Es ist schon traurig, dass das Genre der Management-und Aufbausimulationen in den letzten Jahren so sehr vernachlässigt wurde. Dabei waren Titel wie Transport Tycoon, Railroad Tycoon oder von mir aus auch Der Verkehrsgigant zu ihrer Zeit so unglaublich populär, dass sie noch immer auf gewisse Weise von einer großen Community gepflegt werden - zum Beispiel in Form des OpenSource-Projektes OpenTTD. Aber kommerzielle und technisch zeitgemäße Spiele in diesem Segment gibt es quasi gar nicht mehr. Nun, das ist nur die halbe Wahrheit, denn Ende Februar bringen KochMedia und Paradox Cities in Motion für rund 30 Euro in den Handel. Und dieser Titel setzt voll und ganz auf ein fast schon klassisches Konzept....
Passagiere transportieren
Im Gegensatz zu Transport Tycoon oder Railroad Tycoon steht einzig und allein der Transport von Menschen in Metropolen auf der Tagesordnung. Es versteht sich von selbst, dass ihr diese nicht virtuell an die Hand nehmt und sie zum Ziel geleitet, sondern sie mittels Bussen, Trams, U-Bahnen, Schiffen oder gar Hubschraubern von A nach B bringt. Als Firmenboss sollt ihr in zwölf Szenarien und jeweils drei Schwierigkeitsgraden euer Unternehmen aufbauen, indem ihr passende Orte ausfindig macht, die sich für Haltestellen anbieten. Das ist natürlich von allerlei Faktoren abhängig - beispielsweise müsst ihr immer wissen, ob es sich um ein Wohngebiet oder ein Industriegelände handelt, wo viele oder wenige Leute ein- bzw. aussteigen würden. Zudem spielen wirtschaftliche Aspekte eine nennenswerte Rolle, denn in einer Wirtschaftskrise will niemand viel Geld für eine Fahrkarte ausgeben - und dann verdient ihr mit etwas Pech kein Geld.
In jedem Fall müsst ihr Vehikel auswählen, Routen kreieren, Haltestellen markieren und eure Strecken ständig im Auge behalten. Ist eine nicht profitabel, müsst ihr neu planen und optimieren. In der vorliegenden Beta-Version bereitet dies schon jetzt sehr viel Spaß, vor allem dann, wenn ihr genau das schon an Transport Tycoon mochtet. Allerdings sind die Spielmechanismen trotz ihrer Komplexität dank Finanzsystem, Statistiken und großen Stadtszenarien limitiert. So könnt ihr bei Cities in Motion leider keine Waren z.B. zu Fabriken schippern, um so Wirtschaftskreisläufe zu schließen. Bisher sehe ich auch nicht viel davon, dass ihr Menschen aus Industriegebieten in naheliegenden Dörfern ins Stadtzentrum fahren dürft. Vielmehr ist der Titel auf das Geschehen in Städten fokussiert. Persönlich bedauere ich das, denn somit bleibt das Spiel auf gewisse Weise oberflächlich - obwohl ihr eure Geschicke unter anderem in Wien, Berlin, Amsterdam oder Helsinki unter Beweis stellen dürft. In der Beta ist nur Wien verfügbar, die österreichische Hauptstadt ist beiläufig erwähnt nett nachempfunden worden und unter anderem mit echten Straßennamen versehen.
Hm?
Spätestens dann, wenn ihr das etwas eintönige Tutorial absolviert habt, flutscht es bei Cities in Motion. Leider offenbaren sich schon außerhalb des Sandbox-Modus einige Ungereimtheiten, die hoffentlich in der finalen Fassung ausgebügelt werden. Mir war es beispielsweise nicht möglich, Schienen für die U-Bahn unterhalb der Stadt wieder zu entfernen, genauso fehlte hier sehr eine Art Hilfefunktion zum erleichterten Platzieren der Strecke. Kein Wunder also, dass man bei Cities in Motion fast dazu genötigt wird, besser auf den Straßen zu bleiben und dort für einen guten Verkehr zu sorgen. Zusätzlich ist es unverständlich, wieso die Kamera nicht frei gedreht werden kann. Stattdessen wird immer im 45-Grad-Winkel die Perspektive geändert - das versperrt unnötigerweise häufig die Sicht. Und vor allen in hohen Auflösungen wirken die Menüs fummelig klein, sodass ihr schon genauestens hingucken müsst.
Feintuning bedarf es noch an anderen Ecken: So richtig scheint das Image-System, mit dem ihr u.a. durch Werbung die Beliebtheit eures Unternehmens erhöht, nicht 100%ig genau zu funktionieren. Akustisch könnte Cities in Motion ebenso zulegen. Hier und da finden sich noch klitzekleine Unzulänglichkeiten (z.B. beim Tutorial), aber das sind Aspekte, die mit Sicherheit noch beseitigt werden.
Transport Tycoon war...
Dass der Anspruch in der finalen Ausgabe von Cities in Motion angehoben wird, möchte ich stark anzweifeln. Für mich als Transport Tycoon-Fanatiker ist das dezent ernüchternd. Beispielsweise gibt es nicht einmal ein Depot, in jenes die zu reparierenden Busse oder Schiffe zur Reparatur gebracht werden müssen. Auch das Ampelsystem auf den stark befahrenen Straßen lässt sich nicht anpassen, obwohl sich das bei etlichen Buslinien und einer Tram an einer Kreuzung sicher anbieten würde. Das ist mir ein wenig zu automatisiert, euer kreativer Freiraum wird klar eingeschränkt. Aber das sollte all diejenigen nicht stören, die die Komplexität des genannten Klassikers zu anstrengend fanden. Cities in Motion konzentriert sich auf das Wesentliche sowie menschliche Passagiere - und das klappt ja auch in der Beta schon richtig gut.
Apropos: Die Grafik ist sicher meilenweit von dem technisch Möglichen entfernt, sagt mir aber zu. Sie ist mehr als zweckmäßig, zeigt im Großen und Ganzen übersichtlich das Geschehen und wirkt mit ihren vielen kleinen Details, Passagieren sowie Autos liebevoll. Das passt alles soweit und flutscht auf aktuellen Rechnern mit flüssigen 60 Frames pro Sekunde - bei FullHD-Auflösung und maximalen Details, wohlgemerkt. Daran ändert sich übrigens nichts, wenn ihr zig Routen gebastelt habt und euer Straßennetz kaum noch zu überschauen ist. “Kaum“ deshalb, weil ihr intelligente Möglichkeiten erhaltet, Buslinien auf Wunsch auszublenden oder zu schauen, wo die Menschenströme entstehen.
Ausblick: Für Fans
Ich muss zugeben, dass ich die ersten Minuten nicht gerade von Cities in Motion begeistert war. Glücklicherweise kommt der Spaß recht schnell auf, spätestens dann, wenn ihr erfolgreich eure Busse und Bahnen durch die Stadt schickt und das erste Geld verdient. Dann stellt sich bereits jetzt in der Beta-Version ein angenehmes Suchtgefühl ein, noch erfolgreicher sein zu wollen und mehr Geld aus den erstellten Routen zu pressen.
Trotzdem bleibe ich skeptisch, aber nicht aufgrund der Produktqualität, sondern weil mir nicht so recht klar ist, wen die Entwickler mit ihrem Werk ansprechen wollen. Transport Tycoon-Fans mit Sicherheit nicht, denn Cities in Motion kratzt nur an der Logistik-Oberfläche und verzichtet auf tiefgreifende sowie wirklich anspruchsvolle Elemente. Genau das erwarten allerdings alte Hasen und Anhänger des fast untergegangenen Genres. Anders dürfte es bei Neulingen aussehen, die abseits eines Sim City mal eine Stadt managen wollten - vor allem die öffentlichen Verkehrsmittel. Zählt ihr euch zu dieser Spielergruppe? Dann solltet ihr euch Cities in Motion in jedem Fall vormerken. Die Chancen stehen gut, dass uns hier ein sehr solider Vertreter seiner Art erwartet.