Kickass ist für manche Kritiker ein Skandal. Die Geschichte von einer 11-jährigen Superheldin, die rücksichtslos ihre Feinde niedermetzelt löste einen kleinen Kulturstreit aus. Kritikerlegende Roger Ebert fürchtet die Verrohung der Jugend und die englische Daily Mail führt einen Privatkrieg gegen den Film. Zu Recht?
Was wäre wenn…

Dave Lizewski (Aaron Johnson) ist ein durchschnittlicher amerikanischer Teenager: Nicht besonders hübsch, nicht besonders klug, insgesamt sehr unauffällig. Seine große Liebe Katie verachtet ihn und mit seinen beiden besten Freunden verkriecht er sich hinter Spielkonsolen und Comics. Aber Dave hat einen Traum: Warum nicht mal Superheld sein? Auf Dauer Comichelden anschmachten bringt nichts, also bestellt er sich im Internet einen Neopren-Anzug, zieht sich eine Maske über und geht als Superheld „Kickass“ auf Patroullie. Gleich bei seinem ersten Einsatz bezieht er aber mächtig Prügel und landet im Krankenhaus. Doch er gibt nicht auf und bald landen erste Videos von ihm auf Youtube. Kickass wird zum Star, Katie findet ihn plötzlich interessant und Dave bietet seine Dienste auf MySpace an. Irgendwann kreuzen sich seine Wege mit den echten Superhelden Big Daddy (Nicholas Cage) und Hit Girl (Chloë Grace Moretz). Spätestens als das 11-jährige Mädchen vor seinen Augen ein paar Gangster aufschlitzt, weiß Dave, dass der Spaß vorbei ist. Die beiden Superhelden wollen nämlich einem Gangsterboss das Handwerk legen und Dave steckt plötzlich mittendrin.
Blutige Satire
Regisseur Matthew Vaughan lässt das Blut spritzen und die Gliedmaßen durch die Luft fliegen. Nein, „Kickass“ ist nichts für zartbesaitete Gemüter und alles wird nur erträglich, weil der Film sich als Satire auf die ganzen Spidermans, Iron Mans oder Hulks in Comic und Film versteht. Dave wird verprügelt, erstochen und überfahren, aber er macht trotzdem weiter. Er ist ein unverbesserlicher Nerd, der erst durch die Liebe bekehrt wird. Dave mag zwar der Sympathieträger der Handlung sein, die eigentliche Heldin ist Hit Girl. Wie sie durch die Gegnerreihen fegt, an Wänden entlangläuft und gezielte Headshots setzt ist beeindruckend. Dabei muss man sich ständig vor Augen führen, dass Vaughan nur ein relativ kleines Budget von 30 Millionen Dollar zur Verfügung hatte. Wahrscheinlich kostete alleine das Catering von „Transformers 2“ so viel.
Es könnte alles so schön sein: Tolle Action, eine witzige Story und sympathische Figuren. Doch dann kommt das Problem mit der Moral.
Zynisch und brutal
Hit Girl, dargestellt von der bis jetzt vollkommen unbekannten Chloë Moretz ist eine vollkommen skrupellose und eiskalte Killerin. Sie wurde von ihrem Vater zu einer Ninja-Lolita gedrillt, die es mit jedem Schwarzenegger, Stallone oder van Damme aufnehmen. Das Problem: Irgendwo ist in dem Spektakel auch eine sehr tragische Familiengeschichte versteckt, aber das Drehbuch gönnt sich dafür nur eine halbherzige Szene. Vaughan hat in einem Interview mal gesagt, dass er in erster Linie unterhalten will und das gelingt ihm zweifelsohne. Es wäre aber schön gewesen, wenn er sich nicht hinter der Ironie verstecken würde, sondern auch die offensichtlichen tragischen Momente zeigen würde. Das wird umso deutlicher, wenn man den Film mit der Comicvorlage vergleicht.
Das Comic (Achtung Spoiler!)

„Kickass“ basiert auf den gleichnamigen Comics von Mark Millar (Wanted) und John Romita, Jr. Es ist eine respektlose Satire auf Superheldenklischees, derb, witzig und brutal. Im Vergleich wurde der Film deutlich auf Mainstream getrimmt. Im Comic ist Dave ein schlaksiger Nerd, dem die Mädchen aus dem Weg gehen. Sein Darsteller im Film, Aaron Johnson, versteckt seine Attraktivität aber in erster Linie hinter einer unansehnlichen Brille. Im Comic kommt es auch nicht zu einer Liebesgeschichte zwischen ihm und Katie, sondern er wird stattdessen von ihrem Freund verprügelt. Wichtiger sind aber die Unterschiede in der Geschichte von Big Daddy und Hit Girl: Im Film ist Big Daddy ein unbestechlicher Ex-Cop, der durch eine Intrige im Gefängnis landete. In dieser Zeit beging seine Frau Selbstmord und nach der Entlassung blieb er alleine mit seiner Tochter zurück. Sein Motiv: Rache. Dagegen stellt sich im Buch heraus, dass er nur ein gelangweilter Angestellter war, der sein Leben ändern wollte. Alles war erfunden und das macht die „Erziehung“ seiner Tochter ungleich verstörender.
Filmkritik
Regisseur Matthew Vaughan gelingt eine äußerst unterhaltsame Umsetzung der subersiven Comics von Mark Millar und John Romita, Jr. Die Actionszenen sind trotz des geringen Budgets temporeich und spektakulär, aber die stärksten Momente hat der Film, wenn er gängige Superhelden-Klischees gekonnt auf die Schippe nimmt. Der dargestellte Gewaltgrad dürfte aber einigen Zuschauern zu viel sein: tonnenweise spritzendes Blut, abgetrennte Beine und dazwischen eine „coole“ 11-jährige Killerin. Statt sich nur einen Moment für das Schicksal eines Kinds zu interessieren, dass zu einer Mörderin gedrillt wurde, setzen Regisseur und Drehbuch ganz auf oberflächliche Action. Das hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits eine pointierte und witzige Satire und andererseits eine pubertäre und oberflächliche Action-Komödie. Hat was von „No Russian“.