Im Norden von Chernarus macht sich Unmut unter der überwiegend russischen Bevölkerung breit. Man will nicht mehr Teil des verhältnismäßig kleinen Staates bleiben, sondern lieber wieder zum russischen Mutterland gehören. Gegen solche Sezessionsbestrebungen hat der Süden naturgemäß einiges einzuwenden, doch ruft er damit die Rote Armee auf den Plan. Russland sieht nämlich in den Abspaltungsbestrebungen des nördlichen Chernarus eine Gelegenheit, seine Einflusssphäre zu erweitern. Weil das wiederum den Amerikanern nicht gefällt, eilt deren Armee dem Südteil zur Hilfe. Und was als nationale Unruhen begann, mausert sich zu einer ausgewachsenen Weltkrise.
Dieses eigentlich fiktive Szenario, das als Hintergrundgeschichte zu „Armed Assault 2“ (ArmA 2) dient, liest sich mittlerweile wie das Drehbuch zum aktuellen Kaukasus-Konflikt. Die tschechischen Entwickler von Bohemia Interactive sind hier allerdings tatsächlich von der Realität eingeholt worden, denn die Arbeiten am Spiel begannen weit vor den Ereignissen in Georgien. Dennoch hatte die Präsentation von „ArmA 2“ auf der diesjährigen „Games Convention“ in Leipzig beinahe etwas Unheimliches, was wohl auch an dem Anspruch der Entwickler liegt, einmal mehr einen derartigen militärischen Konflikt möglichst authentisch zu simulieren.
Wenn vier sich streiten
In „Arma 2“ ist der Spieler Teil einer amerikanischen Spezialeinheit, dem „Team Razor“, das dem Süden von Chernarus bei dem Kampf gegen den aufständischen Norden und der Roten Armee zur Hilfe eilt. Im Verlauf der Handlung bleibt man aber nicht nur Befehlsempfänger, sondern übernimmt auch die Leitung des Teams und somit auch die Einsatzplanung. Es obliegt also dem Spieler, wie er die individuellen Fähigkeiten der ihm unterstellten Soldaten in den anstehenden Missionen einsetzt. Für „ArmA“-Veteranen könnte das ein echtes Fest werden, Neulinge dürften hingegen angesichts der ihnen anvertrauten Verantwortung hörbar schlucken.
Neben den vier Konfliktparteien – Aufständische, Regierungstreue, Russen und Amerikaner – gibt es in Chernarus auch die nicht kämpfende Zivilbevölkerung, die unter den Kämpfen zusehends leidet. Diese neutrale Gruppierung soll laut den Entwicklern im Spielverlauf auf die Aktionen des „Team Razor“ reagieren und entweder unterstützend oder behindernd tätig werden. Erschwerend für den Spieler kommt außerdem hinzu, dass wirklich kein Mitglied des Teams im fortwährenden Konflikt sein Leben lassen darf. Das erklärt sich damit, dass die Hauptpersonen in die Story eingebunden sind, die bei „ArmA 2“ einen großen Stellenwert spielen soll.
Die Meeresküste von Tschechien
Chernarus mag ein fiktiver Staat sein, doch basiert er auf einem realen Vorbild: Die Landmasse entspricht einer Gegend im heutigen Tschechien. Zweifel an den eigenen geografischen Kenntnissen kommen freilich auf, wenn man auf der großen Übersichtskarte von „ArmA 2“ im Süden einen großen Küstenstreifen ausmacht. Die Erklärung hierfür ist allerdings schnell gefunden: Die Entwickler wollten unbedingt den Landungstruppen der Amerikaner eine passende „Bühne“ geben, weswegen an das tatsächlich existente Landstück ein frei erfundenes Meer gesetzt wurde. Ansonsten finden sich in dem 225 km² großen Gebiet neben einer voll integrierten Tierwelt und rund 50 Städten über eine Million 3D-Objekte, die das Terrain authentisch wirken lassen und gleichzeitig zahlreiche taktische Überlegungen für angehende Teamleader zulassen sollen.
Auch sonst weiß „ArmA 2“ ähnlich zu klotzen wie der direkte Konkurrent „Operation Flashpoint 2 – Dragon Rising“: Die schraubengenau simulierten 50 Fahrzeuge liegen für die einzelnen Parteien in unterschiedlichen Ausführungen vor, was unterm Strich zu 120 benutzbaren Vehikeln führen soll. Ähnliches lässt sich zu den 40 im Spiel vorhandenen Waffenmodellen sagen, die nicht nur detailgetreu modelliert wurden, sondern auch wie die realen Vorbilder funktionieren.
Nur Zwei machen glücklich
In technischer Hinsicht bekommt „ArmA 2“ eine Frischzellenkur spendiert und weiß insbesondere in Sachen Weitsicht und 3D-Modelle durchaus zu gefallen. Dabei handelt es sich bei der Engine im Prinzip immer noch um das gleiche Gerüst, dass schon „Operation Flashpoint“ im Jahre 2001 angetrieben hat und über die Jahre lediglich stark modifiziert wurde. Bei aller Verbesserung merkt man der Engine dennoch ihr Alter an: Die Zerstörung von Häusern und anderen Objekten wurde zwar angeblich optisch überarbeitet, macht aber angesichts der Grafikpracht eines „Operation Flashpoint 2“ einen eher lächerlichen Eindruck. Ein weiteres Augenmerk bei der Entwicklung lag in der Verbesserung der KI. Wie sich diese auf das Spielgeschehen auswirkt, konnte ich anhand der halbstündigen Präsentation auf der GC allerdings nicht überprüfen.
Zum zweischneidigen Schwert könnte die Mehrkern-Unterstützung von „ArmA 2“ werden. Nach Aussage der Entwickler bedeutet das nämlich, dass das Spiel auf Einzelkern-Systemen nahezu unspielbar wird. Somit zeigt Bohemia Interactive Besitzern von älteren PC-Systemen die lange Nase, auch wenn die Mehrkern-Optimierung natürlich generell löblich ist. Hervorzuheben ist allerdings der schon aus den Vorgängern bekannte Editor, der Hobbybastlern nahezu völlige Freiheit in der Erstellung von eigenen Missionen oder gar ganzen Feldzügen geben soll.
Ausblick: Das wird hart für die Tschechen
Im Anspruch sind sich „Operation Flashpoint 2“ und „ArmA 2“ nahezu identisch: Beide wollen einen Militärkonflikt möglichst authentisch nachstellen, was bei den Entwicklerteams zu einer unglaublichen Detailversessenheit geführt hat. Und so werden wohl beide Spiele in Sachen Realismus auch ebenbürtig sein. Zum Problem von „ArmA 2“ könnte die Technik werden: Die Grafik wurde zwar sichtbar verbessert, sieht gegen die spektakuläre Optik, die bei Codemasters´ Konkurrenzprogramm bereits zu sehen war, aber trotzdem altbacken aus. Und ob sich hier die nahezu ausschließliche Unterstützung von Mehrkern-Computern bezahlt macht, wage ich zu bezweifeln. Einen Vorteil kann „ArmA 2“ aber schon mal für sich verbuchen: Es erscheint bereits Ende 2008 für den PC, also eindeutig vor „Operation Flashpoint 2“.