Eine Chance für Regisseur und Serie...?
Es gibt zwei Fraktionen, die sich auf “Die Legende von Aang“ freuen: die Fans der Zeichentrickserie “Avatar“, auf die der Film basiert, und die Fans von Regisseur M. Night Shyamalan. Ich gehöre zu letzterer Gruppe, vornehmlich dank “The Sixth Sense“. Obwohl auch mir der zunehmende Qualitätsverlust seiner Filme durchaus aufgefallen ist, empfand ich nur “The Happening“ als wirklich schlecht. Insofern kann ich mit einer guten Nachricht anfangen: “Die Legende von Aang“ ist besser als die Umweltkatastrophe von vor zwei Jahren. Die schlechte Nachricht: Das liegt nicht an der Drehbuchkunst von Herrn Shyamalan, sondern sichtlich an der herausragenden Zeichentrickvorlage...
Der folgende, grobe Storyumriß ist bei Original und Kinofilm gleich: Die Welt wird von vier Nationen bevölkert, die jeweils den Elementen Erde, Wasser, Feuer und Luft angehören. Mit dem entsprechenden Training können sie den Boden formen, Wellen schlagen, Flammen schießen oder den Wind lenken. Doch nur eine Person ist in der Lage, alle vier Elemente zu beherrschen: der Avatar. Normalerweise wird ein neuer geboren, sobald der alte stirbt. Doch seit gut einem Jahrhundert gilt dieser als verschollen. Dafür nutzt die Feuernation ihre zerstörerische Macht, um die anderen Völker zu unterjochen. Nur durch Zufall entdecken die Geschwister Katara und Sokka den zwölfjährigen Jungen Aang, der ungefährt seit 100 Jahren in einer Eiskugel eingeschlossen war. Sofort wird klar, dass Aang der verschollene Avatar ist und schleunigst sein Training der vier Elemente abschließen sollte, bevor die Feuernation ihn erwischt.
Kastrierter Charme der Vorlage
Ich habe keine einzige Folge der Zeichentrickserie gesehen... jedenfalls nicht vor Shyamalans Kinofilm. Demnach konnte ich während der Vorführung keine Vergleiche ziehen und wurde von einem Wust an Storyelementen, gekünstelter Dramatik sowie einer allgemein mäßigen schauspielerischen Leistung geplagt. Man merkt schnell, dass Shyamalan eine Serienstaffel, bestehend aus fast 8 Stunden Material, zu einem Abend füllenden Film zusammenstauchen musste: Es passiert recht viel, doch ohne eine echte Entwicklung. Die Szenen springen vielmehr von Schauplatz zu Begebenheit und schaffen somit keine Atmosphäre. Das Lowlight ist (Achtung, kleiner Spoiler) die Erwähnung einer Liebesgeschichte, deren Entstehung durch einen schnöden Monolog aus dem Off erklärt wird.
“Die Legende von Aang“ nimmt sich viel zu ernst – ein Punkt, der mir beim nachträglichen Betrachten der Zeichentrickserie umso härter auffällt. Wo das Original nur so vor Witz und Slapstick sprüht, da herrschen in Shymalans Version bedrückte Mienen, wütende Gesichter und Angstzustände. Nur eine einzige Szene des 103 Minuten langen Filmes ist lustig gemeint und kommt auch gut rüber. Fairerweise sei auch gesagt, dass in manchen Aspekten das hoch gesteigerte Drama funktioniert: Die Szene, in der Aang zurück zu seinem Heimatdorf gelangt, hat mir noch am besten gefallen und ist in der Form auch kein Bestandteil der Vorlage.
Doch dies entschädigt nur milde für die ständig gleichen Gesichtsausdrücke, die speziell die Schauspieler von Katara (Nicola Peltz) und Sokka (Jackson Rathbone) zeigen. Beide strahlen keinen Millimeter Charme aus, kämpfen sichtlich mit den eher mittelmäßigen Dialogzeilen und fühlen sich schlicht verkrampft auf der Leinwand an. Noah Ringer, der den Protagonisten Aang spielt, gefällt mir bedeutend besser: Er hätte bei einem besseren Drehbuch sicherlich den Film tragen können. Bleibt noch Zuko, der Sohn des Anführers der Feuernation, dessen Rolle Dev ´Slumdog Millionär´ Patel übernommen hat. Er ist der einzige, der sich im Laufe des Filmes eher steigert und den ich gegen Ende hin als positive Überraschung im Kopf behalten habe, unter Berücksichtigung seines schwachen Auftritts in der ersten Szene. Ansonsten reicht das Repertoire gerade mal von erträglich (Shaun Toub als Onkel Iroh) bis nervig (Aasif Mandvi als Zhao).
Eine Verschwendung opulenter Themen und Töne
Das einzige, was euch in der Theorie von den Socken hauen könnte (!), ist die enorm starke Musik von James Newton Howard. Überhaupt scheint er der einzige im M. Night Shymalan-Team zu sein, der den ganzen Filmen noch etwas Auftrieb gibt – siehe allein seine wunderschönen Violineinsätze in “The Village“. Wer jedenfalls dem offiziellen Soundtrack von “Die Legende von Aang“ lauscht, der wird unbedingt diesen Film sehen wollen: Allein mit der Suite zieht Howard eine gewaltige Soundlawine durch euer Ohr, inklusive einem sanften Einsteig, hin zu einem bombastischen Thema, über dramatische Kampftöne weg und mit einem ruhigen Abklang endend. Doch im Film ist von dieser Faszination kaum etwas übrig geblieben, denn die Musik geht bei all den Enttäuschungen schlicht unter.
Filmkritik
Es tut so weh mit anzusehen, wie M. Night Shyamalan seinen eigenen Kultstatus, den er zurecht dank “The Sixth Sense“, “Unbreakable“ und ansatzweise auch noch mit “Signs“ aufgebaut hatte, nun mit jedem weiteren Film zunichte macht. Ohne das interessante Grundkonzept der Zeichentrickserie wäre “Die Legende von Aang“ ein absoluter Rohrkrepierer. Der Film nimmt sich viel zu ernst (gerade in Anbetracht der Vorlage) und krankt unter mäßigen Dialogen, hastigen Szenensprüngen sowie schlechten Darstellungen, allen voran der Geschwister Katara plus Sokka. Shyamalan hat sichtlich alles gestrichen, was den kindlichen Charme der Serie ausgemacht hat. Dafür hält er mit brutaler Dramatik dagegen, die einfach nicht zünden will.
Am meisten Leid tut mir James Newton Howard: Der hätte mit seinem hier gebotenen Score einen echten Oscar-Kandidat auf dem Zettel gehabt. Nur was bringt es, wenn die Brillanz seiner Einzelleistung im Körper eines schlechten Filmes gefangen steckt und somit abseits der Soundtrack-CD keine Chance der Entfaltung erhält? Mein Rat an Shymalan ist der gleiche, wie ihn viele bereits gegeben haben: Lass die Finger von den Drehbüchern. Von der Regiearbeit sehe ich immer noch ein paar kleine Geistesblitze und Kniffe, die eine gute Geschichte zur echten Größe verhelfen könnten. Doch meine Geduld und Hoffnungen neigen sich langsam dem Ende zu...
Ach ja, noch eine Kleinigkeit zum Abschluss: Solltet ihr euch doch für einen Kinobesuch entscheiden, dann spart euch wenigstens den 3D-Zuschlag. Abseits der Einleitungsszene war mir zu keinem Zeitpunkt wirklich bewusst, dass ich eine 3D-Brille auf der Nase hatte... von dem sanften Druck des Gestells vielleicht abgesehen.