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Special: Filmkritik: The Social Network: Filmkritik: The Social Network

Was steckt alles in David Finchers neuem Kinofilm über die Facebook-Gründer?

  12.10.2010   0 Kommentare   3283 Klicks
Special: Filmkritik: The Social Network 0,0 0

Ihr seid heute Teil eines Experimentes: Was hält der fanatische DemoNews-Leser von einem „anspruchsvollen“ Film? Heute geht es nicht um Blockbuster mit Titanenkämpfen oder Special Effects getränkte Prinzen aus Persien. Das Drehbuch zu The Social Network stammt von Aaron Sorkin, dem selben Autor, der eine der Dialog-lastigsten und cleversten Fernsehserien der letzten zehn Jahre erschaffen hat - namentlich The West Wing. Da jedoch das Thema des Filmes sich direkt auf eines der größten Phänomene der modernen Online-Kultur bezieht, dachte ich mir so gegen Sonntag Abends, nachdem ich aus dem Kino trat: „Versuch es doch einfach mit einer Kritik für DemoNews.“.

Einsam bis zur Spitze

Special: Filmkritik: The Social Network

Ruhm, Reichtum und Gier zerstören Freundschaften. Das ist die vordergründige Botschaft, die The Social Network vermittelt. Mark Zuckerberg ist ein echtes Genie: Innerhalb eines Abends schreibt er eine Webseite mit dem Namen Facemash, schnappt sich hunderte Bilder von Studentinnen aus dem Netzwerk mehrerer Harvard-Server, stellt jeweils zwei davon nebeneinander und fragt den Besucher, welche der beiden Frauen hübscher sei. Vier Stunden später registriert die Seite bereits 22.000 Klicks, bevor Harvard die Stecker zieht – aufgrund der Überlastung.

Divya Narendra und die Zwillingsbruder Cameron sowie Tyler Winklevoss bekommen Wind von der Geschichte und kontaktieren Zuckerberg. Sie erzählen ihm von einem viel versprechenden Projekt: einem sozialen Netzwerk rein für Harvard-Studenten, zur Knüpfung beziehungsweise Pflege von Freundschaften, Kontakten, etc. Mark willigt ein und erzählt am gleichen Abend seinem besten Freund, Eduardo Saverin, von der Idee – als ob es seine eigene wäre. Zuckerberg bittet Saverin um ein Startkapitel von 1.000 Dollar, im Gegenzug würden ihm 30% der Webseite gehören. Der Name: www.thefacebook.com. Schnell erlangt die Seite einen hohen Bekanntheitsgrad und spätestens mit der Expandierung auf andere Universitäten im In- wie Ausland scheint der Facebook-Boom nicht mehr aufzuhalten.

Die chronologische Erzählung dieser sowie der fortlaufenden Ereignisse wird stets durch Szenen unterbrochen, die Jahre später stattfinden. Dort wird Zuckerberg sowohl von den Winklevoss-Brüdern wegen Stehlen geistigen Eigentums, als auch von seinem nun ehemalig besten Freund Saverin um mehrere Millionen Dollar verklagt. Die Gründe für letztere Klage kann man früh erahnen, werden aber erst gegen Ende des Filmes offen ausgesprochen.

Die Interpretationen und Freiheiten eines Drehbuchautos

Special: Filmkritik: The Social Network

The Social Network hatte bereits vor Drehbeginn mit zwei echten Problem zu kämpfen: Inwiefern ist solch ein Stoff geeignet für einen spannenden und unterhaltsamen Spielfilm? Und wie reagieren die realen Personen auf die Hollywood-typisch überzogene Dramaturgie der Ereignisse? Denn das sei gleich klar gestellt: Der Film ist nicht 100%-ig authentisch und wird speziell vom „echten“ Mark Zuckerberg aufgrund seiner künstlerischen Freiheiten kritisiert.

Ich schreibe zu Beginn meiner Kritik nicht umsonst von einer „vordergründigen Botschaft“: Der Blick auf Geld und Ruhm allein könne es Aaron Sorkins Interpretation nach nicht sein, dazu agiert Zuckerbergs Charakter im Film über weite Strecken viel zu zurückhaltend, wenn es um die Kommerzialisierung des Projektes geht. Dafür deutet der Drehbuchautor unter anderem einen sehr gewagten Grund für Zuckerbergs Motive an, weshalb er sich so sehr in das Thema Facebook versteifen ließ und vielleicht auch deshalb das zerstörte Verhältnis zu seinem besten Freund in Kauf nahm. Doch dieser „wahre“ Grund (den ich aufgrund der Spoiler-Gefahr nicht nennen möchte) scheint aufgebauscht zu sein und stammt zu 99%-iger Sicherheit aus der Feder Sorkins – und jeder von euch muss selbst entscheiden, ob ihn dies stört. Von diesem moralischen Fragezeichen abgesehen, hat Aaron Sorkin gemeinsam mit Regisseur David Fincher ein ganz seltenes, nahezu makelloses Meisterwerk geschaffen.

Writing-Directing-in-Perfection

Special: Filmkritik: The Social Network

Allein dem Dialogaufbau gebühren drei Academy Awards auf einmal – was immens wichtig ist, denn zu 95% wird in The Social Network geredet und geredet und geredet. Durch den stets geschickten Sprung zwischen Vergangenheit (Aufbau von Facebook) und Zukunft (die beiden Klagen gegen Zuckerberg) wird der Film nie langweilig und besitzt eine einmalige Dynamik, gleichzeitig ohne das die Schnitte in irgendeiner Form verwirren. Die Leute sprechen viel und sie sprechen schnell. Speziell die zu Beginn doch recht nerdigen Gespräche, jene im Ansatz den technologischen Aspekt der Facebook-Gründung anreisen, werden von passenden Szenenbildern unterstützt. Das Resultat: Auch wenn ihr nicht jedes Wort verfolgen könnt, so solltet ihr den groben Handlungsakt und die eigentliche Aussage einer jeden Szene problemlos verstehen.

Die meisten Charaktere in The Social Network werden früher oder später in einem kritischen Licht gezeigt, gerade wenn es um den Umgang mit Frauen geht. Solch ein Unterton ist grundsätzlich problematisch, denn wenn jeder irgendwo Dreck am Stecken hat, dann fehlt dem gemeinen Zuschauer die Identifikationsfigur. Doch auch diese Hürde umschifft Sorkin mehr als gekonnt, in dem er gleich in der ersten Szene ausgerechnet Mark Zuckerberg bloßstellt und ihn als „Arschloch“ betitulieren lässt, in einer Form wie es andere Drehbuchautoren erst zum Schluss gemacht hätten. Das ist eine klar Aussage: Mark ist der Protagonist, aber ein zwiespältiger. Gegen Ende hin greift Sorkin diesen „Arschloch“-Kommentar auf und relativiert ihn, ohne in völlig zu negieren. Sprich: Der unsympathische Gesamteindruck, der uns vermittelt wird, wird ganz subtil in Frage gestellt und regt uns sofort zum Nachdenken an. Frei nach dem Motto: Ist Zuckerberg wirklich so „schlimm“ wie es seine im Film gezeigten Taten vermuten lassen? Danach braucht es dann auch keine Identifikationsfigur mehr.

David Finchers (Seven, Fight Club, Der seltsame Fall des Benajmin Button) Regiearbeit ist nahezu gleichwertig brillant, obwohl im Prinzip sehr unterschwellig und für den normalen Zuschauer kaum wahrnehmbar. Er sorgt einerseits für die richtige Atmosphäre und den korrekten Unterton einer jeden Situation. Am Ende ist jede lustig gemeinte Szene auch wirklich lustig und jede dramatische auch wirklich dramatisch. Andererseits leitet er die durch die Bank weg junge Hauptdarstellerriege perfekt durch den anspruchsvollen Stoff. Selbst ein Justin Timberlake, in der Rolle als überheblicher, selbstverliebter wie übertrieben paranoider Ex-Mitbegründer von Napster, der sich ab der zweiten Filmhälfte in den Werdegang von Facebook einklinkt, ist absolut korrekt besetzt und zeigt eine Schauspielleistung, die ihm so gut wie kein Mensch zugetraut hätte.

Ausgereizte Schauspielertalente

Special: Filmkritik: The Social Network

Objektiv betrachtet noch stärker sind Jesse Eisenberg (Zombieland) als Mark Zuckerberg und Andrew Garfield (Das Kabinett des Dr. Parnassus) als Eduardo Saverin: Der eine spielt den klassisch-freakigen Nerd, der einerseits fanatisch das Facebook-Phänomen zum Erfolg geleitet, aber andererseits sich stur im Recht sieht und speziell in den Verhandlungsszenen Sätze mit einer derart kühlen Präzision von sich gibt, das es mich als Zuschauer sprachlos macht. Der andere bleibt über weite Teile im Hintergrund, wirkt wie der verständnisvollste Mensch auf Erden und legt in einer der wichtigsten Szenen des Filmes einen astreinen Emotionsausbruch hin, weswegen Andrew Garfield allein dafür ernsthafte Chancen auf einen Oscar als Bester Nebendarsteller für das Jahr 2010 eingeräumt werden. Als Kenner aller (bis auf zwei Ausnahmen) in dieser Kategorie nominierten Personen seit 1993 (!) stimme ich dem nickend zu.

Meine ganz persönlichen Lieblinge hingegen sind die Zwillingsbrüder Cameron und Tyler Winklevoss. Zum einen ist deren Präsenz geradezu unheimlich, weil sie aufgrund ihrer Art und Ähnlichkeit wie von einer anderen Welt stammen. Ihr elitärer Harvard-Snobismus ist der beste Kontrast zu Zuckerbergs Nerdwelt, weshalb die Rivalität beider Parteien sofort in Fleisch und Blut übergeht. Zum zweiten gelingt David Fincher hier ein ganz anderes Kunststück, nämlich das der perfekten Illusion. Wo andere Regisseure einfach ein schauspielerisch begabtes Zwillingspärchen nehmen, da castet Fincher einen gewöhnlichen Schauspieler und ein Model der gleichen Statur. Für den Film wird dann das Gesicht von ersterem mitsamt der passenden Mimik auf zweiteres geklebt. Dies ist beileibe kein innovativer Trick und selbst für David Fincher dank The Curious Case of Benjamin Button kein Neuland. Jedoch in The Social Network hätte ich den Einsatz einer solchen Technik nie vermutet, wenn ich es nicht im Nachhinein auf IMDB gelesen hätte.

Elektrisierender Score

Special: Filmkritik: The Social Network

Als Filmmusikliebhaber muss ich natürlich auch ein paar Worte über den Soundtrack schreiben: Bereits die Wahl der Komponisten, Trent „Nine Inch Nails“ Reznor und Atticus Ross, klingt originell. Die Musik im Film besteht nicht nur aus konventionellen, meist melancholisch klingenden Instrumenten, sondern vorrangig aus hektischen, sehr eigenwilligen Electronic-Tönen, von denen mich einige an die glorreichen Tage des Commodore 64 erinnern. Dies unterstreicht nur noch mehr den Nerdunterton der gesamten Geschichte, speziell in den ersten Szenen. Einziger Nachteil der faszinierenden Technik: Sie lenkte mich zuweilen vom Bildgeschehen ab. Zudem sollten Fans nicht unbedingt auf einen „Academy Award Nominee Trent Reznor“ hoffen, denn für die gewöhnliche Orchestor-Score-Klientel dürfte der Sound ein paar Ecken zu ausgefallen sein.

Kritik

Special: Filmkritik: The Social Network

In Amerika hat The Social Network bereits einen beachtlichen Rekord gebrochen: den der meisten Höchstwertungen, jene die Creme de la Creme der US-Filmkritiker vergeben haben. So mancher greift gar soweit voraus und spricht von einem Citizen Kane des 21. Jahrhunderts, allerdings würde ich soweit nicht gehen. Denn dazu fehlt das gleiche Maß an filmerisch-revolutionären Ideen, jene es in der Form nie zuvor zu sehen gab. Was David Fincher und Aaron Sorkin hingegen geschafft haben, ist ein Vorzeigewerk eines nahezu fehlerfreien Films. Angefangen von den extrem cleveren wie nie langweilig werdenden Dialogen, über das Schauspielerensemble bis hin zum Szenenschnitt sowie der gesamten Umgebungskulisse haben die beiden den eigentlich schnöden Stoff zu einem packenden, spannenden und nachdenklichen Drama verarbeitet.

Das Hollywood-typische Aufbauschen diverser Ereignisse und dieser eine, vermutlich verfälschte Grund seitens Mark Zuckerbergs Facebook-Mania sind die einzig relevanten Kritikpunkte, die ich nach dem ersten Mal anschauen von The Social Network feststellen konnte. Und diesbezüglich muss jeder für sich entscheiden, ob ihm das Abbild der Realität wichtiger ist als eine stimmige, funktionierende und interessante Geschichte. Ich persönlich betrachte Filme immer für sich alleine und ziehe Vergleiche nur im Nachhinein, damit ich den Bezug zur Wahrheit nicht verliere. Das ändert aber selten etwas an meiner Begeisterung zum Medium und dies gilt auch im Falle von The Social Network.

Kommentare

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Vetes
von Vetes | 20.10.2010, 13:02 Uhr

So ich habs nun auch gestern endlich geschafft zu gehen.

Hammer. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Der Film hat mich voll und ganz überzeugt. Nur eine kleine Sache hätte ein wenig stärker in Erscheinung treten dürfen. Der Umstand, dass Millionen von Menschen Zuckerberg ihre Daten freiweillig Preis geben und er Herr darüber ist.

Aber sonst ein genialer Film, der es bei mir in die ewige Top 10 geschafft hat.

killmoves
von killmoves | 17.10.2010, 21:43 Uhr

Okay, war nun drin. Guter Film, sehr gut sogar. Allerdings finde ich dass die Rezension etwas zu euphorisch ausfällt, denn der Film versteht es gut den Zuschauer zu unterhalten, aber mir hat z.B Inception besser gefallen. The Social Networks Stärke liegt in den schnellen und intelligenten Dialogen die viel tiefgründiger sind als man auf den ersten Blick sieht. Außerdem sind die Charakter sehr gut gezeichnet, insbesondere Zuckerberg ist so vielschichtig aber gleichzeitig stimmig gezeichnet, wie ich lange keinen Charakter gesehen habe. Die Musik ist ebenfalls erste Sahne (Trent Reznor halt), nicht aufdringlich, sondern fügt sich harmonisch ins Gesamtbild ein.

Was mich aber gestört hat ist der fehlende visuelle Aspekt. Schon klar dass The Social Network nicht die optische Raffinesse eines Avatar bieten kann (das gibt der Stoff ja auch garnicht her), das ändert aber nichts daran, dass der Film mich optisch eher gelangweilt hat.

Aber David Fincher hat aus der Vorlage rausgeholt was er konnte, und sogar noch mehr. Mich hat es echt überrascht wie spannend, tiefgründig und intelligent man die Geschichte von Facebook (oder wohl eher von Marc Zuckerberg) verfilmt hat. Dazu haben auch die Schauspieler einen erheblichen Beitrag geleistet, allen voran Jesse Eisenberg, dem ich eine solche beispiellose Performance garnicht zugetraut hätte. Respekt.

Man sollte sich den Film auf jeden Fall ansehen, aber im Kino sehen ist keine Pflicht. Dafür gibt der Film optisch einfach nciht genug her. Und man sollte dem Film mit voller Aufmerksamkeit folgen, Hirn abschalten ist nicht. Sehr guter Film, aber als ein Meisterwerk würde ich es nicht bezeichnen.

LTB
von LTB | 13.10.2010, 22:55 Uhr

"Die Interpretationen und Freiheiten eines Drehbuchautos"

Hey cool, ein Drehbuchauto :-D
(erste Seite, letzter Absatz ;-) )

Drzoidi
von Drzoidi | 13.10.2010, 16:09 Uhr

War Montag auch im Kino.

 

Hatte erst bedenken so einen Film im Kino zu schauen, aber es hat sich sowas von gelohnt :D

Richtig geiler Film. Mehr kann ich nicht sagen. Schaut ihn euch an!

MagnusLaudate
von MagnusLaudate | 13.10.2010, 12:45 Uhr

Hab ihn gestern gesehen und muss auch zugeben, dass er mir sehr gut gefallen hat, auch wenn ich eigentlich nur für Effektfilme (Sci-Fi oder Fantasy) extra ins Kino gehe. Dieser Film ist wirklich sehenswert!

Flauwy
von Flauwy | 13.10.2010, 10:51 Uhr

@Sven: Weder noch ;-)

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