
Warum Indie-Games besser sind…
Momentan dominiert bei mir der Spielefrust. Keines der ach so großen Triple A-Titel hat mich vom Hocker gerissen. Weder “Mass Effect 2“ noch “Assassins Creed 2“ haben mich überzeugt, dass ein Millionenbudget gleichzeitig auch mehr Spielspaß garantiert. Vielleicht bin ja schon zu alt für Next-Gen. Tatsache ist aber, das heutigen Spiele kaum noch auseinander zuhalten sind und auf den Mainstream-Markt schielen. An Experimente wagt sich heute kein Publisher und wenn, dann geht es meist finanziell in die Hose, Beispiel “Mirror’s Edge“. Das sich ein Spiel wie “Bayonetta“ halbwegs gut verkauft hat, grenzt schon an ein Wunder.

Wer sucht, der findet aber. Tatsächlich hat mich in den letzten Jahren besonders ein Spiel beeindruckt, dessen Budget noch nicht einmal die Papierkosten für die Konzeptzeichnungen von “Modern Warfare“ abgedeckt hätte: “Braid“. Aus dem Nichts heraus schuf ein kleines Team ein Geschicklichkeitsspiel mit nahezu perfektem Level-Design und einer wundervoll philosophischen Story. Das war kein namenloses Massenprodukt, sondern hier steckte die Liebe im Detail. Danach fallen mir sofort Spiele wie “World of Goo“, “VVVVVV“ oder “Machinarium“ ein – alle etwas schräg und eigenwillig, aber für die breite Masse gibt es ja Activision. Natürlich sind diese -neudeutsch- „Indie Games“ alle ein bisschen Retro. Meist ist es nur eine gute Idee, die das Spiel tragen soll; sie sind kürzer als „große“ Titel und die Grafik ist technisch hoffnungslos veraltet. Für die Macher geht es aber um mehr, als um Technik-Geprahle. Sie spielen keine große Oper, sondern dreckigen Garagenrock.
Unabhängige Spieleentwickler leben bei der Arbeit ihre Leidenschaft aus. Fast alle haben das Motto „Was uns Spaß macht, wird auch den Spielern gefallen“. Kein CEO soll ihnen den Spaß am Spiel vertreiben und deshalb setzen sie auf eigene Ideen, die sie am besten selbst in den Handel bringen. Da gibt es keine großen Marketingkampagnen, sondern nur Mundpropaganda. Viel Geld verdient man damit in der Regel nicht, aber dafür sind diese Spiele auch nicht gemacht. „Indie-Games“ werden nicht am Reißbrett entworfen um möglichst breite Käuferschichten anzusprechen, sondern es sind oft Experimente im Game Design. Im Grunde genommen machen sie all das, was bei den großen Publishern verpönt ist. Bei dem sonst üblichen Erfolgsdruck, den engen Zeitplänen und den zahlreichen Meetings ist es da schon gar nicht verwunderlich, dass viele unabhängige Entwickler Branchenaussteiger sind. Die Jungs von 2D Boy (“World of Goo“) sind Ex-EA-Mitarbeiter, Alex Neuse von Gaijin Games (“Bit.Trip“) arbeitete bei Lucasarts und Luke Schneider von Radian Games (“Crossfire“) blickt auf eine über 10jährige Erfahrung in der Spielbranche zurück.
Selbst ist der Designer
Neben diesen „Ex“-Profis gibt es auch eine unzählige Reihe von Autodidakten, denn nie war es so leicht Spiele zu machen wie heute. iPhone, Flash oder Entwicklerplattformen wie XNA ermöglichen kleinen Teams einen schnellen und verhältnismäßig unkomplizierten Einstieg. Außerdem machen unabhängige Entwickler aus der Not eine Tugend, denn während die großen Publisher nur langsam umdenken, setzen kleine Entwickler von Anfang an auf den digitalen Vertrieb. Es wäre jetzt aber gelogen, wenn ich von einem ungebremsten Triumphzug der Indie-Games schreiben würde. Tatsächlich kämpfen die meisten ums überleben. Vertriebskanäle wie der Appstore oder XBLA Indie sind auf den ersten Blick toll, aber in der Realität sind sie ein einziges großes Massengrab für viele unterdurchschnittlicher Spiele. Wahre Perlen wie “Soulcaster“, “Crossfire“ oder “Scribble Defense“ sind schwer zu finden.
Vielleicht hilft es ja, dass ein paar große Publisher das Potenzial erkannt haben. Microsoft veranstaltet seit einigen Jahren den Dream-Build-Play-Wettbewerb und Activision zieht jetzt mit einem eigenen Independent Games-Wettbewerb nach, dotiert mit insgesamt 500.000 Dollar. Außerdem entsteht in Kanada gerade eine Dokumentation über die Szene: „Indie Game: The movie“. Also Augen auf – Indie Games kommen langsam, aber gewaltig.
Soweit die Kolumne von Andreas. Den ersten Teil von Andys Special über die besten Independent/Download Only-Titel, die bislang in diesem Jahr erschienen sind, gibt es hier.