Neues Goldenes Adventure-Zeitalter, Part V
Rufus und eine typische Handbewegung.
An alle Mitarbeiter von Daedalic: Nehmt eure Beruhigungstropfen, das Spiel ist toll und wundervoll. Das gewährleistet allein die erneut grandiose Geschichte: Stellt euch vor, euer Haus, euer Heimatort, ja euer ganzer Planet ist zugemüllt. Deponia riecht, Deponia klebt, Deponia ist ungesund – und hoch droben im Himmel glitzert hämisch grinsend die strahlend-weiße Himmelsstadt herab. Da würdet ihr doch auch die Sachen packen und ab nach Elysium reisen, oder? Jeder normal denkende Mensch würde das tun! Und genau hier liegt das Problem: Weil niemand gerne in Deponia leben möchte, jedoch auf Elysium nicht genug Platz für alle Menschen wäre, ist solch eine Reise verboten. Und die korrupten Organon-Wächter sorgen schon dafür, dass es auch niemand schafft…
Rufus ist das alles wurscht: Er hat die Schnauze voll, schließlich kann er nicht mal seine eigenen Freunde wirklich leiden. Sein jüngster Versuch bringt ihn gar fast zum Ziel, nur wird er dann doch wie üblich geschnappt und zurück nach Deponia geworfen. Dabei stürzt versehentlich Goal, eine Bewohnerin Elysiums, ebenfalls in die Welt des Mülls. Rufus denkt sich ganz: „Hm… wenn ich mich als ihr Retter ausgebe, dann bringt sie mich vielleicht von hier weg…“ Und genau das ist eure Aufgabe: Euch bei Goal einzuschleimen (die bei dem Sturz leider ins Koma fällt) und mit ihrer Hilfe Deponia ein für allemal zu verlassen.
Die Genialität eines Charakters
Fragt sich, wer hier bezwungen werden muss.
Die Story-Idee ist knuffig und der Handlungsablauf wunderbar schlüssig, doch der Spaßgeber Nummer Eins ist ohne jeden Zweifel Rufus. Es zu schreiben wird fast schon langweilig, aber es ist wie es ist: In dieser Hinsicht macht Daedalic Entertainment niemand etwas vor. Die Masterminds der Hauptcharakterausarbeitung haben diesmal einen richtig zynischen Egomanen entworfen, der bei jeder Gelegenheit nur an sich selbst denkt und trotzdem herrlich charmant rüber kommt. Ich möchte zwar nicht wie Rufus sein, aber es hat mir einen Heidenspaß bereitet, ihn zu steuern und mit ihm die vielen Rätsel zu lösen. Auch einige der anderen Figuren sind einfach nur brillant, allen voran Rufus Ex-Freundin Toni sowie der Doc, der euch eine etwas unkonventionelle Technik der Meditation beibringt.
Ein weiterer, ganz wichtiger Punkt, der Deponia zu einem überaus spielenswerten Adventure macht, ist die Sprachausgabe. Wieder muss ich auf Rufus zeigen, der von niemand anderem als Kabarettist Monty Arnold gesprochen wird. Ohne jeden Zweifel ist seine Leistung eine der besten, die ich jemals in einer Synchronisation gehört habe – und damit schließe ich ganz frech Kinofilme mit ein. Seine Stimme und seine Betonung sind schlicht und ergreifend perfekt, in jeder Sekunde.
Rundherum Qualitätsarbeit
Diese Lampen haben ganz bestimmt etwas zu bedeuten...
Die Grafik lebt von ihren malerischen Hintergründen und größtenteils sehr schicken Animationen. Nur an wenigen Stellen hatte ich das Gefühl, dass hier irgendwo Zeit oder Geld ausgegangen seien – was bei einem Point’n’Click-Adventure im Normalfall leider alle Nase lang passiert. Die Musik dürfte Daedalics derzeitige Bestleistung darstellen, auch wenn ich mir immer noch etwas mehr Abwechslung wünsche. Gerade das “hämmernde“ Hauptthema ertönt mir zu oft und dies zudem bei dem einen oder anderen Denkspielrätsel, wo es mir letztlich auf den Keks ging.
Ja, es gibt wieder Rätsel in Denkspielform – wobei ihr diese (wie von den letzten Daedalic-Spielen gewohnt) überspringen dürft. Hier hätte ich mir etwas mehr Mut gewünscht. Speziell die Geschichte mit den Schienen und den Weichen (mehr verrate ich nicht) hätte ein echter Gehirnverdreher sein können, wenn ich nicht mangels der wenigen Optionen durch Zufall auf die Lösung gekommen wäre.
“Und wann meckerst du mal wirklich?“ Keine Bange, Herr und Frau Zyniker – gleich kommt die Kritikerkeule. Zuvor lobe ich noch die Standard-Objekt-Puzzles, von denen es ebenfalls ein paar kleine Geniestreiche gibt. Diesmal gebe ich die Stichwörter “Sprengungen“, “Skelettarm“ und “Katzen“ als Hinweis, welche ich meine. Mindestens genauso grandios sind einige Szenen, deren Ausgang eine unerwartete wie lustige Pointe offenbaren (ich sage nur “Mosaikfenster“).
Verkehrte Welt: Von schwer nach leicht
Großes, buntes Deponia.
So, genug mit dem Geschleime: Jetzt werde ich “böse“. Zumindest, so böse ich bei solch einem Spiel, das mir definitiv grandios viel Spaß beschert hat, sein kann. Es sind zwei Dinge, die mich stören: die Schwierigkeitsgradbalance und das Ende. Das hört sich jetzt nach altbekannten Daedalic-Schwachstellen an? Nun, tja…
Hand aufs Herz: Wer hat meine Preview gelesen? Dort schrieb ich von einem recht hohen Schwierigkeitsgrad und das es im finalen Spiel hoffentlich genug Hinweise für die recht verzwickten Rätsel gebe. In der Tat kommt mir die Retail-Version etwas schlüssiger vor, doch unterm Strich ist das erste Kapitel weiterhin mehr für Fortgeschrittene als für Einsteiger gedacht. Dieses Niveau fällt leider ab dem zweiten Kapitel dramatisch ab und zieht im dritten nicht wirklich an. Harveys Neue Augen hatte ein ähnliches Problem, nur wirkt der Bruch in Deponia stärker.
Wir wollen mehr davon… jetzt!
Auch Rufus "Freunde" wünschen sich eine Fortsetzung.
Das Ende wiederum ist diesmal von der Inszenierung her richtig gut geworden (Überraschung!), aber es schließt gleichwohl mit einem überraschenden wie unerwarteten Cliffhanger ab. Ich würde zu gerne wissen, ob dieser von Anfang an geplant war. Denn die eine oder andere Frage, die im Laufe der Geschichte aufkommt, wird nirgends beantwortet. Der Abspann suggeriert entsprechend eine Fortsetzung, wobei ich mich dann ernsthaft frage: Wieso hat Daedalic überhaupt Deponia ausgerechnet jetzt in dieser Form veröffentlicht?
Es ist kein halbes Jahr her, da hatten wir Harveys Neue Augen. In zwei Monaten kommt Satinavs Ketten. Warum also schiebt man ein Deponia dazwischen, dies auch noch im verkaufstechnisch ungünstigen Januar? Nicht falsch verstehen: Das Adventure bietet den gewohnten Umfang, ergo sieben bis neun Stunden (schwer abhängig davon, wie lange ihr im ersten Kapitel am Grübeln seid). Nur hätte Daedalic Entertainment aus Deponia sowie dessen Prämisse einen echten Komplexitätskiller schaffen können.