Nicht einmal Watson will seinem alten Freund helfen?
In das Testament des Sherlock Holmes geht es titelfolgend dem Ende zu. Sicher? Doyle hatte seinen Helden ja alsbald das Zeitliche segnen lassen, aber ob DTP den Engländer ins Jenseits befördert? Wenn es nach den Verkaufszahlen geht, wohl nicht! Anders lässt es sich auch nicht erklären, dass man neben dem PC, Experimenten auf Wii und Nintendo DS erstmals die PlayStation 3 und Xbox 360 bedient, die zudem primäre Entwicklungsplattformen für dieses Abenteuer sind.
Voll im Arsch
Der Titel überzeugt durch eine erstaunlich hochwertige Optik.
1898 – eine Serie mysteriöser Morde und Diebstähle erschüttert das viktorianische London. Nach umfangreichen Ermittlungen und dem Sammeln von Beweisen, scheinen alle Indizien auf Sherlock Holmes als Täter hinzuweisen. Der sieht sich selbstredend als unschuldig und versucht in der Folge, den eigentlichen Täter zu finden. Schwer, wenn die Polizei Holmes nicht mehr unterstützt undselbst Watson Zweifel an seiner Unschuldigkeit hat. Schlimmer noch: Holmes' Ansehen in London sinkt rapide, Zeitungen verbreiten die Gerüchte um seine angeblich mörderischen Umtriebe in Windeseile, weshalb kaum ein Londoner noch mit ihm sprechen will. Doof, wenn man Zeugen sucht. Über die Story wurde ansonsten nichts weiter verraten, was vielleicht ganz gesund für unsere Neugier ist.
Präsentiert wurde uns ein Kirchenszenario, in welchem Holmes der mysteriösen Verstümmelung eines Bischofs nachgeht. Nicht besonders lecker, aber eine eindrucksvolle Demonstration der mächtigen Grafikroutinen: Von verbrannten Zehen über Blutergüssen, Messerschnitten, eingedrückten Augäpfeln bis hin zu dezenter Mundfäule des Verstorbenen können wir alles optisch erfassen. Davon abgesehen, dass dieses Bild verstörend ist, waren wir doch recht angetan, denn auch außerhalb des Horrorbildes wissen die akkurat modellierten Umgebungen durch unzählige Details, Licht- und Schatteneffekte zu gefallen. Am glaubwürdigsten war eine nebelige Straße in White Chapel, dem Elendsviertel des viktorianischen Londons. Auf den Straßen geht das Leben (irgendwie) weiter, Suppenküchen versuchen die Bevölkerung so gut wie es geht zu ernähren, während die beleibte Königin abgekapselt von ihrem Volk einige Kilometer weiter Brathhnchen am laufenden Band futtert. Der Unterschied zwischen der Upper Class (zu der ja auch Holmes gehört) und der Unterschicht wird nicht nur sicht-, sondern erlebbar, sobald ihr euch mit den Passanten unterhaltet. Oxford-Englisch müsst ihr zum Verständnis nicht pauken, auch von der Gossensprache im angelsächsischen Singsang bleibt ihr verschont, denn Das Testament des Sherlock Holmes ist komplett in Deutsch vertont. Und das reichlich professionell. So erfahrt ihr akustisch angenehm, wie mühselig es ist, sich in diesem London durchzuschlagen, welche Alltagssorgen die Bewohner plagen und was sie über „die da oben“ denken.
Die Steuerung hingegen ist, nun ja, gewöhnungsbedürftig. Das auf Konsolen getrimmte Lauf- und Untersuchungssystem in der Echtzeit-3D-Umgebung krankt noch an Kollisionsfehlern und dem urplötzlichen Ausblenden von Icons, die ihr per Knopfdruck aktivieren müsst, um mit der Umgebung zu interagieren. In den Passagen, die ihr mit Holmes' Köter absolvieren könnt, waren die Probleme am deutlichsten zu spüren. Die gezeigten Rätsel waren noch recht seicht, laut den Entwicklern möchte man sich aber in Varianz und Rätseltiefe am Genreprimus Professor Layton orientieren und der Level-5-Serie nach Möglichkeit das Wasser reichen – ein Hilfssystem wird ebenfalls implementiert, sodass selbst kognitiv nicht so fitte Naturen in den Genuss der Story kommen.
Ausblick
Mit Das Testament des Sherlock Holmes erscheint ein neuer Teil einer großen Marke, die sich von Spiel zu Spiel qualitativ steigerte und daneben durch großartige Geschichten zu begeistern wusste. Ob es dem neuen Teil gelingt? Hängt vom Feintuning ab. Die Steuerung ist mitunter noch hakelig und ungenau, das demonstrierte Rätseldesign seicht. Davon abgesehen weiß der Rest zu gefallen. Die tollen Grafiken, guten Synchronsprecher und schon im Ansatz spannende Storyline sollten den Titel zu einem sehr guten Vertreter seiner Zunft machen.