Für viele Comic-Fans gilt „Watchmen“ als die beste Graphic Novel aller Zeiten. Im Jahr 2005 wurde sie vom Time Magazine sogar zu den 100 wichtigsten Romanen der amerikanischen Literatur gezählt. Für viele Fans gilt die Geschichte von Autor Alan Moore und Zeichner Dave Gibbons als unverfilmbar, doch „300“-Regisseur Zack Snyder wagt es trotzdem.
Who watches the Watchmen ?
Village People. Nixon. Der kalte Krieg. In den 80er-Jahren der Watchmen gewann Amerika den Vietnam-Krieg und Präsident Nixon ist immer noch im Amt. Als man die Watchmen nicht mehr braucht, werden sie einfach in Rente geschickt. Die Vorlage zum Film ist nicht einfach zu lesen. Vielmehr sollte man sich Zeit nehmen wie für ein gutes Buch. Ständig wechseln die Perspektiven und kein Erzähler nimmt den Leser an die Hand, um ihn durch das komplexe Geflecht von Gesellschaftssatire und Psychodrama zu führen. In der Handlung finden sich wiederholt Buchauszüge, Interviews oder Comics. „Watchmen“ experimentierte wie „The Dark Knight returns“ von Frank Miller mit Erwartungshaltungen und Erzählstrukturen.
Das ist kein übliches Szenario für Superhelden-Action. Schwarz-Weiß-Malerei und einfache Lösungen sind Autor Moore fremd. Seine „Helden“ sind maskierte Psychopathen, die zynisch auf gängige Superhelden-Klischees verweisen. Der Comedian ist ein brutaler „Captain America“-Klon, Rorschach ist so beweglich wie „Spiderman“ aber zerfressen von seinem Menschenhass und Nite Owl sieht aus wie „Batman“, ist aber das direkte Gegenteil: schüchtern und impotent. Bei so vielen Problemen ist nur wenig Platz für Action und deshalb wird viel geredet – über verpasste Träume, Schuld und Verrat. „Watchmen“ ist ein Abgesang auf alle angeblich unverwundbaren Helden, die versuchen, die Welt zu retten. Sie sind reaktionäre Söldner, die sich in ihrer vermeintlichen Übermenschlichkeit gesonnt haben.
Superhelden in Rente
Snyder und seine Drehbuchautoren wussten, dass sie mit einer Filmumsetzung in ein Wespennest stechen würden. Die Vorlage wird von vielen Fans fast schon wie ein Gral verehrt und jede Änderung oder Kürzung kommt einer Katastrophe gleich. Das mag der Grund sein, warum der Film fast drei Stunden lang Bilder und Dialoge aus der Graphic Novel zitiert.
Die Handlung: Der Comedian, ein ehemaliger Watchmen wird von einem Unbekannten brutal getötet. Rorschach, ebenfalls in „Rente“, hat den Verdacht, dass es der Killer auf alle Watchmen abgesehen hat und sucht seine alten Weggefährten auf: Nite Owl hat sich mit seiner Ausrüstung in einem kleinen Haus verkrochen. Er will zunächst nichts damit zu tun haben. Dr. Manhattan, der nach einem Unfall zu einer Art Supermann wurde, verfolgt nur seine eigenen Pläne und seine Freundin Silk Spectre, enttäuscht von dem Desinteresse ihres Freundes, hat andere Dinge im Kopf. Schließlich ist da noch Ozymandias alias Adrian Veidt. Er ist der Einzige, der nach seiner Karriere mit seiner wahren Identität an die Öffentlichkeit ging, eine Mischung aus Tony „Iron Man“ Stark und Bruce „Batman“ Wayne. Rorschach prallt mit seinen Warnungen auf Widerstand, doch dann wird Rorschach als Mörder verhaftet und ein Attentat auf Veidt verübt. Währenddessen spitzt sich der Konflikt zwischen den USA und der Sovietunion zu. Ein Atomkrieg droht und die Watchmen müssen herausfinden, wer ihnen nach dem Leben trachtet.
Detailverliebte Umsetzung
Diese Story ist oberflächlich gesehen nicht mehr als ein simpler Krimi, ein so genannter „Whodunnit“. Der Reiz der Handlung liegt in den sensiblen Porträts der Hauptpersonen und den zahlreichen Verweisen auf Kultur, Politik und Gesellschaft. Es finden sich Andeutungen auf Filme wie „Apocaypse Now“ oder die Hippie-Kultur der 70er. Schauwerte hat der Film trotzdem genug, denn jede einzelne Szene besticht schon wie in „300“ durch perfekte Art-Direction. Natürlich gibt es brillant choreographierte Action-Sequenzen in Zeitlupe und eindrucksvolle Spezialeffekte. Dazwischen wird aber viel geredet und das wird die Popcorn-Zuschauer abschrecken. Den Comic-Fans dürfte das aber egal sein, denn sie finden hier die meisten Szenen und Anspielungen aus der Vorlage wieder. Da merkt man, dass Snyder selbst ein Fan ist, der „sein“ Buch detailverliebt auf die Leinwand gebracht hat.
Die vielleicht beste Szene des Films kommt gleich im Vorspann: Zu der Musik von Bob Dylans „The times they are a-changin´“ wird fast in Standbildern die Geschichte der Minutemen erzählt, den Vorgängern der Watchmen. Es ist einer der wenigen Momente im Film, in denen Snyder den Comic nicht nur einfach auf die Leinwand überträgt, sondern frei interpretiert. Davon hätte man sich mehr gewünscht, denn dort wo die Vorlage innovativ mit den Erzählstrukturen des Comics experimentierte, ist „Watchmen“ als Film nur eine Kopie. Eine perfekte, aber kein Versuch das Medium Film ebenso zu beeinflussen, wie es Moore und Gibbons taten.
Filmkritik
Regisseur Zack Snyder ist eine originalgetreue Verfilmung des Comic-Klassikers mit einem stimmigen Soundtrack gelungen. Die Fans werden sich darüber freuen, dass alle wichtigen Szenen und Dialoge im Film zu finden sind und „nur“ das Ende an wesentlichen Punkten geändert wurde. Allerdings hat diese konsequente Umsetzung ihren Preis, denn bis auf wenige Momente hat Snyder nur wenige eigenständige Ideen. Trotz des hohen Budgets wurde der Stoff aber nicht an ein Massenpublikum angepasst. Stattdessen ist der Film vielleicht das erste große Blockbuster-Psychodrama: Lange Dialoge, viele Großaufnahmen und wenige große Action-Sequenzen. Wenn, dann kracht es ordentlich und das zählt vielleicht zu den eindrucksvollsten Spezialeffektsequenzen der letzten Jahre.
Trotzdem erfordert der Film Geduld. Dank vieler Rückblenden kommt die Handlung nur langsam voran und die Auflösung ist vorhersehbar. Zuschauer, die ein Action-Spektakel wie „300“ erwarten, werden von den Existenznöten alternder Superhelden enttäuscht sein. Deshalb sollte man vor dem Kinobesuch unbedingt einen Blick in die Vorlage werfen. „Watchmen“ ist kein Popcorn-Spektakel sondern ein Film für Fans.
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Einsendeschluss: 20.03.2009