Ein über Jahre aufgebautes Vertrauen in ein Franchise auf einen Schlag zu verspielen, das haben bisher nicht viele Entwickler geschafft. Rare wäre so ein Beispiel, die mit “Banjo Kazooie: Nuts And Bolts“ ihre Fans ordentlich vor den Kopf gestoßen haben. Schon einige Jahre vorher gab es in Deutschland einen ähnlichen Aufschrei: “Gothic 3“ war unspielbar verbuggt, hatte ein unbefriedigendes Kampfsystem und enttäuschte mit einer emotionslosen sowie langweiligen Geschichte. Einige Spieler ließen sich allerdings davon nicht abschrecken – die Atmosphäre sowie die ganz eigene, raue Stimmung der serie war nämlich trotz aller Probleme auch im dritten Teil zu finden. Spätestens mit dem indiskutablen, in Indien entwickelten Addon “Götterdämmerung“ verspielte man dann aber das letzte bisschen Vertrauen. “Gothic 4“ bietet nun einen neuen Charakter, eine neue Welt und kommt von einem anderen Entwickler. Ist das dann überhaupt noch “Gothic“?
Göttersterben
Der namenlose Held hat einen Namen! Und nicht nur das, sogar einen Titel bekommt er am Ende von “Götterdämmerung“ verliehen: König Rhobar III. Die Macht scheint ihm recht schnell zu Kopf zu steigen, denn schnell führt er das gesamte Land in den Krieg. Zu Beginn des Abenteuers bekommt eure Spielfigur, also der neue namenlose Held, davon recht wenig mit. Auf einer beschaulichen Insel, die zur Einführung in das Spiel dient, hütet ihr eure Schafe, verteidigt euch vor Wölfen oder versucht den Vater eurer Freundin von euch zu überzeugen. Das alles ändert sich schlagartig, als Schiffe von Rhobar III. auf der Insel landen. Allzu viel möchte ich euch über die Geschichte nicht verraten, aber euer Held wird auf Rache sinnen - und die führt ihn früher oder später zum König persönlich.
Vorher gilt es freilich, sein Schwert an diversen Monstern stumpf zu kloppen. Die Kämpfe spielen sich wie ein Mix aus “Gothic 2“ und “Gothic 3“: Während ersteres Spiel oft für seine komplizierte Steuerung kritisiert wurde, galt das Kampfsystem des dritten Teils als zu simpel. Zwar benötigt ihr für eure Attacken auch in “Arcania“ nur die linke Maustaste, allerdings verhindert ein sich leerender Ausdauerbalken geistlose Klickorgien. Mit der rechten Maustaste blockt ihr, während ihr per aufgeladener Attacke die Blocks eurer Gegner durchbrechen könnt. Alles in allem wirkt das System wie eine angenehme Mischung aus Zugänglichkeit und Komplexität. Trotzdem bleibt die Frage: Wie viel “Gothic“ steckt noch in “Arcania“?
Entscheidungsfreiheit
Die Antwort darauf ist nicht ganz einfach – denn es liegt ganz bei euch. Sämtliche Hilfen, alle Teile des Interfaces und sogar die Atmosphäre des Spiels ist im Optionsmenü regulierbar. “Arcania“ möchte der erste Teil des “Gothic“-Franchise werden, der auch in den USA richtig erfolgreich sein soll. Dort waren die ersten drei Teile weder besonders bekannt, noch haben sie sich gut verkauft. Einen großen Anteil daran hatte der Fakt, dass keiner der Vorgänger einsteigerfreundlich war. Kurze Tutorials, keine Minimap, recht umständliches Levelsystem: Für all diese Dinge lieben “Gothic“-Fans die Serie, nur erschwerten sie gleichzeitig, neue dazu zu gewinnen.
In “Arcania“ umgeht man dieses Problem denkbar einfach: All die Hilfen, die das US-Publikum von Spielen wie “The Elder Scrolls 4: Oblivion“ gewohnt wären, seien vorhanden, aber jederzeit ausblendbar. Wie in “World Of Warcraft“ kann man beispielsweise jedem Questgeber ein Ausrufezeichen über dem Kopf verpassen – oder auch nicht. Wen die Minimap stört, der schaltet sie nach Belieben ab. Ihr wollt selbst herausfinden, wo sich das Ziel eurer aktuellen Quest befindet? Dank Optionsmenü könnt ihr auf diese Hilfe verzichten. Auch beim Schwierigkeitsgrad setzt sich dieser Trend fort: Für “Gothic“-Veteranen gibt es einen ganz eigenen, der das Spiel zu einer ebenso großen Herausforderung macht, wie es seine Vorgänger waren.
Technikspielereien

Selbst die Grafik lässt sich dementsprechend anpassen. Weil die dunkle Lichtstimmung und Atmosphäre der vorigen Titel eher abschreckend auf das US-Publikum wirkte, könnt ihr nun jederzeit einstellen, ob ihr die amerikanische und europäische Version des Spiels erleben möchtet. Erstere ist heller, kontrastreicher und bietet mehr Farben, während die zweite Option das altbewährte “Gothic“-Flair bringt. Ganz egal, welche der beiden Alternativen ihr wählt: “Arcania“ sieht großartig aus. Wenn das dynamische Wettersystem für Regen sorgt, bilden sich Pfützen und das Wasser fließt physikalisch korrekt am Boden entlang. Bessert sich das Wetter, so trocknet der Boden langsam ab. Greift ihr auf einer Wiese mit einem Feuerzauber eine Blutfliege an, fängt auch das Gras um euch herum an zu brennen. Die deutsche Sprachausgabe ist Serien-typisch hervorragend: Serienveteranen wie Lester und Diego werden immer noch von den selben Sprechern synchronisiert, wiederum der neue Held mit der deutschen Stimme von Leonardo DiCaprio spricht.
Ausblick
Ich war wegen der vielen angekündigten Veränderungen sehr skeptisch gegenüber “Arcania: Gothic 4“. Als ich das Spiel dann aber selbst präsentiert bekam, wurde schnell deutlich, dass all diese Veränderungen freiwilliger Natur sind. Der Hardcore-Fan kann das Spiel genauso genießen, wie er es von den Vorgängern gewohnt ist. Gleichzeitig ermöglicht Entwickler Spellbound Entertainment es den Neueinsteigern, durch das Zuschalten optionaler Hilfen gut ins Spiel reinzufinden und es ebenso zu genießen. Die überzeugende Technik, gepaart mit der altbekannten “Gothic“-Atmosphäre, könnte das schaffen, was ich für beinahe unmöglich erachtet habe: Wieder Vertrauen in das am Boden liegende Franchise aufzubauen. Das Spiel erscheint weltweit am 12. Oktober für PC und Xbox 360, eine Playstation-3-Version folgt irgendwann 2011.