Aufbruch in eine neue Welt
Vom immer sommerlichen Italien in den Winter - AC3 spielt mit den Jahreszeiten. Mehr optisch als spielerisch.
Zunächst: Verabschiedet euch von der liebgewonnenen Renaissance der Vorgängertitel. Ezio ist tot, einige Generationen wurden übersprungen und ihr schlüpft hauptsächlich in die Rolle des neuen Assassinen Connor. Hauptsächlich? Jop. Wie von den Vorgängern gewohnt, wird die übergeordnete Rahmenhandlung um Desmond Miles weitergesponnen (und zum Abschluss gebracht). Außerdem hat Ubisoft noch ein sehr nettes erzählerisches Feature eingebaut, dass aus Spoilergründen nicht erwähnt werden soll...
Abschied nehmen heißt es in Assassin's Creed 3 aber nicht nur von der Epoche, sondern auch vom Alten Kontinent. Nordamerika ist euer Ziel und hautnah erlebt ihr den Fall der Kolonialmacht Großbritannien und zeitgleichen Aufstieg der United States of America, die sich zunächst noch als wirtschaftlicher Zweckverband unter dem Banner einer schwarzen Schlange auf gelben Grund versammeln und mit der Boston Tea Party die wohl folgenreichste Fete der Menschheitsgeschichte hinlegen. Habt ihr die Befürchtung, mit Hurra-Patriotismus zugemüllt zu werden, können wir euch versichern: Die Überheblichkeit der US-Amerikaner ist ein Kind des 20. Jahrhunderts, Jahrzehnte zuvor war das Völkchen geprägt von strebsamen, erfindungsreichen und die Freiheit liebenden Gruppen, die nur den nächsten Tag überleben wollten und nicht im Ansatz daran dachten, ihre Truppen auf fremden Grund zu schicken. Wäre auch Ironie in der Geschichte, da ihr Connor spielt, der ein waschechter „Native American“ ist ( umgangsprachlich als Indianer bezeichnet).
Intrigen, Mord und Todschlag: In der Neuen Welt läuft einiges aus dem Ruder.
Die Böse Vorahnung des halbwegs gebildeten Deutschmenschen verdichtet sich: Die Heimat Connors ist in Gefahr, die Expansion des weißen Manns wird für ihn und seinesgleichen zur Gefahr, die geschlossenen Bündnisse mit wechselnden Partnern sollen dies verzögern. Spannend, da hinreichend erklärt, nachvollziehbar, da gewisse (bei weitem nicht alle) Stereotypen ausgespielt werden. Connor ist schlau, weiß sich in der Natur zu verteidigen und sie zu nutzen, fällt aber auf politische Finten herein. Mehrmals. Naiv und wenig lernfähig, getrieben von der Romantik einer friedlichen Koexistenz, zieht euch die Story immer tiefer in ihren Sog. Ubisoft nahm sich viel Zeit, euch die Charaktere zu erklären, sie euch vorzustellen. Trotzdem: Könnte man den Entwicklern einen Vorwurf machen, wäre es der, dass Ezios Motiv der Rache um einiges stärker und eindrucksvoller war.
Weites, wildes, freies Land
Angesiedelt ist Assassin's Creed III im Wesentlichen in drei Regionen: Boston, New York und dem weitläufigen Grenzland mit Connors Heimatsiedlung und der Wirtschaftsbasis Davenport, die ihr euch durch Nebenaufgaben und kluge Investitionen ausbaut. Florenz, Venedig, Rom waren baulich imposante pulsierende Großstädte; das Grenzland ist die ungebändigte Natur, welcher der urbane Moloch Bostons und New Yorks gegenüber steht. Während ihr im Grenzland Hasen und Wapitis jagt, euch Bären entledigt und Federn sammelt (Teil zwei lässt grüßen), plagt ihr euch in den Gassen Bostons mit bettelnden Kindern, Halsabschneidern und Rotröcken rum. Dies sind die soldatischen Einheiten der Kolonialmacht England, die nach und nach euren Zorn zu spüren bekommen. Der Kontrast könnte kaum größer sein, doch erschlagen werden euch die Städte nicht. Kaum ein Gebäude ist höher als drei Stockwerke, markante Sehenswürdigkeiten wie den Dogenpalast aus Teil zwei sucht ihr vergebens. Lediglich Kenner der frühen USA des 18. Jahrhunderts finden Plätze wie die Befestigungsmauern in New York wieder.
"Mein Haus, mein Schiff, mein Pferd": Davenport ist eure Ausgangsbasis für Abenteuer.
Analog zu den anderen Serienteilen geben euch mehr oder minder bekannte Figuren der „echten“ Geschichte Aufgaben, die ihr erfüllen müsst: Vom simplen Aushorchen der Truppen, über die Befreiung der Indianer und Transport wichtiger Güter, bis hin zum Ausschalten eines Kommandoschiffes im Hafenbecken von Boston bietet Assassin's Creed III einen bunten Strauß an Quests, die ihr zu erfüllen habt, um in der Story voranzukommen. Dürstet es euch nach Abwechslung, sammelt ihr die Federn, knackt Schatztruhen, sucht Benjamin Franklins Seiten seiner Enzyklopädien oder ärgert Rotröcke, indem ihr sie mit gezogener Armklinge zwischen den Rippen kitzelt.
Neu sind Spiele, die im 18. Jahrhundert sehr beliebt waren: Mühle, Bowls und Dame dürften auch heute noch geläufig sein, Fanorona hingegen ist ein inzwischen eher exotisches Spiel, das tatsächlich Neugier weckt und zu Dutzenden Partien einlädt. Was noch fehlen würde, wären Karaokeabende mit Connor, doch die Maschinen wurden leider erst Jahrhunderte nach ihm erfunden. Schade. Entschädigt werden wir durch Seeschlachten, die unserer Meinung nach viel zu selten eingesetzt werden. Mit dem eigenen Segelschiff die Nordatlantikküste unsicher zu machen ist eine Mordsgaudi, die strategisches Vorgehen vorausetzt. Blindlings euer Schiff neben das des Gegners gesetzt, bedeutet zumeist den Tod. Nur durch riskante Wendemanöver, das Einholen oder Lösen der Segel sowie den Einsatz von fest verbauten und flexiblen Kanonen verschafft ihr euch einen Vorteil im Gefecht. Eine weitere, viel zu selten genutzte Besonderheit im Gameplay sind die Massenschlachten zwischen Rotröcken und den Patrioten der Kolonien. Hier schlüpft ihr zwischen feindlichen Linien hindurch, sucht Deckung, umgeht den Gegner und schaltet den Kommandeur auf brutalst mögliche Art und Weise (Tomahawk in die Schlagader) aus.
Technisch eindrucksvoll
Connor begleitet ihr schon als Jungen durch das Spiel. Doch erst später wird er zum Assassinen.
Assassin's Creed III nutzt Ubisofts hauseigene Anvil Next-Engine, ein Grafikgerüst, das in den Vorgängern zum Einsatz kam und hier in weit verbesserter Form vorliegt. Ob ihr nun Xbox 360 oder PlayStation 3 spielt ist zunächst zweitrangig. Beide Plattformen bieten euch die selben prächtigen Bauten und wilden Wälder, hochdetaillierte Texturen, hunderte von Personen gleichzeitig auf dem Schirm, tolle Tag-Nacht-Wechsel wie auch eine beeindruckende Weitsicht. Die Unterschiede sind daher marginal: Auf der PlayStation 3 wirken die Schatten im Gesicht der Charaktere feiner und die Lichter atmosphärischer, die Xbox 360-Fassung hat hingegen weniger mit Pop Ups zu kämpfen und beweist auch in ladeintensiven Bereichen, dass die Streaming-Technologie sich eher an den Microsoft-Architekturen orientiert als an den zweifelsohne sehr komplizierten Systemspezifikationen der PlayStation 3. Wie sich die PC-Version im Vergleich schlägt, können wir leider nicht sagen, da sie uns zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht vorlag.
Während die Steuerung angesichts zweier vollkommen unterschiedlicher Gamepads Geschmackssache ist (in jedem Fall aber ohne Verzögerung und höchst akkurat funktioniert), überzeugt der Sound mit hochhkarätigen deutschen Synchronsprechern. Wenn wir unsere Augen schlossen, sahen wir Dr. Foreman/James Bond, George Clooney, Ben Stiller und Dr. House vor unserem geistigen Auge. Genauso hochwertig ist der Soundtrack, an dem Jesper Kyd diesmal zwar keinen Anteil hat, der aber nichtsdestotrotz zu überzeugen weiß. Zarte Melodien und treibende Beats umspülen euer Ohr und werden pointiert eingesetzt. Negative Aspekte der Bedienung? Kaum. Es war eine richtige Entscheidung, das Puppenspielerkonzept der Steuerung zu simplifizieren und Kämpfe zu entschlacken. Nur das Schnellauswahlmenü ist gewöhnungsbedürftig. Die Vorgänger bauten auf dem Waffenrad auf, das ihr einblenden konntet. So hattet ihr alle Waffen immer zur Hand und konntet sehr schnell im Kampf reagieren. Assassin's Creed III ruft dazu ein extra Menü auf, das euch dann die bevorzugten vier Waffen auf das Steuerkreuz legen lässt. Auch neu: Schnellreisen sind nun jederzeit möglich, die „Reisebüros“ der Vorgänger wurden eliminiert.
Multi-Assassini!
Der Mehrspielermodus - Dreingabe, statt Vollwertspiel.
Ob Assassin's Creed 3 einen Multiplayermodus braucht? Nein, aber dass er dabei ist, ist trotzdem schön. Die Hauptstory wird euch gut 15 Stunden kosten, ohne dass ihr großartig Nebenaufgaben erfüllt habt. Alle Gegenstände zu finden, eure Siedlung auszubauen, die Nebenquests zu erfüllen, wird nochmals gut 20 Stunden in Anspruch nehmen. Ein fairer Gegenwert für ein Vollpreisspiel, das darüber hinaus geht.
Online massakriert ihr andere Assassinen. Qualität siegt hier über Quantität. Solltet ihr die Opponenten im Dutzend ausschalten, ist das sicherlich eine große innere Zufriedenstellung, die vom Spiel jedoch kaum honoriert wird. Legt ihr Fallen, versteckt ihr euch, nutzt ihr Finten und variiert ihr euer Vorgehen, erhaltet ihr massig Punkte, die euch dann zum Sieg führen. Nach jeder Runde wird abgerechnet, Levelaufstiege bescheren euch neue Gadgets. Spaß macht das schon, mehr als ein paar Stunden werdet ihr jedoch kaum darin verbringen.
Weitere bewegte Bilder von Assassin's Creed 3 in Form unseres neuesten LPSG-Videos findet ihr hier.