Ich könnte diese kleine Kolumne auch „Streitsüchtig – Reprise“ nennen. Es geht um etwas, was mir persönlich sehr am Herzen liegt: um die Prozentwertungen, genau genommen um MEINE Wertungen. Manch einer wird es in meinen Berichten bereits herausgelesen haben, dass ich nicht nur seit meiner Anfangszeit bei DemoNews Spiele mit Prozenten bewerte, sondern schon rein im privaten Bereich seit einer halben Ewigkeit.
Dabei habe ich mal genauso angefangen, wie viele der heutigen, schnell gehypten Teenies: Da bekam ein Turrican 94%, ein Turrican 2 95%, ein Indiana Jones 4 96%, ein Incredible Machines 97%... und irgendwann geht dir dann die Wertungsskala aus. Kurz nach Incredible Machines, also im Jahre 1993, setzte ich mich an eine richtig epische Liste, welche meine Wertungen nicht nur reformieren, sondern auf Dauer festigen sollte. Das oberste Gebot: Neuere Spiele werden nicht direkt mit älteren verglichen, sondern immer unter der Berücksichtigung des Zeit/Leistungsverhältnisses. Diesen Punkt muss ich mir stets in Erinnerung rufen, um einer schleichenden Punktinflation entgegenzutreten.
Die Waagschale zwischen beharren und einräumen
In einem meiner nächsten Testberichte spreche ich im Fazit ein Problem an, welches mich alle paar Jahre verfolgt: Was ist, wenn du nach einiger Zeit (sei es Wochen, Monate oder Jahre) merkst, deine Wertung von damals passt selbst unter Berücksichtigung der Zeit/Leistung-Regel nicht? Du hast dich damals geirrt, dich vom spontanen Eindruck zu stark leiten lassen, warst zu sehr von anderen Berichten beeinflusst oder wusstest innerlich irgendwie: Eigentlich ist das Urteil so nicht ganz richtig.
Immer häufiger fällt mir bei meinen Vergleichen auf, dass etwas mit meinen Wertungen zu den Spielen aus den 80er Jahren nicht stimmt. Kein Wunder, auch wenn ich die meisten Titel damals Live und in Farbe erlebt habe, so war ich doch von meinen Lieblingsmagazinen schwer beeinflusst. Allen voran die Meinungen der Happy-Computer, später Power Play, waren unantastbar. Erst im Laufe der Jahre merkte ich bei einigen auffälligen Beispielen, dass dies allein meinem eigenen Geschmack gegenüber nicht fair war. Schönes Beispiel ist „Prince of Persia“: Die Power Play vergab magere 66%, persönlich fand ich das Ding großartig. Allerdings traute ich mich nicht so recht, dies zuzugeben. Ergo griff ich zu einem Mittelweg und trug eine 70er Punktzahl in meine Datenbank ein, deren genauer Wert längst vergessen ist. Denn nach und nach kletterte die Zahl hoch auf stolze 90%, aus zwei Gründen: Zum einen vertraute ich immer mehr meinem eigenen Geschmack und zum anderen stellte sich für mich dank des Internet-Zeitalters heraus, dass „Prince of Persia“ abseits der Power Play-Welt gar mit „Spiel des Jahres“-Preisen ausgezeichnet wurde.
Sturheit führt zu Chaos
Warum ich das hier und heute schreibe? Weil ich eben gerade eine Altlast „entsorgt“ habe. 95% ist die höchste Wertung, welche ich bislang in der Datenbank und dies für mehrere Spiele verzeichnet habe. Dazu gehörte ein kleines, aber grandioses C64-Spiel namens „Wizball“, welches nun auf 93% runtergepurzelt ist und so obendrein bei mir seinen „Game of the Year 1987“-Status verlor. Über zwanzig Jahre hielt ich an der Rekordwertung fest, erneut war die Happy-Computer daran nicht unschuldig. Denn kein anders Spiel schaffte dort das Kunststück, in den drei Wertungskategorien Grafik, Sound und Spielspaß auf 92% zu klettern.
Ich machte damals den Fehler, dies als absolute Höchstwertung zu interpretieren, obwohl andere Spiele eine höhere Spielspaß-Wertung bekamen (z.B. „Paradroid“ oder „Shanghai“). Dieser Gedanke war zwanzig Jahre nie wirklich aus meinem Kopf zu kriegen. Aber nicht zuletzt dank der enorm starken Konkurrenz von 1987 kippte dieser Gedanke langsam aber sicher zu Boden.
„Dungeon Master“, „Maniac Mansion“, „The Guild of Thieves“ und „Pirates“ gelten unter Kennern bis heute noch als Meilensteine der Spielekunst. „Wizball“ sieht so gut wie jeder durch die technisch herausragenden Leistungen ebenfalls als ein absolutes Highlight der unverwüstlichen C64-Ära an. Aber zwei bis fünf Punkte höher einstufen als die Echtzeit-Revolution der Rollenspiele, als den Durchbruch im Point´n´Click-Genre, als das wahrscheinlich beste Text-Adventure aller Zeiten oder als den standhaften Sid Meier-Klassiker, der über Jahre hinweg die Leser-Hitparaden bevölkerte, bis der selbe Mann mit „Civilization“ für Ablöse sorgte? Nein, das erschien mir immer mehr falsch und seit heute bin ich mir endlich sicher: Es war falsch.
Eigentlich alles unwichtiger und unbedeutender Krams
Was nicht heißen soll, dass „Wizball“ geächtet wird: 93% ist immer noch eine Wertung, welche von mir ansonsten nur 25 weitere Spiele erhalten haben. Es steht damit auf dem zweiten Platz meiner „Game of the Year 1987“-Liste, einzig geschlagen vom definitiv revolutionärsten Titel der Riege, nämlich „Dungeon Master“. „Wizball“ mag für viele in Vergessenheit geraten sein, aber es war damals ein überaus eindrucksvolles Spiel, welches dank Höchstleistungen in Sachen Grafik, Technik, Sound, Design und Spielbarkeit ganz klar einen Kultplatz verdient.
Und es soll auch nicht heißen, dass ich nun Wertungen alle paar Wochen ändere und schon gar nicht jene, die ich seit meiner DemoNews-Zeit öffentlich vergeben habe. Diese sind schließlich von einem „anderen“, „reiferen“ Menschen gemacht, als jene zu „Wizball“ oder „Prince of Persia“. Andererseits möchte ich nicht der alte Griesgram sein, der auf ewig auf seiner Meinung sitzen bleibt, wenn er doch irgendwann mal merkt: Verdammt, ich habe mich da schlichtweg geirrt. Abschließend waren die meisten Korrekturen bislang nicht in dramatisch hohem Ausmaße und wenn, dann im positiven Sinne (siehe „Prince of Persia“). Mir fällt jedenfalls kein Fall ein, wo ich ein Spiel deutlich zu „gut“ bewertet habe und über dessen „Spielspaß“ ich mich heute schämen müsste. Bei meinen Wertungen für DemoNews würde ich aus heutiger Sicht z.B. „Fable“ statt 90% „nur“ 89% geben (rein subjektiv find ich es nach wie vor großartig, aber für ein „Hervorragend“ sind eigentlich zu viele kleine Ungereimtheiten drin) oder „Chronicles of Riddick“ von 88% auf 90% rauf stufen (ja, Sven, du hattest damals Recht gehabt :) )
Wenn ihr euch nun fragt, wieso ich mir überhaupt diese Mühe mache: Mir sind Wertungen wichtig. Und wieso sind sie mir so wichtig? Weil sie am Ende meines Testberichtes stehen. Wenn sie mir nicht wichtig wären, dann sollte ich sie besser ganz weglassen. Denn das ist die zweite Regel, die ich mir auf immer auferlegt habe: Passe die Wertung an deinen Testbericht an und nicht umgekehrt.
Bleibt nur die Frage: Wie seht ihr das? Sollte man auf sein Urteil von damals auf immer und ewig setzen? Schließlich läuft man sonst Gefahr, seine Meinung ständig zu ändern und als Zurückruderer verschrien zu werden. Oder ist das halb so wild, wenn dafür das korrigierte Gesamtbild stimmt?