
Ion Storms “Deus Ex“ ist so etwas wie der Heilige Gral der Computerspielgeschichte. Es gibt wenig Spiele, die so viele Auszeichnungen erhalten haben und gleichzeitig von den Fans noch heute inbrünstig verehrt werden. Eidos hat sich schon bei der ersten Fortsetzung “Deus Ex: Invisible War“ die Finger daran verbrannt. Macht jetzt “Deus Ex: Human Revolution“ alles besser?
Viel Genre in einem Spiel
Wir erinnern uns: “Deus Ex“ war ein Mix aus Shooter, Rollenspiel und Adventure. Spieldesignlegende Warren Spector schickte seinen Helden JC Denton auf eine bizzarre Reise durch eine Cyperpunk-Welt, in der nur derjenige überleben kann, der seine Nanoimplantate richtig einsetzen konnte. Am Ende entschied der Held sogar über das Schicksal der Welt. Das Spiel war komplex, spannend und einfach anders als die Konkurrenz – vielleicht war es von allem etwas zu viel. Im Gegensatz zu den Lobeshymnen in den Spielemagazinen waren die Verkaufszahlen nämlich eher ernüchternd.
David Anfossi, der Producer von Eidos-Montréal, ist sich bewusst, dass er mit “Human Revolution“ heiligen Boden betritt. Er darf die Fans des Originals nicht enttäuschen und muss gleichzeitig neue gewinnen, denn er weiß: „Die meisten Spieler von heute kennen “Deus Ex“ gar nicht“. Die Fortsetzung soll deshalb möglichst viele unterschiedliche Spielertypen ansprechen und eine gleichwertige Mischung aus Action, Stealth, Adventure und Rollenspiel bieten. Für heutige Verhältnisse eine heikle, weil sehr anspruchsvolle Mischung. „Wir müssen die Spieler von heute langsam an das Spielsystem heranführen“, so Anfossi.
Gewalt, Diplomatie oder Heimlichtuerei
“Human Revolution“ spielt im Jahr 2027. Wir spielen den Detektiv Adam Jensen, der schon wie sein Vorgänger Denton in eine riesige Verschwörung hineingezogen wird. Die Demo auf der Gamescom zeigte die unterschiedlichen Spielstile anhand einer Mission. Unsere Aufgabe: wichtige Daten aus einem Polizeigebäude stehlen. Zunächst geht unser Held rabiat vor, stürmt durch die Vordertür, sucht hinter Gegenständen Schutz und ballert die Polizisten nieder. Dabei kann er eine Art Röntgenblick einsetzen, um die Gegner zu entdecken – der „Detektiv“-Modus aus “Batman: Arkham Asylum“ lässt grüßen. Schließlich gelingt die Flucht mit den wertvollen Daten.
Beim zweiten Durchlauf funktioniert der Coup erneut, aber diesmal auf die sanfte Tour: Der Detektiv geht wieder durch die Vordertür, grüßt diesmal freundlich die Polizisten und verwickelt einen Wachposten in ein Gespräch. Es stellt sich heraus, dass beide sich von früher kennen. Nach ein paar Klicks durch das Dialog-Menu ist der Wachposten überredet. Er öffnet die Türen und wir spazieren durch das Gebäude, bis wir die Daten in den Händen halten. Wichtig: Dabei kann man auch den Gesprächen der Polizisten lauschen und Hintergrundinfos erhalten.
Der dritte Versuch ist der mit Abstand interessanteste. Producer Anfossi ist ein großer “Splinter Cell“-Fan, was man hier sofort spürt. Statt durch die Vordertür schleichen wir uns von hinten in das Polizeigebäude hinein. Das Sicherheitssystem schaltet unser Held durch gezieltes Hacken aus. Dieses Minispiel wirkt deutlich komplexer als in anderen Spielen und erfordert Taktik sowie flinke Finger. Dabei muss Detektiv Jensen einzelne Knotenpunkte besetzen bevor das Sicherheitssystem ihn erwischt. Danach folgt Stealth-Standard-Kost: Jensen muss aufpassen, dass er nicht entdeckt wird, schaltet deshalb die Kameras mit EMP-Granaten aus und flüchtet ungesehen mit den Daten.
Action ganz nach Wunsch
Beim anschließenden Interview schwört Anfossi, dass ihr das Spiel beenden könnt fast ohne einen Schuss abzufeuern - die Ausnahmen seien lediglich die Boss-Kämpfe. Natürlich werdet ihr euch auch diesmal Nanoimplantaten, wie beispielsweise die Hacking-Fähigkeit, ausrüsten können, um euer Spiel variabel zu halten. Glücklicherweise könnt ihr diese Fähigkeiten je nach Bedarf anpassen und müsst euch nicht auf eine „Karriere“ festlegen. Kurzum: Das sind alles Zutaten, die “Deus Ex: Revolution“ zu einer würdigen Fortsetzung machen könnten. Am Schluss noch eine weitere gute Nachricht: Warren Spector hat das Spiel gesehen und für gut befunden. Rechnet mit dem Release ab Frühjahr 2011, für PC, Xbox 360 und PS3.
Ausblick
An dieser Marke kann man sich böse die Finger verbrennen, doch nach meinen Eindrücken in Köln glaube ich, dass sich Eidos Montréal ihrer Verantwortung bewusst ist. Noch so eine Enttäuschung wie „Invisible War“ wird sich Eidos nicht leisten. “Human Revolution“ sieht sehr gut aus und bietet durch die unterschiedlichen Lösungswege viel Platz zum Experimentieren.
Doch wo viel Licht ist, da ist auch Schatten: Während die Gebäude von außen sehr detailliert aussehen, enttäuschen die Innenräume und die Animationen der Figuren. Außerdem haben die Entwickler ihren Fokus eindeutig auf die Stealth-Elemente gelegt. Hier kann Detektiv Jensen wirklich zeigen, was in ihm steckt und muss sich nicht nur auf tumbe Gewalt oder langweilige Dialoge verlassen. Bisher spricht das Spiel eher die Fans von “Splinter Cell“ & Co als den Action-Fan an. Stimmt jetzt noch das Balancing, dann kann Sam Fisher in Rente gehen.