Es ist eine altbekannte Tatsache, dass Neugeborene nicht nur versorgt werden wollen, sondern auch Zuneigung, Kontakt, Liebe brauchen. Dies musste schon der römisch-deutsche Kaiser Friedrich II. (*1194, +1250) feststellen, der im Jahre 1211 ein sehr fragwürdiges Experiment durchführte, um herauszufinden, welche Sprache die Ursprache der Menschheit sei. Er veranlasste, dass sieben neugeborene Säuglinge nicht von ihren Müttern, sondern von Ammen ernährt wurden. Diese durften den Kindern keinerlei Zuneigung entgegenbringen und kein Wort mit ihnen sprechen. Das Ergebnis dieser Versuchsreihe war vernichtend und fiel völlig anders aus als erwartet: Alle Kinder starben innerhalb von drei Monaten, obwohl es ihnen an nichts gefehlt hatte – außer an Liebe.
Nun mag es etwas weit hergeholt sein, von diesem Experiment aus dem tiefsten Mittelalter auf die kommende Konsolengeneration zu schließen. Doch war es irgendwie nicht auch furchtbar traurig, wie den Tausenden von Besuchern der Games Convention ein einziges Modell der Playstation 3 präsentiert wurde? Ganz allein und verlassen stand das arme Ding da. Eingesperrt in einem Glaskasten, ständig umgeben von Leuten, die es nur zu gerne liebkosen würden, wenn man sie nur ließe. Und wurde das Wunschkind vieler Spieler doch einmal aus seinem gläsernen Gefängnis entlassen, durfte es keinerlei Körperkontakt verspüren, sondern wurde lediglich mit Samthandschuhen angefasst. Mich rührten diese Szenen fast zu Tränen – halb aus Trauer über die arme, eingesperrte Konsole und halb aus Wut auf Sony, da man uns allen nicht die Möglichkeit geben wollte, unsere Liebe zu verbreiten.
Dem Wii erging es nicht besser. Auch dieses Baby würden viele Spieler lieber gestern als morgen adoptieren und ihm einen hübschen Ehrenplatz im heimischen Wohnzimmer frei räumen. Es wäre zu schön gewesen, wenn man sich von Nintendos jüngstem Spross wenigstens ein Bild hätte machen können, doch dies wollte „Big N“ leider nicht zulassen. Man zeigte im öffentlichen Bereich der Games Convention kein einziges Exemplar des Wii und nutzte Europas wichtigste Spielmesse auch nicht, um die letzten Fragen rund um den Release der Konsole zu klären. Auch diese Tatsachen trieben mir fast die Tränen in die Augen – aus ganz ähnlichen Gründen wie bei der Playstation 3.
Nun stellt sich natürlich die berechtigte Frage, ob Sony und Nintendo nicht zuviel Geheimniskrämerei betrieben haben. Denn warum sollten wir uns einzig und allein von der logischerweise sehr voreingenommenen und positiv gestrickten Werbemaschinerie beider Konzerne überzeugen lassen? Warum sollten die deutschen bzw. europäischen Spieler quasi die Katze im Sack kaufen? Warum wird erwartet, dass wir blind darauf vertrauen, dass der Wii tatsächlich so innovativ ist wie versprochen und die Playstation 3 wirklich soviel Power unter der Haube hat, wie man uns weiß machen will?
Und selbst wenn diese beiden Vorhersagen zutreffen, sagen sie rein gar nichts über das wichtigste Feature aus, welches auch oder gerade ein Launchtitel einer Konsole haben sollte – nämlich Spielspaß. Denn potente Hardware und ungewöhnliche Steuerung allein sind dafür noch lange kein Garant. Deswegen wäre es sinnvoll gewesen, uns in Kontakt treten zu lassen mit unseren theoretischen Neuanschaffungen. Wenn die erste Generation der neuen Games tatsächlich so toll ist wie angekündigt, sollte man sie die Leute antesten lassen; schließlich lautet eine altbekannte Branchenweisheit „Software sells Hardware“. Und durch solch eine Selbsterfahrung mit besagter Software wäre es wirklich möglich, Euphorie für eine neue Konsole zu entwickeln – und sie so letztendlich an den Käufer zu bringen.
Keine Frage, es wird trotzdem genügend (vornehmlich männliche) Adoptierwillige geben, die keine Kosten scheuen, um die heimische Konsolen-Familie so schnell wie möglich zu vergrößern. Genauso gibt es einen großen Personenkreis, der ebendies von vornherein ausschließt. Doch dazwischen ist eine nicht kleine Gruppe von Leuten, die noch unschlüssig ist. Und ob diese potentiellen Kunden durch den Besuch der Games Convention umgestimmt wurden, darf stark angezweifelt werden. Zumal beide kommenden Konsolen jeweils mit einem großen Manko leben müssen: Bei der Playstation 3 ist es der sehr hohe Preis von 599 Euro, den sich nicht jeder leisten will oder überhaupt leisten kann. Und bei dem Wii gibt es die sicherlich nicht ganz unberechtigte Befürchtung, dass nach einigen Monaten die Unterstützung durch Dritte abnimmt, da die Konsole einfach zu sehr gegen den Mainstream aller anderen Spielsysteme läuft.
Doch die Games Convention ist vorbei und die Chancen wurden vertan. So bleibt uns leider nichts anderes übrig, als den Blick ins Land der aufgehenden Sonne zu richten, denn dort werden beide neuen Sprösslinge auf der Tokyo Games Show im September tatsächlich spielbar sein. Wahrscheinlich, weil der Japaner an sich sehr viel mehr Liebe für technischen Schnickschnack übrig hat als ein Durchschnitts-Europäer. Oder liegt es daran, dass wir Europäer von den japanischen Konzernen weniger geliebt und geschätzt werden? Wer weiß, wer weiß…. es soll hinterher nur niemand kommen und überrascht sein, wenn dieser zurückhaltende Liebesbeweis an Europa auf wenig Gegenliebe stößt und ebenso negative Auswirkungen hat, wie es vor etlichen hundert Jahren bei Kaiser Friedrich II. der Fall war.