Ehe-Horror
Hier möchte niemand mehr speisen.
Joe hat ein echtes Problem: Seine Frau Ivy spricht nur noch im Wahn, als ob es Blut regnen würde und die Straßen voller Leichen gepflastert wären. Als die beiden mitten in der Nacht unterwegs sind, bekommt Ivy wieder eine dieser Horrorattacken. Der strömende Regen zwingt Joe, sein Auto abzustellen und in einem verschlafenen Hotel eine Unterkunft für sich sowie seine Frau zu buchen. Am nächsten Morgen ist diese jedoch spurlos verschwunden, und im Speisesaal sitzen lauter blutüberströmte Leichen. Joe trifft kurz darauf ein kleines Mädchen namens Sophia. Genau genommen wäre sie gar nicht Sophia, sondern eine von vier Erinnerungen, die Joe bitte umbringen solle. Ansonsten würde er seine Frau nie wieder sehen.
Glaubt mir: Ich hab das jetzt so verständlich wie nur möglich ausgedrückt. Downfall ist Independent pur. Die Geschichte entwickelt sich zu einem psychodelisch abgefahrenen Horror-Trip, der innerhalb der Adventure-Szene noch am ehesten mit I Have No Mouth, and I Must Scream oder einem bestimmten indizierten Titel aus dem Hause DigiFX Interactive zu vergleichen ist. Es fließt nicht nur viel Blut: Die Arten der Todesfälle werden immer heftiger, brutaler und geschmackloser. Auch gibt es einiges an nackten Tatsachen zu sehen, und der Spieler muss ein paar moralisch sehr fragwürdige Entscheidungen treffen.
Horror-Grafik
Auch dieser zwielichtige Professor möchte am liebsten verdrängen, wie müllig er aussieht.
Downfall hat ein richtig großes Problem: Die Grafik ist schlicht und ergreifend entsetzlich. Sämtliche Hintergründe sind handgezeichnet und haben den Charme von unfertigten Bleistift-Skizzen, die größtenteils (aber nicht alle!) nachcoloriert wurden. Nur ein paar davon vermitteln die gewollte Horror-Atmosphäre, die meisten jedoch sehen einfach nur übel aus. Noch schlimmer trifft es die Personen: Die paar Striche und Bewegungsanimationen hätte auch ein Dreijähriger mühelos hingekriegt. Ja, selbst der Zeichensatz ist hässlich und besteht aus fürchterlichen Farbkonstellationen. Nebenbei bemerkt gibt es keine Sprachausgabe und stattdessen irritierende Soundeffekte. So hört ihr beim Einschlagen eines Holzfußbodens mithilfe einer Axt das Schussgeräusch einer Schrotflinte. Der Abspann des Spiels erklärt ganz schnell, woran es hapert: an einem vollständigen Entwicklerteam. Downfall stammt mit Ausnahme der Musik von einem einzelnen Mann. Und der heißt leider nicht Jonathan “Braid“ Blow, sondern Remigiusz Michalski.
Es ist demnach ein kleines Wunder, dass dieses eigentlich zwei Jahre alte Spiel, welches von Headup Games jüngst in ihren offiziellen Katalog aufgenommen wurde, überhaupt Leute zum Geld ausgeben animiert. Programmiert wurde es mit dem AGS, einem Point’n’Click-Adventure-Editor, aus dem unzählige Freeware-Spiele resultierten. Downfall ist ebenfalls sichtlich ein Hobby-Projekt, das nach außen hin abscheulich ist, bei dem ihr mit Speicherstand zerstörenden Bugs rechnen müsst und… das ich trotzdem bis zu einem gewissen Grad empfehlen möchte.
Fühl den Horror
Agnes hat sich ihre Hochzeit anders vorgestellt.
Denn: Die Geschichte strahlt eine gewisse morbide Faszination aus. Michalski nimmt wahrlich kein Blatt vor den Mund: Hier fliegen die Gedärme, hier explodieren die Köpfe, hier sind auch kleine Kinder nicht sicher. Der Pointe ist ebenfalls… nun… ja… sie geht in Ordnung, obwohl sie dann doch wieder vor Klischees trieft. Aber nehmen wir einmal Agnes, eine Frau, die ihr für ein paar Minuten steuert und ebenfalls im Hotel in ihrem Hochzeitskleid (!) übernachtet: Ihr Part ist kurz, er wirkt zusammenhangslos gegenüber der Geschichte von Joe und Ivy, ihre Rolle wird nie vollends erklärt und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) ist sie interessant.
Grundsolide ist das Rätseldesign, das sich vornehmlich auf konventionelle Objektkombinationen beschränkt. Da gibt es nur eine Passage, die ich als unglücklich designt betrachte. Es ist auch die einzige, wo man zwei Personen benötigt bzw. wo Joe und die besagte Agnes zusammen arbeiten MÜSSEN. Doch gibt es in dem Spiel auch unterschiedliche Wege (die nebenbei erwähnt ebenfalls ganz gut durchdacht wirken), wobei es bei einem davon passieren kann (!), dass Agnes aufgrund eines Fehlers nicht vor Ort ist. An anderer Stelle schaute ich mir ein Rezept in meinem Inventar an und konnte die Großansicht nicht mehr verlassen, wohlgemerkt auch nachdem ich gespeichert und den betreffenden Spielstand neu geladen hatte – so viel zum Thema “Speicherstand zerstörend“.