The same greatness as every year
Mir fehlen die Worte – nein, ehrlich: Nach so vielen Konzerten über Videospielmusik weiß ich echt nicht mehr, wie ich anfangen soll. Wie wäre es, ich mach es mal ganz kurz und schmerzlos: Es war grandios, von A bis Z. So, meine Arbeit ist getan, Initiator wie Produzent Thomas Böcker ist zufrieden, ihr seid informiert und… bevor Florian die Keule auspackt, geh ich doch mal mehr ins Detail wegen dem „Wieso“, „Weshalb“ und „Überhaupt“.
Ein alter Bekannter stand wieder auf der Bühne, nämlich Arnie Roth. Der Dirigent und Grammy-Preisträger hatte schließlich bereits Symphonic Shadesund Symphonic Fantasieszu einem immensen Erfolg geführt – nur letztes Jahr wurde er von Niklas Willén ersetzt, dem derzeitigen Chefdirigenten des WDR. Dafür fehlte jemand ganz anderes, der bislang eigentlich immer dabei war: Rony Barrak und seine Darbuka mussten dieses Jahr aussitzen. Gleich blieben das WDR Rundfunkorchester und, man höre und staune, der Moderator Ralph Erdenberger. Der war auch gar nicht mal schlecht drauf mit seinen Späßchen und dabei weniger kindisch als im letzten Jahr. Nur die Oberflächlichkeit seiner Spielbeschreibungen und einige inhaltliche Patzer zeigten dann doch, dass er sich persönlich mit der Materie wohl wenig auskennt.
Das Konzert fand letzten Samstag statt und das gleich zweimal – zuerst am Mittag und dann am Abend, jeweils inklusive vorgeschobener Autogrammstunde mit dem Meister Nobuo Uematsu höchstpersönlich, die beide verdammt (!) gut besucht waren. Ich habe in meinem vollsten Pflichtbewusstsein (*hust*) für meine Leser auf DemoNews.de sowohl die eine als auch die andere Veranstaltung besucht. Letztere wurde obendrein als Live-Videostream übertragen – eine weitere wunderschöne Tradition des WDR, welche die Verantwortlichen bitte niemals aufgeben sollten.
Am Anfang war…
Nobuo Uematsu ist ein fantastischer Komponist, der hauptsächlich mit Final Fantasy 4, Final Fantasy 5, Final Fantasy 6, Final Fantasy 7, Final Fantasy 8, Final Fantasy 9 und Final Fantasy 10 seine weltweite Reputation erarbeitet hat. Diese übertrieben langgezogene Aufzählung entfließt nicht ohne Grund meiner Schreibfeder: Abseits von diesem Final-Fantasy-Overkill gibt es nur wenig, was der nicht so versierte Spieler von dem Mann kennt. Das war Thomas Böcker & Co. sichtlich egal – von insgesamt zwölf gespielten Symphonic-Odysseys-Stücken stammten “nur“ vier aus den aufgezählten Episoden. Eine zweite Sache, die mir ebenfalls bereits beim Sichten des Programms auffiel: Ein Großteil der ausgesuchten Musik war auffallend verträumt, sowohl im Original als auch in diesen Arrangements.
Doch der Reihe nach: Das “Schlusslicht“ kam gleich zu Beginn, nämlich die von Nobuo Uematsu extra für dieses Konzert geschriebene Fanfare. Die war gut, die war nett, die erledigte ihren Job als beschwingten Auftakt – nicht mehr, nicht weniger. Die Qualitätsschraube zog sogleich bei der folgenden Suite mächtig an: In einem “Concerto for Piano and Orchestra“ mixte Roger Wanamo ein tolles Final Fantasy I-VI-Medley, dessen Schwerpunkt ganz klar beim sechsten Teil lag. Allein für den Anfang möchte ich die Veranstalter umarmen, denn das Feeling des magisch-bedrohlichen Intro von anno 1994 kam perfekt rüber. Danach erklangen die ersten wehmütigen Töne (z.B. Boundless Ocean aus Final Fantasy III oder Teile der berühmten Opera aus Final Fantasy VI) und am Ende einige kernige Kampfthemen. Am Klavier saß Benyamin Nuss, der mal wieder einen richtig schön emotionalen Einsatz leistete.
Keine gewöhnliche Auswahl
Wer kennt es nicht, das weltbekannte King’s Knight von Square, ein Action-Rollenspiel für das NES, erschienen im Jahre 1986? Also, ganz ehrlich: Ich hatte noch nie etwas von dem Spiel gehört und DAS will wirklich was heißen. Lustigerweise schlummerte auf meiner Festplatte eine Soundtrack-Aufnahme der PC-8801-Version - insofern war ich dann doch für das Orchesterarrangement gerüstet. Und was soll ich sagen: Selbst dieser alte Midi-Pieps-Sound ist gut genug für eine astreine Suite, solange man Jonne Valtonen mit der Orchestrierung beauftragt. Kein anderes Stück vermittelte an diesem Abend solch eine tolle Aufbruchstimmung und wechselte diese dermaßen clever mit unheimlich-bedrohlicher Dramatik ab.
Danach wurde das Konzert noch ungewöhnlicher: Silent Light aus Chrono Trigger ist eine der wenigen Melodien, die Nobuo Uematsu damals als Yasunori-Mitsuda-Ersatzmann für das Spiel schrieb. Jonne modifizierte das schummrige Werk zu einem reinen Chorstück, dessen Wiedererkennungseffekt schwer fiel. Es hatte gleichwohl seinen Reiz: Während ich Live vor Ort noch das Gefühl hatte, der Chor könne nicht die Größe des Saals ausfüllen, kommt die Aufnahme aus dem WDR-Livestream richtig gut zur Geltung.
Das Stück, auf das ich mich im Vorfeld am meisten gefreut hatte, war ohne Witz Final Fantasy Legend I und II, allein wegen Save the World. Dieses Endboss-Thema gehörte zu den besten GameBoy-Piepsereien der frühen 90er Jahre. Und ich mache erneut keine Späße, wenn ich sage: Das Arrangement konnte nicht ganz die Kraft des Originals imitieren, wohl weil dieses einen wirklich einmaligen, fast schon Techno-artigen Sound besaß. Dafür erklang das verspielt-fröhlicher Hauptthema der Serie umso epochaler, weshalb ich weiterhin nicht ernsthaft meckern mag.
Traumhaft
„Aufbruchstimmung, schummrig, Dramatik, fröhlich… meintest du nicht, das Konzert wäre verträumt?“ – Ja, bisher scheint es, als hätte ich gelogen. Hab ich aber nicht: Denn in der zweiten Konzerthälfte drängelten sich genau jene Themen auf, die am Ende meinen genannten Gesamteindruck formten. Da hätten wir beispielsweise Spreading Your Wings aus The Last Story, einem Spiel das derzeit nur in Japan erhältlich ist – und allein bei dieser wundervollen Melodie sollte jedem bewusst werden, dass es Nobuo immer noch drauf hat. Wahnsinnig schön, wahnsinnig wehmütig – ich will das Spiel, hier und heute, bitte.
Auch Final Fantasy XIV ist noch recht neu und (leider zurecht) verpönt, denn das MMORPG selbst macht grausige Fehler. Umso trauriger ist die Tatsache, dass der Musik-Altmeister nach fast zehn Jahren wieder für die Serie verpflichtet wurde und eine astreine, wie stellenweise fantastische Arbeit ablieferte. Zusätzlichen Kudos gibt es für die Konzertplaner, die mit On Windy Meadows auch noch die beste Einzelleistung heraussuchten.

Auf die Nummer Neun der Liste freute ich mich hingegen gar nicht, so bezeichne ich ganz öffentlich und frech Blue Dragon als einen Fehltritt des großen Nobuo – die Themen sind mir zu seicht, zu nichtssagend und zu langweilig. Und beim Konzert ist mir etwas richtig Komisches passiert: In der Vorstellung am Nachmittag gefiel mir Waterside überhaupt nicht, d.h. ich wäre gar fast eingeschlafen, was ich dem Herrrn Thomas Böcker auch im Anschluss gleich beichtete. Der war entsetzt und meinte: “Gib ihm noch eine Chance!“ Das hab ich getan und… was für eine Welt von Unterschied! Die Melodie ist absolut großartig, wenn sie so sensibel mit der Violine gespielt wird. Hab ich da Violine geschrieben? Ach, diese verdammt Violine… Jedenfalls musste ich urplötzlich an ein halbes Dutzend klassischer wie Oscar-prämierter Filmmusik denken, also an wirklich alten Kram aus den 40er bis 80er Jahren.
Und dann war es Zeit für die eigentliche Symphonic Odysseys,nämlich der Lost Odyssey. Ein Medley, bestehend aus satten zwanzig Minuten: Das kann doch nur von Jonne Valtonen sein, dem unsichtbaren Helden aller Symphonic-Konzerte. In der Tat war es mal wieder der Finne, der sechs verschiedene Kompositionen zu einem Streich kombinierte. Abwechselnd erklangen ruhige und dramatische Töne, am Ende kam dann auch die majestätische Orgel zum Einsatz. War es gut? Es war grandios, wenn auch speziell in der zweiten Hälfte erstaunlich wenig verspielt für einen Valtonen.
Von Zugaben…
Damit war das Programm vollendet, der Jubel im Saal ungebrochen und die Encore unvermeidlich. Es sollte Final Fantasy 10 werden, das Endthema – und das klang irgendwie lau im Vergleich zu dem, was ich die Jahre zuvor gewohnt war. Sollte es diesmal eher ruhig anstatt bombastisch enden? Nein, denn auf die eine Encore folgte ganz überraschend eine zweite. Und ironischerweise war es genau diese Zugabe, die das “gemeine“ Volk (zu dem ich mich NICHT zähle) rein von der Auswahl her wohl am meisten gefreut hat: ein Kampfmusik-Medley aus Final Fantasy 7. Das Highlight: Alle Welt redet immer nur von One-Winged-Angel, doch das wurde diesmal wirklich nur ganz kurz angedeutet und dafür das in meinen Ohren nahezu ebenbürtige (!) J-E-N-O-V-A als Kern gespielt. Dafür danke ich ganz herzlich.
…und absoluten Höhepunkten
So, das war es, aus die Maus, wir sehen uns nächstes Jahr wieder… halt, was sagt ihr da? Ich hab doch nichts vergessen, oder? Nochmal nachgezählt und nachgeschaut – ja, huch, das waren jetzt nur elf von zwölf. Was fehlt da bloß? Ach, stimmt, ich Dussel – zwischen Final Fantasy Legend und The Last Story startete ein ganz anderes Arrangement die Träumerei des Abends und es war mit gebührendem Abstand DAS grandioseste, das schönste, das wundervollste, einfach DAS Stück der Veranstaltung. Roger Wanamos Orchestration von A Fleeting Dream aus Final Fantasy 10 machte alles richtig: klar erkennbar, die grundlegende Stimmung übertragen und sie auf ein ungeahntes Niveau gehievt. Anders formuliert: A Fleeting Dream gehörte zu diesen unscheinbaren Uematsu-Melodien, die ich stets gut, aber nie für außergewöhnlich empfand. Das hat sich seit diesem Samstag geändert.
Nun ist wirklich Schluss, nach einer erneuten Veranstaltung ohne gravierender Fehler, inklusive zahlreicher Highlights – und das leider für mindestens zwei Jahre. Denn 2012 kommt kein neues Konzert aus dem Hause Böcker und WDR, sondern eine Wiederholung von Symphonic Fantasies. Darüber möchte ich aber nicht böse sein, denn mir ist so eine “Pause“ lieber, als wenn die Verantwortlichen irgendwann die Kreativität mit der Brechstange auspacken müssen, nur weil die nächsten zwölf Monate rum sind. Zudem kann ich mir den Bericht dann sparen und euch schon heute sagen: Holt euch unbedingt ein paar Tickets für Symphonic Fantasies, sobald diese ab Dezember z.B. via KölnTicket zur Verfügung stehen. Dieses Konzert ist immer noch zusammen mit Symphonic Shades das Beste, was ich je an arrangierter Videospielmusik gehört habe.