Laut der Online-Webseite Kotaku verschickte Electronic Arts als PR-Gadget für das Spiel „Der Pate 2“ Schlagringe an Journalisten. Dabei hätten die Kalifornier wissen müssen, dass der Besitz dieser Waffe in den USA illegal ist. Jetzt will EA die Schlagringe schnell wieder zurück haben. Zum Glück für den Publisher verlief dieses Malheur abseits jeder Killerspieldiskussion.
Wir erinnern uns: Francis Ford Coppolas „Der Pate 2“ gilt als einer der größten Filmklassiker aller Zeiten. Er gewann 1975 sechs Oscars, darunter den für den besten Film, und war ein enormer finanzieller Erfolg. Auf Imdb.com liegt der Film in den Userwertungen auf dem dritten Platz, kurz hinter seinem Vorgänger. Der berühmte amerikanische Filmkritiker Roger Ebert zählt den Film zum amerikanischen Kulturgut. Zitat: „Es ist ein Film, den jeder sehen sollte, der auch nur etwas Interesse für Film hat“. Trotzdem macht EA daraus einen GTA-Abklatsch. Eine billige Kopie, wenig originell und mit viel Gewalt. Killerspielgegner dürfen diesmal zu Recht meckern.
Coppolas Film ist viel: Gangster-Film, Familiensaga oder Period-Picture. Vor allem handelt er um Macht und Einsamkeit. Es ist die Geschichte eines Mannes, der an Reichtum, Familie und Religion zu Grunde geht. Wenn man an den Film denkt, erinnert man sich an Al Pacino und Robert de Niro, an die exakte Millieuskizze oder an die einzigartigen Bilder von Kameramann Gordon Willis. Wenn man an das Spiel denkt, will man es nur schnell vergessen. Es zeigt, was passiert, wenn Entwickler ohne Respekt und mit vollkommenem Unverständnis an ein Projekt gehen.
Es ist typisch für die Selbstüberschätzung der Branche, dass sie ihre Arbeit anders sieht: David Gosen, Xbox’s europäischer Marketing Chef, fordert deshalb mehr Respekt für die Spieleindustrie. Das hat seinen Grund, denn es ist richtig, dass es der Branche relativ gut geht. Allein im ersten Quartal wurden über 7 Millionen Spiele in Deutschland verkauft und sorgten damit für einen Umsatz von knapp 270 Millionen Euro. In Zeiten von wirtschaftlichem Abschwung und Massenentlassungen verdient das Respekt. Es ist aber falsch anzunehmen, dass damit das Ansehen der Branche gesteigert wird. Andernfalls könnte die Pornoindustrie das Gleiche fordern. Statt um Originalität und Kreativität, geht es den Publishern um ihre Bilanzen. Erfolgreiche Serien werden ausgewalzt und wenn man ehrlich ist, braucht niemand ein weiteres "Call of Duty".
Diese Methode der Gewinnmaximierung führt nämlich zu einem: Durchschnittsware. Mit welcher Waffe der Spieler an irgendwelchem Tag in einem x-beliebigen Krieg den Gegner ausschaltet, ist egal. „Call of Duty: World at War“, „Crysis“ oder „Resident Evil 5“ bleiben außer besserer Grafik Vieles schuldig. Aha-Erlebnisse wie mit der Gravity-Gun bei „Half-Life 2“ gibt es schon lange nicht mehr. Trotzdem verkaufen sich die Spiele millionenfach und richtungsweisende Titel wie „The Path“ werden wahrscheinlich kaum beachtet. Gerne vergleicht man die Spieleindustrie mit der Filmbranche. Während sich dort Bildsprache und Technik fast zeitgleich entwickelten, wissen viele Spielentwickler gar nicht, wie sie die Cellchips dieser Welt sinnvoll nutzen sollen. Hauptsächlich werden alte Ideen weiter ausgepresst. Künstlerischer Anspruch? Fehlanzeige.
Tatsächlich gibt es kaum etwas Vergleichbares zu Kunstwerken wie Hitchcocks „Psycho“. Spiele werden lediglich an ihrem Unterhaltungswert gemessen. Macht es Spaß? Wie ist die Technik? Funktioniert die Steuerung? Das sind im Grunde genommen alles oberflächliche Kriterien, ausgelegt auf ein kurzfristiges Vergnügen. Kunst soll aber auch zum Nachdenken anregen, kritisieren und herausfordern. Kaum einer beachtet so, dass „GTA“ mit seiner sozialkritischen Botschaft mehr an Martin Scorsese als an Chuck Norris erinnert. Das ist eine Frage künstlerischen Stils, sicher ein Entwicklungsprozess, aber einer der angestoßen werden muss. Auch von uns Spielejournalisten. Und das muss mehr sein, als einem Spiel nur eine niedrige Wertung zu geben.
So gesehen macht EA mit dem Paten alles falsch, was man falsch machen kann: Falsches Genre, ohne Ideen und schlechte PR. Selten wurde eine Vorlage so miserabel genutzt. Dass es auch anders geht, beweist Coppola selbst, denn Mario Puzos Romanvorlage zählt eher zur leichten Unterhaltungslektüre. Macht EA´s Beispiel Schule, wird man vergeblich darauf warten, dass Videospiele in der Öffentlichkeit respektiert werden. Als Nächstes erwartet uns schon „Dante’s Inferno“. Wie wäre es mit den „Buddenbrooks“ als Wirtschafts-Sim mit Dating-Multiplayer-Modus? Oder Frodo Beutlin als Conan-Kopie? Nüchtern ausgedrückt geht es der Spielebranche momentan nur um Geld. Was ein Künstler einmal mit seinem Werk ausdrücken wollte, ist offensichtlich egal. Und das erinnert mich an die 80er, als ein paar Bilanzjongleure die Firma Atari in den Ruin trieben. Analysten gehen jetzt schon davon aus, dass erst 2013 mit der nächsten Konsolengeneration zu rechnen ist – „wenn überhaupt“.