Wer um Himmelswillen ist Neill Blomkamp? Der südafrikanische Regisseur war bisher nur durch Videoclips und als Experte für Spezialeffekte aufgefallen. Dann nahm ihn Peter Jackson unter seine Obhut und in seinem Auftrag sollte er den „Halo“-Film drehen. Doch alles kam anders: Die Videospielverfilmung liegt auf Eis und stattdessen kommt jetzt „District 9“. Der vielleicht beste Science-Fiction-Film des Jahres.
Die Story
Der Film beginnt mit einem Twist und die Zuschauer sollten die letzten 20 Jahre einfach vergessen, denn die Außerirdischen sind bereist gelandet. Irgendwann in den 80ern tauchte nämlich ein riesiges Ufo auf. Nicht über New York oder Tokio, sondern über Johannesburg. Südafrika steht Kopf, doch die Überraschung kommt noch. Es sind nämlich keine Invasoren, sondern Hunderttausende, fast verhungerte Flüchtlinge aus dem All. Bald werden sie in einem Camp in Johannesburg zusammengepfercht und ernähren sich mit Vorliebe von Katzenfutter. Für die Menschen sind die Aliens nicht mehr als Abschaum, der eingesperrt gehört. Jetzt, 20 Jahre später, soll der Alien-Slum in eine Art Konzentrationscamp verlegt werden, doch die Evakuierung läuft anders als geplant, denn es gibt viele Geheimnisse in „District 9“.
Mittendrin ist der brave Verwaltungsangestellte Wikus van der Meerwe (Sharlto Copley) von der Alien-Behörde Multi-National-United, kurz MNU. Er soll den Zwangsumzug organisieren, doch stattdessen gerät er in Kontakt mit einer geheimnisvollen Aliensubstanz. Das Unglaubliche geschieht: Wikus verwandelt sich langsam in ein Alien und wird zum begehrten Freiwild, denn nun ist er der einzige Mensch, der die Waffen der Aliens benutzen kann.
Die Geschichte von der Außerirdischen unter uns wird einige Fans an „Alien Nation“ erinnern, doch weit gefehlt. Vielmehr treffen hier „Cloverfield“ und „Die Fliege“ auf Gordon Freeman. Das ist so überzeugend, dass der Film zu den großen Überraschungshits des amerikanischen Kinosommers zählt.
Action-Doku-Drama
Sofort fällt der ungewöhnliche Look des Films auf. Die erste halbe Stunde wird Wikus von einem Kamerateam begleitet und die Wackelkamera erinnert an den Doku-Look von „Cloverfield“. Außerdem werden „Zeitzeugen“ zu den Geschehnissen im „District 9“ befragt, aber danach wird alles etwas ruhiger. Blomkamp und sein Team schaffen es, dem Film einen sehr erdigen und dreckigen Look zu verleihen, fast schon so wie in einem Arthaus-Sozialdrama. Dafür geht es aber inhaltlich zur Sache, denn die Verwandlung von Wikus zum Alien bietet einige unappetitliche Details. In diesen Momenten bleibt der Film aber dank des Hauptdarstellers Sharlto Copley immer glaubhaft. Anfangs wirkt er noch wie eine Witzfigur aus „Stromberg“, aber dann schafft der Schauspieler die Gratwanderung zwischen Comedy, Action und Tragödie. Folter, Betrug und Liebe machen aus dem kleinen Angestellten einen Helden. Wenn irgendwann jemand „Half-Life“ verfilmen sollte, wäre Copley die ideale Besetzung.
Technisch perfekt
Abgerundet wird das Ganze durch die hervorragenden Spezialeffekte. Jacksons WETA hat hier ganze Arbeit geleistet. Der finale Showdown mit einer Mech-Verfolgungsjagd durch den Alien-Slum zählt zu den Highlights des Films. Doch nicht nur die Actionszenen wirken wie aus einem Guss, sondern besonders das Design der Aliens ist sehr realistisch. Auf den ersten Blick sehen sie aus wie eine Mischung aus Küchenschabe und Garnele, aber mit der Zeit hat man Mitleid mit ihnen. Spätestens wenn sich Wikus mit ihnen verbündet und erkennt, wie sehr sie von den Menschen missbraucht wurden, wechselt man auch als Zuschauer die Seiten. Lässt man nämlich die rasante Action außer Acht, ist „District 9“ ein Plädoyer gegen Rassismus und für Toleranz.
Der offizielle Kinotrailer
Stimmungsvolle Szenen hat auch der Trailer zum Film zu bieten...
Kritik
Ruhig bleiben, Luft holen und im Kinositz festkrallen. Kaum ein Film kann in diesem Jahr so positiv überraschen wie Blomkamps „District 9“. Einerseits ist er ein spannender und temporeicher Actionfilm und andererseits vermittelt er eine überzeugende moralische Botschaft, die nicht allzu pathetisch zelebriert wird. Das ist vor allem dem Hauptdarsteller und dem konsequenten Drehbuch zu verdanken. Natürlich wirkt die Story auf den ersten Blick etwas konfus, aber das legt sich schon nach den ersten paar Minuten. Dann stört man sich auch nicht mehr an den Logiklöchern (Warum greifen die Aliens nicht mit ihrer überlegenen Technik an?) und genießt die originelle Grundidee. Die Fans von glattgebügelter Hollywood-Action im Stil von „Transformers“ oder „G.I. Joe“ sollten aber einen weiten Bogen um den Film machen. „District 9“ ist Sci-Fi-Action fürs Hirn. Aber nicht für den Magen.