Wenn man von „Spiderman“, „X-Men“ oder den letzten Batman-Verfilmungen absieht, sind Superhelden im Kino vor allem eines: Durchschnitt. Es sind in der Regel Actionfilme ohne besonderen Anspruch, gezielt produziert für ein männliches Publikum, das neben Videospielen noch etwas Zeit für einen Kinobesuch hat. „X-Men Origins: Wolverine“ vom südafrikanischen Regisseur Gavin Hood erfüllt genau diese Vorgaben.
Böse Internet-Piraten
Bevor der Film Ende April startete, musste die Produktions- und Verleihfirma 20th Century Fox einen PR-GAU verkraften. Auf unbekannten Wegen war nämlich der komplette Workprint, also der Film ohne Spezialeffekte, ins Internet gelangt. Schnell bemühten sich die Verantwortlichen um Schadensbegrenzung und ließen verlauten, dass die geleakte Workprint-Version um gut zehn Minuten kürzer sei. Eine kleine Notlüge, wie sich jetzt heraus stellte: Das Onlinemagazin „Ain’t it cool news“ bestätigte nach einer ersten Vorführung der Verleihkopie, dass beide Versionen identisch sind. Die Reaktion der Fox ist aber verständlich, denn „Wolverine“ ist der erste Blockbuster des Sommers. Alles unter 70 Millionen Dollar Einspielergebnis am ersten Wochenende dürfte eine Enttäuschung sein.
Allerdings finden sich nach dem Credits zwei unterschiedliche „Easter Eggs“, wie es Regisseur Hood nennt. Wer will, kann sich hier darüber informieren. Tatsache ist, dass diese Filmschnipsel an unterschiedlichen Kopien hängen. Wer also beide sehen will, muss den Film mindestens zweimal sehen…oder wartet auf das Internet.
Die Story
Ist der Film die ganze Aufregung wert? „Wolverine“ ist zunächst einmal ein Prequel und spielt vor den Ereignissen von „X-Men“. James Howlett alias Logan alias Wolverine entdeckt Mitte des 19. Jahrhunderts, dass er ein Mutant ist und aus seinen Händen Krallen sprießen. Zudem ist er nahezu unsterblich. Mit seinem älteren Bruder Victor alias Sabretooth, ebenfalls ein Mutant, kämpft er als Soldat in verschiedenen Kriegen. Allerdings ist Victor anders, denn er genießt seine übermenschlichen Kräfte, um anderen Leid zuzufügen. Im Vietnamkrieg landen beide deswegen im Militärgefängnis. Hier werden sie von dem zwielichtigen Stryker für das Team X rekrutiert, einer Spezialeinheit aus Mutanten. James sind die Methoden seines Chefs aber bald zuwider und er verlässt das Team.
Jahre später hat er sich in die Berge Kanadas zurückgezogen und lebt glücklich mit seiner Freundin Kayla. Doch Sabretooth beginnt plötzlich alle Ex-Mitglieder von Team X zu töten. Noch einmal schließt James mit Stryker einen Pakt mit schrecklichen Folgen: Seine Knochen werden mit einem unzerstörbaren Metall gefüllt und aus ihm wird Wolverine. Doch die Verräter sind überall.
Action von der Stange
Die Story klingt nach einem x-beliebigen Actionfilm und das ist er auch. Es gibt nichts in diesem Film, was man nicht schon viele Male zuvor gesehen hat: Ein paar Verfolgungsjagden, ein paar Selbstzweifel und bisschen Paranoia-Feeling der 70er. Alles, wirklich alles, ist vorhersehbar. Hinter jeder Ecke lauern die Handlanger der bösen Regierung und mittendrin steht muskulös und gut frisiert Hugh Jackman, „the sexiest man alive“. Manchmal auch nur Oscar-Moderator. Trotzdem steht und fällt der Film mit ihm. Stoisch und etwas verbissen macht er sich auf seinen Rachefeldzug und zumindest Fans der „X-Men“-Filme dürften ihren Helden leicht wieder erkennen. Hauptsächlich zeigt er seinen durchtrainierten Körper und weniger seine sensiblen Seiten. „Wolverine“ ist ein klassischer Actionfilm, bei dem ruhige Momente die Handlung nur behindern. Das ist schade, weil Regisseur Hood vor ein paar Jahren mit seinem Oscar-prämierten „Tsotsi“ bewiesen hat, dass er eher ein Mann für die leisen Töne ist.
Der Rest des Schauspieler-Ensembles schaut vor allem zu. Liev Schreiber als Sabretooth hat kaum Möglichkeiten sein Können zu zeigen und Danny Huston als Stryker spielt einen fiesen und eindimensionalen Übeltäter.
Wolverine Origins
Man bekommt so unweigerlich den Eindruck, als wäre hier mehr möglich gewesen. „Wolverine“ zählt schließlich zu den bekanntesten Superhelden des Marvel-Universums. 2005 wurde der behaarte Kanadier sogar zum beliebtesten Vertreter seiner Zunft gewählt. Seinen ersten Auftritt hatte er 1974 und ist seitdem kaum aus der Comic-Welt wegzudenken und in den beiden „X-Men“-Verfilmungen machte er Jackman zum Star. Der neue Film soll die Vorgeschichte dazu bilden und er tut sich schwer. Man kann förmlich spüren, wie die Drehbuchautoren versuchten, sich im Marvel-Dschungel zurecht zu finden. Wolverine ist nämlich nicht gleich Wolverine. Am Anfang seiner Comic-Geschichte ging sogar das Gerücht um, dass er nur ein mutiertes Tier ist. Der Film hält sich weitestgehend an die momentan gültige Biografie: Wolverine ist Kanadier, kämpfte in den Weltkriegen und war Mitglied im Team X, bis er selbst zur „Waffe X“ wurde. Andere Details, wie beispielsweise seine Verwandtschaft zu Sabretooth, sind erfunden.
Der Comic „Waffe X“ von Barry Windsor-Smith (in deutscher Sprache bei Panini) gilt heute, knapp zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen, als Klassiker. Hier wird genau geschildert, wie James Howlett von ein paar Wissenschaftlern zu einem Supersoldaten gemacht wird. Doch das Experiment geht schief und Wolverine übt auf grausame Weise Rache. Der Kniff an diesem Comic sind nicht nur die teilweise surrealen Bildsequenzen sondern, dass Wolverine als Charakter in den Hintergrund rückt. Der Leser verfolgt die Geburt Wolverines aus der Sicht der skrupellosen Wissenschaftler. Das ist spannend, originell und viel besser als der Film.
Kritik
„X-Men Origins: Wolverine“ ist ein durchschnittlicher Action-Film mit einer interessanten Hauptfigur. Der Australier Hugh Jackman verkörpert schon wie in den „X-Men“-Verfilmungen den Superheld „Wolverine“ und konzentriert sich dabei ganz auf seine physische Präsenz. Für sensible Zwischentöne ist wenig Platz. Besonders der Anfang ist gelungen, doch dann macht sich Routine breit und Genre-Fans dürften die einzige überraschende Pointe am Ende schnell herausfinden. Ärgerlich sind die schlechten Spezialeffekte, insbesondere wenn am Ende eine bekannte Figur des Marvel-Universums „verjüngt“ wird. All das deutet auf eine übereilte Post-Produktion hin, um den Film noch rechtzeitig Ende April ins Kino zu bringen. Als Zuschauer wird man das Gefühl nicht los, in einem filmischen Betatest gelandet zu sein.
Das Spiel zum Film wird übrigens aus jugendschutzrechtlichen Gründen nicht in Deutschland erscheinen. Betroffen sind die Versionen für PC, Xbox 360 sowie PS3. Die Fassungen für Wii, NDS, PSP und PS2 sind – aufgrund veränderter Inhalte – hierzulande erhältlich.
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Einsendeschluss: 15.05.2009