Ihr seid noch von The Avengers berauscht? Euch dauert es bis zu The Dark Knight Rises zu lang? Dann verzweifelt nicht: Mittendrin parkt Sony Pictures den nächsten Re-Boot zu Spider-Man. Mit einem ehemligen Romcom-Regisseur und einem Engländer als Superheld, sind zumindest äußerlich die Weichen auf eine andersartige Interpretation der Geschichte gestellt.
Bekannter Stoff
Andrew Garfield ist der neue Spider-Man.
Peter Parker ist Spider-Man: Es ist eines dieser Geheimnisse, welches jeder kennt. Zumindest wir als Comic-Leser, Videospieler oder eben Kinobesucher wissen, dass es da diesen schüchternen Jungen mit der Brille gibt, der irgendwann mal in seinem Leben von einer Spinne gebissen wurde und plötzlich klebrige Finger, blitzschnelle Reaktionen sowie übermenschliche Kräfte besitzt. Warum also ein Geheimnis daraus machen, dachten sich die Drehbuchautoren James Vanderbilt, Alvin Sargent und Steve Kloves sowie Regisseur Marc Webb.
The Amazing Spider-Man ist ein weiterer Re-Boot der legendären Spinnen-Saga und einer, der bemüht versucht, eine andere Richtung einzuschlagen. Es fängt bereits beim Vorspann an: Wir sehen Peter (gespielt von Andrew Garfield) als kleinen Jungen und wie sich seine Eltern von ihm verabschieden. Der besorgte Blick des Vaters und die verweinten Augen der Mutter suggerieren sofort: Hier stimmt etwas nicht. Onkel Ben (Martin Sheen) und Tante May (Sally Field) sollen sich um ihn kümmern - nur für eine kurze Zeit. Die Überblende vom kleinen Jungen zum jungen Heranwachsenden offenbart die ernüchternde Wahrheit, dass Peter seine Eltern nicht mehr wieder gesehen hat. Etwas später erfahren wir gar: Die beiden sind bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen.
Peter Parker ist aufgeweckt, clever und zumindest unter seinen Mitschülern bekannt für sein Interesse an der Fotografie. Doch wirklich beliebt oder gar durchsetzungsfähig ist er nicht, zumindest die Prügelei mit dem Schulbekannten Raufbold Flash Thompson (Chris Zylka) verliert er in Sekunden. Moralische Unterstützung bekommt er von Gwen Stacy (Emma Stone), allerdings verhindert Peters schüchterne Ader zunächst jedweden Schritt in Richtung ernsthafter Romanze.
All das soll sich an dem schicksalhaften Tag ändern, als er eine alte, verwahrloste Tasche im Keller seines Onkels findet: Die gehörte nämlich Richard Parker, seinem Vater. Als Wissenschaftler schien er an einem streng geheimen Projekt gearbeitet zu haben. Im gleichen Atemzug erfährt der Junge von einem ehemaligen Arbeitskollegen namens Dr. Curt Connors (Rhys Ifans). Getrieben voller Neugierde sucht er ihn auf, um Antworten zu jener verhängnisvollen Nacht zu finden, in der er von seinen Eltern allein gelassen wurde. Und direkt nach dieser Begegnung stößt Peter auf ein mysteriöses Labor, worin er ein großes Spinnennetz inklusive zahlreicher Arachnida vorfindet. Den Rest kann sich jeder selbst denken...
Ein Parker in der Pubertät
Eine Alltagssituation zwischen Onkel, Tante und Neffe.
Die erste Frage, die sich mir bei der Ankündigung von The Amazing Spider-Man stellte: Was soll der Film anders machen als Sam Raimis Filmtrilogie, die keine zehn Jahre alt ist? Bereits die Wahl des neuen Regisseurs, Marc Webb, mutet komisch wie interessant an. Der einzige Film, den der gebürtige Amerikaner zuvor auf die Beine gestellt hat, ist die zynisch-romantische Komödie (500) Days of Summer. Sofern ist es nicht verwunderlich, dass sein Spider-Man erstaunlich viel Charakter besitzt und sehr verletzlich ist.
Andrew Garfield stellt die Wirrungen seiner Metamorphose vom gemobbten Schüler zum respektablen Superhelden gekonnt dar. Denn wie bereits in meinem Einleitungsabsatz angedeutet, ist es erstaunlich, wie viele Filmfiguren am Ende von der Doppelidentität Parkers wissen.
Zudem spürt man den inneren Zwiespalt zwischen der Treue zu seinem Vater, zu seinem Onkel und dem unbändigen Wissensdurst gegenüber den Geheimnissen, die wie ein unsichtbares Band über der Familie liegt. Aufgrund dessen macht dieser Peter Parker hier einige Fehler, die zu fatalen Situationen führen und den Helden einen emotionalen Tiefschlag nach dem anderen erleben lassen. Kurz: Spider-Man hat zwar Superkräfte, doch er ist nicht unfehlbar. Das macht ihn gleichzeitig bewunderns- wie bemitleidenswert, ja, menschlich eben.
Entfaltungszeit
Hoppla, ich habe Superkräfte: Peter Parker entdeckt ganz neue Seiten an sich.
Der Film oder besser gesagt das Drehbuch beginnt recht schwach. All die “Zufälle“, die zu der schicksalhaften Verwandlung führen, fühlen sich eine Spur zu “zufällig“ oder besser gesagt “unglaubwürdig“ an. Erst mit den Missgeschicken, die Parker aufgrund seiner neu gewonnen Kräfte widerfahren, gewinnt The Amazing Spider-Man dramatisch an Qualität. Die alte Formel “Respektiere die Superhelden-Thematik, aber nimm sie nicht zu ernst“ geht erneut voll auf. Auch die Beziehung zwischen Peter Parker und Gwen Stacey hat Klasse, allein weil die Chemie zwischen den beiden Darstellern stimmt – um nicht gar zu sagen: besser als vor zehn Jahren bei Tobey Maguire und Kirst Dunst.
Überhaupt ist die schauspielerische Leistung des gesamten Ensembles erwähnenswert, insbesondere die grandiose Sally Field als störrische wie gutherzige Tante hat mir sehr gut gefallen. Die visuellen Effekte halten sich über weite Strecken im Hintergrund und nehmen erst gegen Ende hin überhand, wenn Spider-Man erstmals von einem Wolkenkratzer zum nächsten schwingt. Diesen Moment zelebriert Webb etwas zu lange und passt nicht so recht in die sonst eigentlich recht ruhige Charakterstudie. Und was die Musik anbelangt, so erkennt der Kenner James Horner Handschrift bereits nach einer Viertelstunde. Manche Themen hören sich dermaßen verdächtig nach diversen Klavierstücken aus Titanic oder A Beautiful Mind an, man meint gar, der gute Mann habe sie 1:1 übernommen.
Kritik
Gewn Stacey ist zwar blond, aber definitiv nicht blöd.
Das größte Problem von The Amazing Spider-Man ist eines, wofür der Film an sich keine Schuld trägt: Er erscheint zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Nach Joss Whedons phänomenalen The Avengers und vor Christopher Nolans mit Hochspannung erwartetem The Dark Knight Rises wirkt Marc Webbs Streifen wie ein Pausenfüller. Zudem sind die Erinnerungen an Sam Raimis Trilogie noch viel zu frisch, weshalb einige Doppelungen zwangsläufig auffallen – trotz sichtbarer Veränderungen in Punkto Story und Drehbuch.
Gleichwohl hat mir Marc Webbs Interpretation ganz spontan besser als Raimis erster Spider-Man gefallen. Ich habe hier mehr das Gefühl, dass sein Held in der Tat einem ganz normalen Menschen entsprungen ist, der erst einmal mit seinen Fähigkeiten klarkommen muss, anstatt auf Knopfdruck reihenweise Heldentaten zu vollbringen. Mit etwas Abstand könnte sich der Film zu einer festen Größe etablieren, bei der man sich auf die bereits geplante Fortsetzung getrost freuen kann.
Zu guter Letzt die übliche Warnung: Sofern es euer Kino anbietet, rate ich zu einer 2D- anstatt einer 3D-Vorstellung. Zwar gibt es ein bis zwei Szenen, in denen durchaus ein plastischer Effekt nicht von der Hand zu weisen ist. Jedoch ist dies (mal wieder) nicht der hohe Aufpreis der Kinokarte wert.