Herzloser Einstieg
Will der uns verkohlen!?
Das Abenteuer beginnt mit einem Paukenschlag: Ein Drache greift die Heimatstadt unseres eben erst im Editor erstellten Charakters an und reißt ihm mit seinen scharfen Klauen das Herz heraus! Wie bitte? Die ganze Mühe mit der Auswahl des Geschlechts, der Statur, des Haarschnitts etc. völlig umsonst? Aber nein, unser hilfloser Jung-Held überlebt diese schändliche Tat. Kurz bevor er sein Bewusstsein verliert, bekommt er noch mit, wie der Drache das Feld räumt und dabei das (eigentlich) lebenswichtigen Hohlorgan mit sich nimmt. Unsere Aufgabe ist somit klar: Wir wollen das Herz zurück! Hoffentlich hat es der schuppige Dieb wenigstens in Frischhalte-Folie gepackt...
Kaum hat sich unser herzloser Recke wieder einigermaßen erholt, merkt er recht schnell, dass sich sein Leben grundlegend verändert hat: Jeder spricht ihn nur noch mit „Erweckter“ an und scheint davon auszugehen, dass er zum Helden wiedergeboren sei und sich künftig um die großen und kleinen Probleme in der großen Spielewelt Gransys zu kümmern habe. Na gut, die Leutchen haben ja recht. Schließlich müssen wir haufenweise Erfahrungspunkte sammeln und uns ordentlich hochleveln, um die nächste Auseinandersetzung mit dem Organ-Räuber für uns entscheiden zu können. Und daher übernehmen wir gerne die Jobs, die uns die durch Markierungen leicht erkennbaren Auftraggeber zuschustern.
Westliche Welt
Die hübsche Spielewelt weiß zu gefallen
Recht schnell verlassen wir dafür unsere Geburtsstadt Kassardis und bereisen in der Third-Person-Ansicht die äußerst große Spielewelt. Dabei wird schon nach kurzer Zeit klar: Dragon’s Dogma präsentiert sich als tatsächlich als reinrassiges Open World-Abenteuer und offenbart dabei im Aufbau große Ähnlichkeiten mit Reihen wie The Elder Scrolls, Two Worlds, Gothic & Co. Das ganze Szenario mit großen Burgen, saftigen grünen Wiesen und düsteren, von Wölfen bewohnten Wäldern ist im Mittelalter-Look gehalten, die Figuren haben kaum etwas von der typisch japanischen Anime-Optik und auch die Monster in dem Spiel (Chimären, Zyklopen, Oger, Kobolde) stammen eindeutig mehr aus der europäischen als der asiatischen Mythologie.
Gleiches gilt für das Kampfsystem: In vielen Japano-RPGs tauchen die Gegner noch immer völlig aus dem Nichts auf und müssen in einem Extra-Kampfbildschirm nach einem komplizierten Regelwerk Runde für Runde auseinandergenommen werden. Anders in Dragon’s Dogma: In unserer Hand ist das Schwert, da drüben ist das Monster. Auf es mit Gebrüll!
Actionreiche Kämpfe
In den Kämpfen geht es richtig rund
Und zwar mit höchst erfreutem Gebrüll: Denn egal ob ich zuletzt als Geralt von Riva, als Dovahkiin oder als namenloser Held unterwegs war: Immer steuerte ich meinen Recken mit der Maus und war dabei im Grunde bei Auseinandersetzungen auf die linke (Hieb) und rechte (Deckung) Maustaste beschränkt. Und nun endlich mal wieder ein Gamepad in der Hand, das mir mehrere Möglichkeiten bietet: Per Knopfdruck teile ich unterschiedlich starke Hiebe, Combos sowie Spezial-Attacken aus und kann Zwischen- und Endgegner nur besiegen, wenn ich taktisch klug agiere. Ich weiche ihren Hieben geschickt aus, beharke sie im richtigen Moment, und oftmals ist es nötig, dass ich mich am Bein eines Ogers festkralle oder gar auf den dessen Rücken springe, um so seine Schwachstelle konsequent zu malträtieren. Shadow of the Colossus-Fans haben hier ihre wahre Freude!
Gleichzeitig offenbart sich dabei ein Nachteil gegenüber klassischen PC-Rollenspielen. Ich habe weder ShortCuts noch eine Befehlsleiste zur Auswahl, um mir kurz irgendwelche Wundertränke und Heilmittel einzuverleiben. Stattdessen muss ich das Spiel jedes Mal pausieren, um in dem leider etwas unaufgeräumten Menü das Genesung-Mittel meiner Wahl herauszusuchen zu können. Dies nimmt den ansonsten sehr spannenden Kämpfen ein wenig Dynamik.
Neben der schwertschwingenden Kämpfer-Klasse stehen uns alternativ Karrieren als Streicher (Bogenschütze) oder Magier offen. Diese Wahl will mit Bedacht getroffen werden, da sich alle drei Alternativen anders spielen und wir auf unserem Weg bzw. in den Geschäften haufenweise Waffen oder Rüstungsteile finden, die nur von einer der drei Klassen genutzt werden können. Allerdings ist an manchen Stellen der Wechsel zwischen den Klassen möglich und stehen uns im späteren Verlauf sogar weitere zur Verfügung (u.a. Waldläufer, Erzmagier oder Krieger), bei denen die Trennlinien zwischen Nah-, Fernkämpfer und Magier nicht mehr ganz so streng gezogen sind.
Der Vasall, mein Freund und Helfer

Hauptfigur & Haupt-Vasall werden mit einem ausführlichen Editor erstellt
Euch gefällt es, wenn ihr in einem Spiel von einem hilfreichen NPC begleitet werdet? Na dann jubelt mal laut los: In Dragon’s Dogma habt ihr gleich drei Stück an eurer Seite! Diese werden Vasallen genannt und stellen auf ihre Art eine völlige Neuerung im Genre dar. Euren Haupt-Vasallen, der euch während des gesamten Abenteuers nicht mehr von der Seite weicht, bastelt ihr ebenfalls im Editor. Er gehört ebenso einer festen Klasse an und verfügt über ein eigenes Inventar, ein eigenständiges Level-System und sogar einen eigenen Charakter (z.B. angriffslustig, hilfsberet, kommunikativ), den wir vorgeben und bei Bedarf an bestimmten Stellen (z.B. Gaststätten) anpassen.
Dazu kommen zwei Neben-Vasallen. Die heuern wir entweder zufällig an, wenn uns gerade ein passender Begleiter auf unseren Reisen begegnet, oder wir suchen sie uns gezielt im Rift. Dies ist eine Art Zwischenwelt, die wir über relativ häufig vorkommende Portalsteine betreten können. Vasallen auf dem demselben oder einem niedrigeren Level wie unser Held sind kostenlos, für stärkere Begleiter müssen wir hingegen in Quests erspielte Rift-Punkte ausgeben. Und da die beiden Neben-Kameraden im Level nicht aufsteigen, ist ein reger Wechsel vorprogrammiert.
Wechselspielereien
Im Rift finden wir neue Begleiter
Alle drei Vasallen sind mehr als nur ein tumbes Anhängsel: Sie kommentieren Spielsituationen, merken sich Orte, an denen sie schon waren und lernen außerdem bei den Auseinandersetzungen hinzu. Ist unter ihnen ein Heiler, versorgt er seine Kameraden selbständig mit neuer Lebensenergie. Trotzdem sind sie nicht vor dem Tod gefeit. Doch während nach unserem Ableben das Spiel zu Ende ist und wir vom letzten Speicherpunkt erneut beginnen, können wir unsere gefallen Gefährten wieder erwecken.
Besonders cool und sehr einfallsreich: Dank Online-Anbindung lassen sich im Rift die Haupt-Vasallen anderer Spieler anheuern, was wiederrum auch für unseren eigenen ständigen Begleiter gilt. Und wurde der von irgendeinem anderen „Erweckten“ auserwählt und irgendwann später wieder ausgesiebt, dann nimmt der dieses Wissen mit, sodass er im besten Fall plötzlich über Kenntnisse über Orte und Gegner verfügt, die wir noch gar nicht kennen. Schicken wir den Vasallen eines anderen Spieles wieder in den Rift, dürfen wir dank eines einfachen Bewertungssystems Auskunft erteilen, wie nützlich er für uns war.
Herausfordernde Spielewelt
Die Finsternis lockt dunkle Gesellen hervor
Wie schon erwähnt, hat die Welt von Dragon’s Dogma durchaus einiges zu bieten, im direkten Vergleich mit Skyrim verliert sie aber. Das Capcom-Werk bietet weniger Einwohner sowie Details und lässt leider auch ein richtiges Dialog-System vermissen. Wir hören nur zu, antworten aber nicht und können auch keinerlei Fragen stellen. So dauert es nicht lange, bis wir uns nur noch mit potentiellen Auftraggebern unterhalten und die restlichen NPCs und deren 08/15-Aussagen links liegen lassen.
Technisch ist das Spiel weitestgehend sehr sauber programmiert, gelegentliche PopUps, stellenweise hölzerne Animationen und Kameraprobleme in der Nähe von Ecken und Wänden sind nicht schön, aber zu verschmerzen. Sehr imposant fallen die teilweise mehrere Meter hohen Monster aus, die minutenlang lang beharkt werden müssen, bis sie endlich fallen. Und auch der Wechsel zwischen Tag und Nacht hat mir gut gefallen, auch, da die Dunkelheit viele neue Gegner-Arten herauslockt und das Spiel dann deutlich herausfordernder wird. Angsthasen reisen daher lieber nur am Tag. Insgesamt lässt sich sagen, dass der Schwierigkeitsgrad von Dragon’s Dogma durchaus anspruchsvoll ist und man nicht jede Gegend von vornherein besuchen sollte.
Dies wird zum Teil allein dadurch ausgeschlossen, dass die Laufwege nervig lange ausfallen. Abgesehen von den seltenen und nur einmalig nutzbaren Reisesteinen, die uns in die Hauptstadt Gran Soren bringen, gibt es keinerle Schnellreise-Funktionen und leider auch keine Alternative zu Schusters Rappen (z.B. Reittiere oder Kutschen). Wer ständig planlos von A nach B rennt, anstatt gebündelt alle Aufgaben in einem Gebiet zu ereledigen, wird allein dadurch etliche Spielstunden mehr auf seinem Konto haben. Und wenn dann noch irgendwo im Niemandsland die Nacht hereinbricht... ihr habt ja oben gelesen, was dann passiert.
Maue Story
Ab und an wird die Geschichte in Zwischensequenzen weitererzählt
Die Storyline von Dragon’s Dogma ist im Großen und Ganzen einfach nur ein Mittel zum Zweck, der darin besteht, Monster zu bekämpfen. Schade, denn aus der Handlung mit dem diebischen Drachen und einem wiedergeborenen Krieger hätte man viel mehr herausholen können. Konzentrieren wir uns auf die Hauptaufgaben, ist das Abenteuer nach gut 30 Stunden zu Ende. Neugierige Spieler, die sämtliche (zumeist aus Sammel- oder Tötungsaufträgen bestehenden) Quests entgegennehmen und jeden Winkel der Welt erkunden, sind aber auch gut drei bis vier Mal so lange beschäftigt und steigen natürlich auch deutlich höher im Level (bis zur Maximal-Stufe 200) auf. Das Skill-System ist dabei nicht beeinflussbar, dies heißt, die Attribute werden nach festen Vorgaben und ohne unseren Einfluss verbessert.
Die Musik und die Soundkulisse gefallen mir recht gut, was ich zu Beginn gar nicht erwartet hätte. Beim Spielstart dröhnt uns nämlich zunächst ein Rocksong um die Ohren, der für mich gar nicht in dieses Szenario passt. Doch keine Angst, während unserer Reisen erklingen nur noch orchestrale Klänge. Die Dialoge in Dragon’s Dogma werden alle in Englisch geführt, eine deutsche Sprachausgabe ist nicht vorhanden. Ein deutscher Untertitel sorgt aber dafür, dass auch hierzulande jeder den mäßig originellen und teilweise sehr monoton vorgetragenen Gesprächen folgen kann.