Eine neue Chance
Jetzt wird es ernst: Daedalic Entertainment versucht sich an einem seriösen Umwelt-Drama und zeigt mit A New Beginning eine böse Zukunft. Demnach ist die Erde kaputt, ausgelöst dank des Menschen und einem von ihm verursachten Klimakollaps. Doch zum Glück gelingt den wenigen Überlebenden der Bau einer Zeitmaschine, mit der ein Team von ausgebildeten Wissenschaftlern zu jenem Zeitpunkt der Geschichte zurück reisen soll, wo die Katastrophe noch verhindert werden könnte.
Die mir vorliegende Previewversion umfasst laut Daedalic gut die Hälfte des gesamten Point´n´Click-Abenteuers und offenbart schnell eine relativ komplexe Erzählstruktur. Euch erwarten zwei spielbare Charaktere: den ehemaligen Forscher Bent Svensson und eine Funkerin namens Fay. Bent lebt im Hier und Jetzt: Als er gerade in seiner Hütte eine seiner Erfindungen in Gang setzt, taucht Fay auf und erklärt ihm, sie komme aus der Zukunft. Wie sie genau hierher gelang, spielt ihr anschließend in Form zweier Rückblenden beziehungsweise Kapitel nach. Danach bleibt das Spiel in der Gegenwart und wechselt stetig zwischen den beiden Protagonisten.
Obwohl die Preview noch einige Kinderkrankheiten und Bugs besitzt (die allesamt laut den Entwicklern bis zum Releasetermin ausgebügelt werden), glänzt A New Beginning bereits in dieser Form prächtig in Punkto Atmosphäre und Rätseldesign. Eine solche Geschichte als Computerspiel zu verarbeiten ist alles andere als einfach: Es bedarf einer gewagten Balance aus Ernsthaftigkeit (aufgrund des Themas) und Spaß (weil es sich nun mal um ein Adventure-Spiel handelt). Zudem neigen solche Umweltstorys schnell dazu, ins Lächerliche abzudriften. Daedalic ist jedoch auf einem guten Weg, nicht in irgendwelche nervigen Klischeefallen zu tappen. Zwar schielt die eine oder andere Szene leicht in Richtung Unglaubwürdigkeit, jedoch wird dieses Gefühl rasch durch die stets folgende negiert. Nur die Prise Humor, die man zur Auflockerung integrierte, zündete bei mir selten.
Rätsel-Hoffnung
Richtig stark ist das Rätseldesign, das die hauseigenen Marken Edna bricht aus sowie The Whispered World mühelos überflügeln dürfte und am Ende gar am derzeitigen Genrethron kratzen könnte. Bereits in der Preview gefielen mir einige Kopfnüsse außergewöhnlich gut: Sie machen einen frischen Eindruck und erzeugen ein wohliges Gefühl der Befriedigung, wenn ihr sie löst – genau wie es sich für ein Adventure auch gehört. Die Steuerung vertraut dabei auf ein vergleichbares System wie The Whispered World, bei dem ihr die Maustaste stets gedrückt halten und auf einen der verfügbaren Befehlen lenken müsst. Der Unterschied ist, das eben diese Befehle mehr an alte Text-Adventures erinnern und von Objekt zu Objekt variieren. Während ihr eine Tür nur „öffnen“ oder „schließen“ könnt, da dürft ihr eine Schublade „durchsuchen“ oder mit einem Diktiergerät etwas „aufnehmen“.
Die Hand gezeichneten Grafiken mögen nicht zum Besten gehören, was man heutzutage gewohnt ist. Aber sie haben Stil und Charme - das Ambiente erinnert mich genau genommen an alte, amerikanische Comics. Dazu passen die Zwischensequenzen, die wie Comicstrips präsentiert werden. Die Soundabteilung wiederum lässt sich bislang nur eingeschränkt beurteilen, weil genau hier laut Daedalic Entertainment noch die meisten Baustellen bestehen. Trotzdem möchte ich die bereits integrierten Musikstücke besonders lobend hervorheben. Gleiches gilt für die Sprecher der Hauptcharakter sowie ganz im speziellen von Svenssons Sohn namens Duve – seine Szenen in Kapitel fünf sind schon jetzt enorm beeindruckend.
Ausblick
Und sie enttäuschen vermutlich wieder nicht: Es ist außergewöhnlich, wie sehr mich die Preview von A New Beginning zu begeistern vermochte, obwohl die Version naturgemäß noch nicht zur Perfektion ausgearbeitet wurde. Eine solche Geschichte gescheit und glaubwürdig umzusetzen, ist eine enorm schwere Aufgabe. Zu ernst ist das Thema, zu groß die Gefahr sich daran zu verbrennen. Und auch wenn mir ein paar Szenen im vierten Kapitel in ihrer jetzigen Form noch ein paar Sorgenfalten bereiten, so ist schon das anschließende fünfte Kapitel ein kleines Meisterwerk.
Ich mag es jedenfalls nicht abwarten, den Rest zu spielen … die folgenden Wochen bis Anfang Oktober dürften schwer werden. Behält Daedalic Entertainment recht und die Previewversion umfasst gerade mal die Hälfte des Abenteuers, dann kommt noch ein erstaunlich starker Umfang hinzu, der in Richtung Black Mirror 2 schielt. Die Entwickler schicken sich alles in allem wieder an, nicht einfach nur ein grundsolides Adventure abzuliefern. Erneut stehen die Zeichen auf grün, das es genau wie Edna bricht aus und The Whispered World etwas Einmaliges wird.