesellschaftsbedrohenden Krebsgeschwüren zu befreien! Doch obwohl das neue Jahr nun schon sehr weit fortgeschritten ist, muss ich noch immer Angst haben, wenn mich beispielsweise ein achtjähriges Balg in der U-Bahn blöd angrinst. Wer weiß schon, ob es sich dabei nicht um einen potentiellen Killerspieler handelt, der gleich seine Uzi aus dem Pokemon-Schulranzen zieht und mich als Geisel nimmt.
Da ist es doch gut, dass es uns von DemoNews.de gibt. Beziehungsweise mich, denn irgendwie gehen mir die Kollegen seit meiner letzten Kolumne etwas aus dem Weg – ich gehe davon aus, dass sie dies aus Respekt vor meiner Person tun. Egal, auf alle Fälle möchte ich Euch allen noch weiter die Augen öffnen für die nicht länger hinnehmbaren Störfaktoren unserer harmonisch-kuschligen Gesellschaft. Denn Killerspiele können nur der Anfang sein und wir müssen noch viel mehr Dinge verbieten, verstoßen, verdammen, verbrennen, ver…, ver… ähm… egal, Ihr habt kapiert was ich meine. Denn nicht nur diese Spiele bedrohen uns, sondern beispielsweise auch andere Dinge, wie, wie ähm… hmm… genau, wie zum Beispiel Alkohol!!
Alkohol und schädlich? Wie ich darauf komme? Nun, ganz einfach: Unser geliebter bayrischer Innenminister Günter Beckstein behauptet ja schließlich, dass vor allem labile junge Menschen Killerspiele nutzen würden. Und diese sollen sich laut seiner Meinung auf die Emotionen auswirken, die Hemmschwelle herabsetzen und zu Nachahmungstaten verleiten. Auch Volljährige seien angeblich nicht davor gefeit, außerdem gäben junge Erwachsene diese Killerspiele eh an jüngere Freunde weiter, weswegen Alterseinstufungen nicht griffen. Und gilt dies alles nicht auch für Alkohol? Doch! Deswegen konnte ich gar nicht anders und sah es als meine Bürgerpflicht an, folgende E-Mail an das „Bayerische Staatsministerium des Innern“ zu schreiben, damit „Günni“ (so nenne ich Herrn Beckstein liebevoll) auch hier durchgreift:
„Sehr geehrte Damen und Herren,
ich rege an, einen Gesetzesentwurf zum Verbot von Herstellung und Vertrieb von alkoholischen Getränken auszuarbeiten und diesen dem Bundestag vorzulegen. Begründung: Alkohol kann bei den Konsumenten zu einer erhöhten Hemmungslosigkeit und Gewaltbereitschaft führen, wodurch es schon zu etlichen Straftaten von Beleidigung bis hin zur Körperverletzung oder gar zu Todesfällen gekommen ist. Gerade psychisch labile Persönlichkeiten nutzen Alkohol zur Problembewältigung, wodurch sie zu einer Gefahr für sich selbst und für die gesamte Bevölkerung werden. Außerdem führt der übermäßige Konsum von Alkohol zu einem Suchtverhalten und ist auch - oder gerade - die Thematik "Alkohol im Straßenverkehr" ein großes Problem, welches allein durch Kontrollen der Polizeibehörden niemals in den Griff zu kriegen ist. Gerade Spirituosen, die im Handel erst an Erwachsenen abgegeben werden dürfen, sollten verboten werden. Denn grundsätzlich darf erst ein Mensch ab 18 Jahren solche Getränke käuflich erwerben, allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass dieser Spirituosen an Minderjährige weitergibt. All diese Punkte zeigen deutlich, wie schädlich Alkohol für die gesamte Bevölkerung ist, deswegen sollte allein schon die Herstellung und der Vertrieb strafrechtlich verfolgt werden.
Es würde mich freuen, wenn Sie sich mit diesen Vorschlägen beschäftigen und mir mitteilen würden, wie wahrscheinlich Sie solch einen Gesetzesentwurf ansehen und ob ich mit Ihrer Unterstützung in dieser Sache rechnen kann.“
Klingt doch logisch, oder? Und wie nicht anders zu erwarten, bekam ich auch unverzüglich Antwort. Ein gewisser Michael. Z., Pressesprecher des Ministeriums, schrieb mir:
„…vielen Dank für Ihre e-mail. Ich darf Sie allerdings bitten, sich unmittelbar an das für Ihr Anliegen zuständige Bayerische Staatsministerium für Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz zu wenden.“
Verdammt, ich hatte doch gehofft, dass sich „Günni“ der Sache annimmt. Aber halt! Wer ist den gleich wieder der Chef vom Gesundheits-Dingsda? Ach ja, das ist doch Werner Schluck… ähm… Schnappauf. Dies ist ja noch viel besser, denn schließlich ist „Schnappi“ ein Mann, der durchgreift. Der lässt in Bayern schon mal zehntausende Hühner killen, wenn auf der Ostsee-Insel Rügen das Federvieh wegen Vogelgrippe den sterbenden Schwan zelebriert. Und nicht anders ergeht es Problembären, die es wagen, illegal nach Deutschland zu migrieren. Sehr gut! Also habe ich mich mit meiner E-Mail natürlich unverzüglich an sein Ministerium gewandt. Und ich bekam nach kurzer Zeit auch eine Antwort. Allerdings bin ich davon sehr enttäuscht! Lest einfach selbst:
“…Ohne Zweifel stellen Menschen, die sich übermäßig betrinken und dann Straftaten begehen oder schwere Unfälle verursachen, wie Sie darlegen, eine große Gefahr für ihre Umgebung dar. Daher ist es auch wichtig, hier vorzubeugen und vor allem Jugendliche dahingehend zu sensibilisieren, dass sie möglichst auf Alkohol verzichten und später als junge Erwachsene einen verantwortlichen Umgang mit alkoholischen Getränken lernen. So stand in diesem Jahr im Rahmen der Gesundheitsinitiative des Bayerischen Gesundheitsministeriums "Alkoholprävention und Jugendschutz" im Vordergrund. Es wurde u.a. ein runder Tisch eingerichtet, an dem neben Vertretern von Jugendorganisationen, Eltern, Schulen und Staat auch die Alkoholindustrie eingebunden ist. Gemeinsame Vorgehensweisen sollen entwickelt werden, um den Alkoholkonsum bei Jugendlichen wirksam einzudämmen…"
Was soll das denn? Lese ich da richtig? Vorbeugen? Sensibilisieren? Verantwortlichen Umgang lernen? Gemeinsame Vorgehensweise? Und dann noch ein runder Tisch, bei dem sogar die Alkoholindustrie mitspricht? Hey, das geht doch nicht. Das sind doch alles Stichpunkte, die beim Thema „Killerspiele“ von den Politikern abgelehnt werden. Und bei „Alkohol“ ist dies alles möglich und man spricht nicht gleich von Verbot? Das verstehe wer will. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird. Man könnte ja fast meinen, dass die Vernebelung der Sinne durch den Genuss von Wein und Korn in der Allgemeinheit als normaler angesehen wird als das Spielen von Computergames. Und mir drängt sich schon fast der absurde Gedanke auf, dass eine LAN-Party zwar als Treff pubertierender Nachwuchs-Terroristen angesehen wird, das kollektive Besäufnis auf dem Oktoberfest dagegen als Kulturgut gilt. Aber vermutlich täusche ich mich, denn warum sollte man den besinnungslosen Suff in der Öffentlichkeit dem virtuellen Blutrausch zuhause vorziehen? Die Alkoholindustrie hat doch schließlich keine größere Lobby in der Bevölkerung und der Politik als die Spielindustrie. Oder doch?
Toll! Meine Freunde Günni und Schnappi haben es geschafft: Ich bin verwirrt. Wobei werden statistisch gesehen mehr Leute verletzt? Durch die Auswirkungen von Ego-Shootern oder von Bier und Schnaps? Jetzt kenne ich mich gar nicht mehr aus. Vielleicht sollte ich in die Kneipe um die Ecke gehen, ein kühles Bier trinken, dazu eine wohltuende Zigarette rauchen und über die Gründe für Verbote und Nichtverbote und deren Sinn ein wenig genauer sinnieren…