Familienfluch
Bereits der Storyansatz sorgt für ein episches Spielgefühl: Alexandrea Roivas hat gerade erfahren, dass ihr Großvater auf grausige Art ums Leben gekommen ist. Auf der Suche nach Spuren, was ihm zugestoßen ist, entdeckt sie in seiner Villa ein geheimnisvolles Buch. Mit diesem durchlebt sie die Geschichten von gleich zwölf ihrer Vorfahren und wie diese in die Fängen einer bösen Macht geraten sind. Da ihr die Erlebnisse aller Vorfahren in Form von Rückblenden selbst steuert, wird Abwechslung groß geschrieben. Schließlich lebte jeder in einer anderen Zeitepoche, vom alten Rom bis zur modernen Neuzeit.

Rein spielerisch mutet Eternal Darkness zunächst wie ein schnöder Resident-Evil-Klon an: Ihr stolziert durch dunkle Gemäuer und müsst euch gegen allerlei garstige Monster, Untote, Dämonen etc. zur Wehr setzen. Dazu gibt es die üblichen Hieb- und Schusswaffen, wobei auch hier Unterschiede zwischen den einzelnen Spielfiguren bestehen: einmal schwingt ihr ein antikes Schwert, ein andermal verschießt ihr per Blasrohr giftige Pfeile und wieder woanders tragt ihr eine fette Shotgun bei euch.
Bereits bei den ersten Kämpfen sollte selbst dem unwissenden Videospiellaien auffallen, dass sein Alter Ego grün blinkt, sobald es ein neues Monster zu Gesicht bekommt. Gleichzeitig verliert es ein Stück seiner so genannten Sanity Energie, die man andersherum durch das Ausführen von tödlichen Finish-Moves zurück gewinnt.
Ein Spiel, das Wahnsinnig macht
Im Prinzip ist die Sanity-Energie nichts Lebensnotwendiges, sprich: Ihr könnt auch ohne munter voran schreiten. Jedoch müsst ihr stets mit kleinen bis richtig fiesen Störfaktoren rechnen. Schreie, die aus dem Nichts kommen, gehören hierbei noch zu den harmloseren Effekten. Bereits für mehr Verwirrung sorgt eine auf dem Kopf stehende Spielgrafik. Doch spätestens wenn plötzlich ganz viele Gegner vor euch stehen oder euer halber Körper explodiert, setzt bei euch der Schockzustand ein. In ganz seltenen Fällen tut das Spiel gar so, als ob es via Blue-Screen abgestürzt sei oder jemand den Fernseher ausgeschaltet hätte. All dies löst sich nach ein paar Sekunden in Wohlgefallen auf und das Spiel geht “normal“ weiter. Wer aber die Nerven verliert, der vollführt unter Umständen fatale Fehler – wie beispielsweise das er den Fernseher wieder anschalten möchte. Und was passiert in dem Falle bei einem Fernseher, der eigentlich “an“ ist? Richtig, man schaltet ihn “aus“…
Allein mit dem Sanity-Energie-Kniff sorgte Silicon Knights für ein einmaliges Spielerlebnis, das man allenfalls mit Elementen der Metal-Gear-Solid-Saga vergleichen könnte (ich sage nur Psycho Mantis). Allerdings beschränkt es sich dort auf wenige Szenen, während sich hier der Psychoterror durch das gesamte Spiel zieht.
It’s Magic
Ebenfalls sehr stark ist das Magie-System, bei dem ihr allerlei Runen für ewig viele Zaubersprüche kombinieren könnt bzw. müsst. Manche davon dienen zur besseren Bekämpfung eurer Gegner, andere hingegen sind zum Lösen der Rätsel unersetzlich. Letztere erinnern übrigens schwer an die ersten Resident-Evil-Episoden: Ihr findet viele Objekte und müsst diese oftmals an der korrekten Stelle einsetzen, um einen neuen Gang zu öffnen. Kniffelige Gegenstandskombinationen wie bei einem Point’n’Click-Adventure müsst ihr nicht fürchten.
Beim Kampfsystem hat sich Silicon Knights ebenfalls einen kleinen Kniff einfallen lassen beziehungsweise vielleicht ein wenig in Richtung des Action/Rollenspiels Vagrant Story geschielt: Sobald ihr mit eurer Waffe auf einen Gegner zielt, blinkt dessen Torso. Haltet ihr die Angriffstaste gedrückt und bewegt zusätzlich das Analogpad, dann könnt ihr alternativ den Kopf, die Arme oder die Beine anvisieren. Wie in Dead Space ist es effektiver, zunächst ein paar einzelne Körperteile zu zerteilen/zu zerschießen, damit das Monster schneller entkräftet zu Boden sinkt.
Gut gealtert, mies verkauft
Allgemein ist die Spielbarkeit auch für das Jahr 2011 noch recht brauchbar, vorrangig weil Eternal Darkness zu den ersten Action/Adventures seiner Art gehörte, die sich von der veralteten, indirekten Laufsteuerung verabschiedeten. Hier bewegt ihr alle Mitglieder der Familie Roivas durch direkte Kommandos: Drückt ihr nach links dann dreht sich eure Spielfigur nicht um ihre Achse (wie z.B. bei einem Shooter oder 3D-Action/Adventures der Frühzeit), sondern sie läuft einfach von eurem Blickwinkel aus gesehen nach links.
Da auch die Grafik gar nicht mal so übel gealtert ist und der Sound sowieso wie bei vielen Horrorspielen üblich zu den Highlights gehört, bleibt am Schluss nur eine Frage: Warum gibt es keinen Nachfolger? Die recht schwachen Verkaufszahlen in Kombination mit der Entwicklungsdauer (ursprünglich sollte das Spiel schon auf dem Nintendo 64 erscheinen) dürften das größte Ausrufezeichen ausmachen. 2003 war Nintendo zudem noch sehr als Hersteller von Kinderspielen verschrien: Erwachsene kauften sich eher eine PlayStation 2 oder eine Xbox, weshalb Eternal Darkness schlicht auf dem falschen System erschienen ist.
Dies ist wirklich bedauerlich, denn allein die Sanity- und die Magie-Ideen sind bis heute recht einmalig. Das Kampfsystem ist ebenfalls recht originell und verknüpft erstaunlich gut Dynamik (Echtzeit-Faktor) mit Komplexität (Anvisieren verschiedener Körperteile möglich). Schnappt euch also mal statt Resident Evil 5000 dieses alte GameCube-Original, sofern ihr die entsprechende Konsole oder zumindest eine Wii im Schrank stehen habt. Und vergesst nicht, beim Spielen das Licht auszuschalten – damit der Wahnsinn noch mehr an Größe gewinnt.