Befremdliches Erwachen
Oh, welch süße Verführung...
Jeder von uns hatte mal einen Albtraum. Manche davon spiegeln unsere tiefsten Ängste wider, in anderen sind wir dazu verdammt, das Abitur zu wiederholen (fragt nicht, ich weiß nicht, wieso mir das ständig passiert!). Und wenn es ganz dick kommt, dann sterben wir in einem Traum – nur um danach panisch aufzuwachen. Vincent kann jedenfalls kaum noch schlafen: Nacht über Nacht steht er vor einem riesigen Turm voller Blöcke, den er empor klettern soll. Um ihn herum befinden sich lauter Schafe, die das gleiche Ziel vor Augen haben. Und ihm drohe der Tod, wenn er die Aufgabe, bis zur Kathedrale zu gelangen, nicht erfülle.
Ist doch nur ein Traum? Mitnichten: Tagsüber erfährt Vincent von lauter Bekannten seines Umfeldes, die auf mysteriöse Weise im Schlaf verstorben sind – und bei denen Vincent schwören könnte, dass er in seinen Albträumen noch mit ihnen geredet hat. Hinzu kommt noch ein ganz anderes Problem: Direkt nachdem er von seinem zweitem Turmtraum aufwacht, liegt eine ihm unbekannte Schönheit in seinem Bett – nackt und willig. Catherine heißt das Mädchen - und sie stellt das glatte Gegenteil zu Vincents Freundin dar, die bizarrerweise den Namen Katherine trägt.
Katherine kommt rüber wie eine typische Lehrerin: Brille, verschränkte Arme, strenger Tonfall. Obwohl sie Vincent durchaus zu lieben scheint, wirkt sie stets kühl, distanziert und von Haus aus kritisch. Catherine hingegen ist jung, knackig und verspielt. Sie erinnert mehr an den typischen Traum eines Manga-verwöhnten Comicfreaks: große Augen, hellblonde Haare, samtweiche Haut.
Obwohl Vincent sich absolut nicht daran erinnern kann, wie er Catherine kennengelernt hat, weshalb sie nun Tag für Tag neben ihm aufwacht und auch nur wie/wann/wie oft er mit ihr geschlafen habe, fühlt er sich bis ins Mark schuldig. Ist doch klar: Er hat seine Freundin betrogen!
Entscheidungsfreiheit
Die Ratschläge von Vincents Freunden sind nicht immer aufmunternd...
Nun kommen wir einmal zum Spiel: Ihr wechselt über neun Tage zwischen der realen Welt und den Albträumen. In der einen bekommt ihr primär Zwischensequenzen zu Gesicht, welche die Geschichte weiter spinnen. Ein Großteil davon wird in Spielgrafik gezeigt, der Rest in extra gezeichneten Animeszenen. Irgendwann landet ihr in Vincents Stammbar, in der ihr mit seinen Freunden, dem Barmann, der Bedienung sowie anderen Gästen quatschen könnt. Dabei werden euch immer wieder Fragen gestellt, die ihr beantworten müsst – meist triviales Zeug wie z.B. “Spielst du lieber Golf oder Baseball?“. Es gibt jedes Mal nur zwei Antworten, wobei die eine als “gut“ und die andere als “böse“ gilt.
Weiterhin erhaltet ihr Textnachrichten von Katherine und von Catherine, die ihr beantworten solltet. Euch stehen mehrere vorgefertigte Sätze zur Verfügung, wobei auch hier eure Antwort in ein simples “Gut/Böse“-Schema gepresst wird. Je nach eurem Verhalten und wem der beiden Damen ihr euch letztlich am meisten zuwendet, bestimmt ihr eines von insgesamt acht möglichen Enden.
Eine Kletterorgie… mit Blöcken
Vincent und eine seiner typischen Handbewegungen.
Die Albträume wiederum stellen den eigentlichen Spielkern dar. Das Erklimmen der Türme ist nichts anderes als ein konzeptionell simpel gestrickter Denk/Geschicklichkeitstest. Die Türme bestehen aus Blöcken, von denen sich die meisten ziehen und schieben lassen. Auf diese Weise müsst ihr euch einen Weg von unten nach oben bahnen, wobei ihr jedoch nicht lange trödeln solltet: Alle paar Sekunden bricht eine der unteren Reihen des Turmes ab. Solltet ihr auf einer solchen stehen, dann stürzt ihr zu Tode.
Zahlreiche Sonderblöcke erschweren die Aufgabe: Manche sind schwerer und kosten mehr Zeit beim Bewegen. Andere zerbrechen, sobald Vincent mehr als zweimal auf sie geklettert ist. Wieder welche lassen sich gar nicht bewegen. Es gibt aber auch ein paar hilfreiche Features: Mit Sprungfedern hüpft Vincent gleich mehrere Ebenen nach oben, ganz selten darf er einen Block gar einsammeln, um diesen dann an eine beliebige Stelle zu platzieren. Zudem klettert er, wie bereits angedeutet, nicht alleine herum: Andere Männer (vermutlich ebenfalls allesamt untreuer Natur) behindern seinen Weg und können beispielsweise mithilfe eines Zauberbuchs entfernt werden.
Am Ende einer Nacht, die aus ein bis vier solcher Turmbesteigungen besteht, kommt es in der Regel zu einem Endgegner-“kampf“: Dort müsst ihr zwar ebenfalls “nur“ von ganz unten nach ganz oben gelangen, jedoch werdet ihr dabei von einem bösen, sehr dämonisch anmutenden Wesen heftig gestört. Diese können beispielsweise die Art der Blöcke verändern, sie verschieben oder euch mit ihren Angriffen zerquetschen (wobei die daraus resultierende Blutlache wirklich ekelhaft ausschaut).
Wutschrei-Gefahr
Mit Hörnern am Kopf und der Gefahr ins Auge blickend.
Das Spiel bietet euch drei Schwierigkeitsgrade zur Auswahl an – und ihr solltet deren Unterschiede ernst nehmen (!). Während ihr auf “einfach“ ohne große Gehirnverrenkungen vorwärts kommt, sind die Rätsel bereits auf “normal“ richtig schwer und erstaunlich clever designt. Im Vorfeld hatte ich mich eigentlich nur aufgrund der bizarren Geschichte für Catherine interessiert und sah das verkappte Denkspiel dahinter als eher bedenklich spaßig. Doch ich muss meinen Hut vor den Entwicklern ziehen: Bis zum Ende hin haben sie sich ein paar richtig fiese Gemeinheiten ausgedacht, die mein Hirn konstant zum Rauchen brachten. Hinter dem Schieben, Ziehen und Klettern stecken ein paar außergewöhnliche Techniken, die ihr zum Lösen erlernen sowie einsetzen müsst. Fairerweise könnt ihr euch zwischen den Türmen mit einem ganz speziellen Schaf über diese Techniken austauschen und erhaltet somit immer wieder ein paar sehr hilfreiche Tipps.
“Schwer“ hingegen werde ich niemals in meinem Leben mehr mit der Kneifzange anfassen – da schaffe ich nicht mal die zweite Nacht, zudem euch hier die sehr praktische Undo-Funktion, mit der ihr auf “normal“ bis zu zehn Züge zurücknehmen dürft, verwehrt bleibt. Schon so hatte ich genügend Wutanfälle, was weniger an den gemeinen Rätseln, sondern mehr am Hektik-Faktor liegt. Dass der Boden unter euren Füßen wegbricht, ist gar nicht mal das Hauptproblem: Die Steuerung reagiert für meinen Geschmack einen Tick zu sensibel. Ferner wirkt sie sehr verwirrend, wenn ihr um einen Block herumklettert und an dessen Rückseite hängt: Dann werden nämlich automatisch die Richtungen links sowie rechts vertauscht, womit ich überhaupt nicht klar komme. Last but not least existieren einige Endgegner, die mich halb in den Wahnsinn getrieben haben – und deren Aktionen für einen Schuss Zufallsfaktor sorgte, der Catherine nahe an den Rand der Unfairness schiebt.
Ebenfalls für ein Denkspiel erstaunlich professionell sind Grafik und Sound. Der Comcstil passt hervorragend und kommt natürlich während der Geschichte am besten zur Geltung. Beim Rätseln vermisse ich allenfalls etwas Abwechslung, denn rein optisch sehen sich die Levels doch sehr ähnlich. Die englische Sprachausgabe ist sehr gut, während sich die Musik auf Klassik beschränkt und mich phasenweise genervt hat. Auch hier hätte ich mir mehr Variationen gewünscht.