Ein Setting aus dem Rollenspiellager importiert
Ein Anwärter für den "Sieht aus wie gemalt!"-Award des Jahres.
Geron ist kein beliebter junger Mann: Er wird von den Bewohnern des mittelalterlich angehauchten Königreiches Andergast als Unglücksrabe angesehen, weshalb niemand etwas mit ihm zu tun haben möchte. Kein Wunder, besitzt er doch die magische Fähigkeit der Zerstörung. Zwar kann er nur dünne Gläser, kleine Flaschen oder leichte Holzkonstruktionen kaputtmachen, aber das ist bereits unangenehm genug – oder etwa nicht? Nun, irgendein Seher, der auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, hat Geron zudem als Ursache für das “Ende“ auserkoren…
Jedenfalls möchte es unser Held allen zeigen, dass er mehr kann: Er beteiligt sich an einem Wettbewerb, dessen Gewinner vom König höchstpersönlich belohnt werde. Dabei benötigt er die Hilfe seines Ziehvaters, aber der dreht völlig ab, meint, der Seher von damals sei wieder am Leben und Geron müsse deshalb eine Fee aufsuchen. Diese ist niedlich, naiv, weiblich, trägt den Namen Nuri und… sorgt mit ihren magischen Fähigkeiten für noch mehr unglückseliges Unheil. Das meinen zumindest die Bewohner von Andergast. Ohne jetzt mehr ins Detail zu gehen: Es wird richtig dramatisch, von Kapitel zu Kapitel immer schlimmer und es gibt grausige Todesfälle – das bereits in der ersten Spielstunde von Satinavs Ketten.
Eines wurde mir bereits nach wenigen Spielstunden der Preview-Version bewusst: Dieses Adventure wird anders als erwartet. Es entfernt sich in Punkto Stil und Tonfall gravierend von allen vorhergehenden Daedalic Entertainment-Projekten. Am ehesten lässt es sich noch mit A New Beginning vergleichen, eben weil damals wie heute der Humor nur eine sehr unterschwellige Rolle spielt und dafür ernsthafter Tiefgang im Fokus stehen soll. Das DSA-Setting verlangt obendrauf einen verträumten Mix aus Märchen, Fantasy und Mittelalter, der zwar in gewisser Weise bereits in The Whispered World erprobt wurde, nur im Falle von Satinavs Ketten eine völlig andere Wirkung besitzen dürfte.
Das Auge wird zufrieden sein
Geron, der MacGyver unter den DSA-Helden.
Schaut euch allein die Bilder an: Das gleicht mehr Gemälden als einem schnöden Computerspiel. Es ist ein Genuss mit anzusehen, wie Daedalic Entertainment über die Jahre gewachsen ist und sich nun solche Kunstwerke erlauben kann. Gleichzeitig möchte ich die Euphorie etwas zurückschrauben, denn die Sache hat einen Preis: Die Animationen sind teilweise sehr holprig – zumindest in der Vorschauversion. Genau genommen werden einige komplexe Aktionen zwar in butterweichen Bewegungen präsentiert, doch bei anderen wird einfach abgeblendet. Mag sich dies vielleicht an der einen oder anderen Stelle bis zur Review noch ändern, so vermute ich, dass es in jedem Fall bei den abrupten Laufrichtungsänderungen bleiben wird. Solche gibt es zwar auch bei den anderen Daedalic-Spielen, nur fallen sie hier aufgrund der bedeutend detaillierteren Grafik einfach mehr auf.
Die Geschichte klingt bislang sehr interessant, auch wenn ich noch keinen typischen Daedalic-Geniestreich ausmachen konnte – schließlich gab es bislang in jedem Adventure der Entwickler eine oftmals clever durchdachte Pointe. Gleiches gilt für das Charakterdesign: Geron wirkt gut durchdacht, ist aber (verständlicherweise) keine Edna, keine Lilli und kein Rufus. Nuri ist mit ihrer Mischung aus kindlicher Naivität, übernatürlichen Kräften und zerbrechlicher Natur bedeutend interessanter. Was mir besonders gut gefällt: Sie folgt Geron nicht auf Schritt und Tritt, sondern bleibt öfters an einem Ort stehen, während ihr zwischen mehreren wechselt. Sobald ihr zu ihr zurückkommt, kann es sein, dass sie sich in ein Gespräch mit einem anderen Charakter verwickelt hat. Diese Kleinigkeit sorgt für etwas mehr Lebendigkeit in der sonst so voller Trigger-getränkten Welt der Adventures.
Satinavs Ketten setzt mehr auf Atmosphäre anstatt auf Witz, was auch nicht verkehrt ist. Ähnliches gilt für das Rätseldesign, bei dem ihr diesmal auf Skurrilitäten eines Harveys Neue Augen verzichten werden müsst. Dafür gibt es einen interessanten Kniff: Die Zauberfähigkeiten von Geron und Nuri sind von Haus als Icon im Inventar gespeichert. Ich könnt also versuchen, fleißig Dinge kaputt zu machen oder… nein, ich möchte nicht alles verraten. Jedenfalls waren der Großteil der mir präsentierten Aufgaben recht einfach zu lösen, vorrangig weil mir kaum ein abstruses “um-die-Ecke-denken“ auffiel. Somit erwarte ich mehr einen Schwierigkeitsgrad, der mich an “blaue Hasen“ anstatt “Müllstädte“ erinnert.
Ausblick
Und wisst ihr, worauf ich mich am meisten freue? Auf die Soundtrack-CD, die erneut dem Spiel beiliegen wird. Der in der Previewversion präsentierte Score von Daniel Pharos und Dominik Morgenroth ist einfach nur magisch. Er ist primär in den Zwischensequenzen gesondert prägnant und unterstreicht ansonsten wohlig das Rätselgeschehen, ohne davon abzulenken. Deshalb wünsche ich mir für die finale Version nur, dass die eine oder andere inszenierte Zwischensequenz ausgefeilter rüberkommt. Der Rest ist anscheinend in der gewohnten Qualität, wie ich sie von Daedalic inzwischen erwarte anstatt erhoffe.