Es war nur eine Frage der Zeit, bis dieses Paar aufeinander traf: Alice und Tim Burton. Auf der einen Seite eine Ikone der Märchenliteratur, erfunden von Lewis Carroll, wild, unangepasst, rätselhaft, und auf der anderen Seite der Meister des skurrilen Kinos, versponnen, schräg und morbid. Ein Traumpaar – sollte man meinen.
Die Story
Pärchen gibt es in „Alice“ zuhauf: gute und böse Königinnen, rote und weiße Armeen oder große und kleine Hunde. Zu dieser Ansammlung von Gegensätzen passt, dass die 19-jährige Alice (Mia Wasikowska) nichts von dem arroganten viktorianischen Snob Hamish wissen will. Statt seinen Heiratsantrag anzunehmen, flüchtet sie von der spießigen Gartenfeier und folgt einem kleinen, weißen Hasen. Als sie in ein Loch fällt, landet sie im geheimnisvollen Unterland, in dem sich die Rote und Weiße Königin (Anne Hathaway) bekriegen. Schnell wird klar, dass Alice nicht zum ersten Mal hier ist: Sie ist die Kriegerin, die den Jabberwocky der Roten Königin (Helena Bonham Carter) besiegen muss, um das Land zu retten. Nach einigem Zögern macht sie sich mit dem Hutmacher (Johnny Depp) auf, um die Prophezeiung zu erfüllen.
So versammeln sich alle Zutaten für den bewährten Burton-Mix, doch genau da liegt das Problem. Schräges Szenario, surreale Situationen und Johnny Depp – Das Erfolgsrezept ist zum Standard geworden und so plätschert die vorhersehbare Handlung vor sich hin. Hier gibt es nur wenig Kinomagie zu bestaunen, sondern vielmehr einen Mix aus „Herr der Ringe“, „Die Chroniken von Narnia“ und „Der Goldene Kompass“.
Es war einmal
Dabei ist Burton nicht nur ein Meister des Skurrilen, sondern auch der Überraschung. In „Beetlejuice“ macht er aus einer x-beliebigen Ghost Story eine Alptraum-Komödie, in „Batman“ wird der Joker zum eigentlichen Star einer Comic-Noir-Version und in „Ed Wood“ erzählt Burton eine Lebensgeschichte als tragikomisches Skurrilitäten-Kabinett. Burtons Geheimnis ist, das er Altbekanntes nimmt und es genüsslich umdeutet. Das ist nicht für Puristen, aber es hat Stil und Persönlichkeit. Nur einmal „verkaufte“ sich Burton: „Planet der Affen“ ist ein Kniefall vor dem Popcorn-Kino, austauschbar und leblos. Und jetzt „Alice“.
Die Bilder klauen bei „Avatar“&Co und der 3D-Effekt ist meist nur ein Versprechen. Es gibt wilde Verfolgungsjagden, ein bisschen „in the face“ und einen knackigen Showdown. Alles schon mehrfach verfilmt, und nur wenn am Ende die Armeen auf einer Art Schachbrett gegeneinander antreten gibt, es so etwas wie einen kurzen „Aha-Effekt. Technisch perfekt, visuell aber eine Enttäuschung.
Witzige Figuren
Dass der Film nicht komplett abstürzt, liegt vor allem an den Schauspielern. Den unschuldigen Blick Mia Wasikowskas als Alice wird der Zuschauer lange nicht vergessen, jeder Film-Auftritt Johnny Depps ist besser als der seiner meisten Kollegen und die erste Szene Helena Bonham Carters als Rote Königin – grandios. Wenn dann die oft unterschätzte Anne Hathaway als Weiße Königin lieblich-schwebend zum Würgereiz ansetzt, weil ein bisschen Blut tropft, ist das wundervoll satirisch.
Natürlich gibt es das Burton-typische Plädoyer für Freiheit, Emanzipation und Träumerei, diesmal im viktorianischen England. Diese Moral wird aber insbesondere am Ende so plakativ und oberflächlich präsentiert, dass sie kaum ernst zu nehmen ist.
Offizieller Trailer
Eigentlich macht der Trailer zum Film schon Lust auf mehr...also eigentlich...
Filmkritik
Alice. Burton. Aber kein „Wunder“. Der Regisseur präsentiert technisch perfektes, unterhaltsames Popcorn-Kino, das voller Fantasy-Klischees steckt und sehr vorhersehbar ist. Die Geschichte von einer jungen Frau, die sich im viktorianischen England in eine Traumwelt flüchtet, basiert wage auf den Erzählungen von Lewis Carroll und wirkt mit seiner oberflächlichen Moral heutzutage etwas antiquiert. Gelungen sind dagegen die Figuren: Johnny Depp als verrückter Hutmacher und Helena Bonham Carter als Rote Königin brillieren als schräge Vögel im Burton-Universum.
Natürlich ist diese Kritik Jammern auf hohem Niveau. Jeder Zuschauer wird hier zwei Stunden unterhalten. Nur hätte man sich bei diesem Stoff und diesem Thema viel mehr erhofft.
Das Spiel
Das Spiel zum Film erscheint bei Disney Interactive für Wii, DS und PC. Entwickelt wurde es von dem französischen Studio Etranges Libellules, das sich auf Filmumsetzungen wie beispielsweise „Arthur und die Minimoys“ oder „Asterix“ spezialisiert hat. Die Geschichte spielt einige Jahre nach den Ereignissen im Film und wieder gilt es, die Rote Königin und ihren Jabberwocky zu besiegen. Dazu schlüpft ihr in insgesamt fünf Charaktere, die nach und nach frei geschaltet werden: McTwisp, das Kaninchen, kann die Zeit anhalten, Karatemaus Mallymkum teilt aus und Madhatter zaubert sich durch das Spiel. Wie bei jeder Versoftung gilt auch bei diesem Action-Adenture: Auf dem Papier witzig, aber wie viel davon im Spiel landet, ist fraglich. Garantiert jugendfrei.