Ein Held gegen Lack und Leder
Eigentlich müsste dieser Artikel unter der Rubrik “First Played“ laufen: In meinem Top-Ten-Special beichtete ich eine große Wissenslücke, nämlich das ich nie ein Infocom-Adventure durchgespielt hätte. Den letzten Monat habe ich in diesem Bereich so einiges nachgeholt und, wenn auch nur mit Komplettlösungen in der Hand, einen Heidenspaß dabei gehabt. Zu meinen neu gewonnen Erfahrungen gehört Steve Meretzkys Leather Goddesses of Phobos, einem der unumstritten besten und lustigsten Adventurespiele aller Zeiten.
Stellt euch vor: Wir schreiben das Jahr 1936 und alles sieht aus wie in einem dieser altmodischen Science-Fiction-Schinken á la Buck Rogers oder Flash Gordon. Auf dem Mond Phobos residieren die Ledergöttinnen, die eine Invasion der Erde planen - man(n) mag sich dabei lieber nicht ausmalen, welche Art der Unterdrückung der Menschheit bei Erfolg uns bevorstehe. Zum Glück gibt es euch, den Spieler, der die Chance erhält, die machtgeilen Pläne der Göttinnen zu verhindern.
Bist du ein Mann oder eine Frau?
Bereits die allererste Szene ist in ihrer Form nur in einem Textadventure möglich: Ihr befindet euch in einer Bar und habt ein dringendes Bedürfnis (!). Vor euch seht ihr zwei Türen, über der einen steht “Herren“ und über der anderen “Damen“. Je nachdem, hinter welcher Tür ihr euer Bedürfnis stillt, entscheidet sich das Geschlecht eurer Spielfigur. Zudem begleitet euch im Laufe des Abenteuers entweder Trent (wenn ihr ein Mann seid) oder Tiffany (falls ihr euch für ein Frauendasein entschieden habt). Der Spielverlauf ändert sich nicht großartig, aber sehr wohl bekommt ihr je nach Wahl ein paar eigene Dialoge und Texte zu lesen.
Wie funktioniert eigentlich ein Textadventure, werden sich einige von euch fragen. Nun, eigentlich ganz einfach: Ihr bereist die unterschiedlichsten Orte, die allesamt in Textform beschrieben werden. Typische Himmelsrichtungsangaben weisen auf Ausgänge hin, über die ihr zwischen den Orten oder Räumen wechselt. Ihr tippt direkt per Tastatur alle möglichen Befehle ein, wie beispielsweise “Go West“ (gehe nach Westen), “Get Key“ (nimm den Schlüssel) oder “Unlock Door“ (schließe die Tür auf). Der Parser, der diese Kommandos verarbeitet, kann freilich nicht sämtliche im realen Leben existierende Phrasen verstehen. Jedoch waren speziell die Spiele von Infocom sehr fortschrittlich programmiert, weshalb der Spieler sich nicht allzu sehr damit rumschlagen musste, die richtigen Worte zu finden.
Von obskuren Objekten bis hin zu nacktem Sex
Zurück zu Leather Goddesses of Phobos: Trent (oder Tiffany) offenbart euch irgendwann einen Plan, wie man die Ledergöttinnen besiegen könne. Dazu müsst ihr acht ganz spezielle Gegenstände besorgen, darunter solch obskure Dinge wie ein Telefonbuch von Cleveland oder ein Foto von Jean Harlow bzw. Douglas Fairbanks (erneut hängt dies von eurer Geschlechterwahl zu Beginn des Spiels ab). Euch wird zu keinem Zeitpunkt erklärt, warum ihr gerade hiermit die Invasion verhindern würdet – aber das ist auch egal und gehört mit zum Humor des Spiels. Dazu zählt auch ein Running Gag, nach diesem Trent/Tiffany mehrfach und auf immer grausamere Weise “stirbt“, nur um wenige Spielzüge später wie durch ein Wunder quicklebendig vor euch zu stehen.
Allgemein war Designer Steve Meretzky für seinen messerscharfen Humor bekannt, der lange Zeit als unangefochten in der Spielszene galt (genau genommen bis ein anderes, recht bekanntes Adventure mit einem noch viel bekannteren Piraten auf die Bühne trat…). Der Name des Spiels sowie das Wesen der Invasoren legt zudem nahe, dass die Geschichte nicht so ganz jugendfrei verläuft. In der Tat könnt ihr mehrfach Sex haben - wobei sich dieser auf Mann plus Frau beschränkt (ich erwähne dies nur, weil mich ernsthaft gut die Hälfte meines Freundes/Bekanntenkreises danach gefragt hat, als ich ihnen von dem Spiel erzählte). Jedenfalls setzte auch hier Metzky voll auf die Humor- sowie Persiflage-Schiene. Auch die “heißeste“ Liebesszene endet in aller Regel mit einer Pointe, die das ganze Geschehen von “nahezu peinlich“ in Richtung “schreiend komisch“ drückt. Und erneut kann ich mir nicht vorstellen, dass dies mit Grafik und Sprachausgabe genauso gut funktioniert hätte. Nebenbei erwähnt lässt sich der “Härtegrad“ dieser Szenen in drei Stufen einstellen, wobei in der zahmsten gar kein Schweinskrams mehr vorkommt.
Eines der besten Adventurepuzzles der Menschheitsgeschichte
Achtung, heftiger Spoiler: Der Hauptgrund, der mich zu diesem Replayed-Artikel animierte, ist ein ganz bestimmtes Rätsel, dass drei markante Meretzky-Charakteristika aufweist: Es ist von der Idee her völlig bescheuert, trotzdem absolut logisch nachvollziehbar und 101%-ig nur in Textform möglich. Irgendwann findet ihr eine sogenannte “untangeling cream“, frei übersetzt eine “Entfaltungscreme“ oder ganz einfach “Faltencreme“. Die ist in ihrer Ursprungsform praktisch nutzlos. Dann erhaltet ihr an anderer Stelle eine “odd machine“, also eine komische Maschine. Sobald ihr diese untersucht, wird euch erklärt, dass es sich hier um einen “TEE Remover“, ergo einen “TEE Entferner“ handele.
Wieder an einer ganz anderen Stelle trefft ihr auf König Mitre. Der Mann wird als eine Art König Midas beschrieben, der jedoch keine Dinge in Gold verwandelt, sobald er sie berührt, sondern in “forty-five degree angles“ – sprich in “45-Grad Winkel“ (!!). Auch seine eigene Tochter hat es erwischt, weshalb ihr folgendes tun müsst: Ihr steckt die “untangling cream“ in die “odd machine“. Diese entfernt buchstäblich das “T“, weshalb eine “unangeling cream“ heraus kommt. Dieses Wort gibt es eigentlich gar nicht, doch die Bedeutung ist klar: “Unangling“ könnte man als “Entwinkeln“ bezeichnen. Wenn ihr nun als diese “Entwinkelungscreme“ mit der in eine “45 Grad Winkel“ verzauberte Prinzessin benutzt, verwandelt sich diese zurück in einen Menschen. König Mitre bedankt sich artig und reicht euch höflich die Hand – was ihr besser ausschlagt.
Denn das sollte jedem, der nun voller Begeisterung aufgrund dieser obskuren Ideen nach dem Spiel dürstet, bewusst sein: Ihr könnt hier sterben ohne Ende und auch in die eine oder andere Sackgasse geraten. Schließlich stammt Leather Goddesses of Phobos von 1986, in einer Zeit weit bevor Lucasfilm Games/LucasArts solche Stolperfruststeine beerdigte. Beispiel: Irgendwann werdet ihr unfreiwillig Teil eines Experimentes, bei dem euer Bewusstsein gegen das eines Gorillas getauscht wird (fragt nicht…). Solltet ihr nicht rechtzeitig das Stückchen Schokolade in den Käfig des Affens gelegt haben, dann könnt ihr gleich einen alten Spielstand laden. Auch müsst ihr bei Benutzung der “odd machine“ aufpassen, schließlich macht die aus einem “basket“ ein “baske“, aus “tray“ “ray“ oder aus “rabbit“ “rabbi“ – alles Dinge, die ihr schlicht nicht gebrauchen könnt und aufgrund des nun fehlenden Objektes ein Weiterkommen unmöglichen machen. Gleichzeitig sei gesagt, dass die meisten Rätsel so schön logisch sind, dass man durchaus auf die ganzen fiesen Gemeinheiten kommen kann – doch hierfür solltet ihr ein paar Wochen Spielzeit sowie gute Nerven einberechnen, sofern ihr komplett auf das Zurückgreifen einer Lösung verzichten wollt. Zur Entwarnung: Ein durchschnittliches Sierra-Adventure (also von King’s Quest bis Leisure Suit Larry) war diesbezüglich nochmal eine ganze Ecke bastardiger.

Beliebt und wertvoll
An das Spiel heranzukommen ist auch nicht so ganz ohne: Abseits von Ebay werdet ihr kaum Chancen haben und müsst euch dort auf Preise um die 20 bis 30 Euro einstellen. Freilich gibt es genügend Abandonware-Seiten, auf denen das Spiel schlummert – jedoch steht deren Legalitätsanspruch auf sehr wackeligen Beinen. So oder so benötigt ihr die Anleitung, ohne die ihr eines der fiesesten Labyrinthe der Computerspielgeschichte gar nicht erst knacken könnt. Und auch nur in der Originalverpackung liegt die legendäre Scratch’n’Sniff-Karte, die ihr an sieben bestimmten Stellen des Spiels aufkratzt und so den Geruch eines Pizzastückes oder von Schokolade wahrnehmt. Bei all meinen tausenden von Spielen, die in meinem “Archiv“ lagern, dürfte es keine originellere Beilage wie diese hier geben…