Paul Eibeler dürfte in letzter Zeit ziemlich schlecht geschlafen haben. Musste er doch jeden Tag neue Horrormeldungen bezüglich seiner Firma und einem von seinem Unternehmen angebotenen Produkt befürchten. Denn Eibeler ist Präsident von Take 2, dem Publisher des Action Adventures GTA San Andreas, welches vor allem in den Vereinigten Staaten stark ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist. Jack Thompson dagegen dürfte so gut und friedlich wie noch nie seit seiner Kindheit schlafen. Hat sich doch endlich einer seiner lang gehegten Träume erfüllt und er konnte wirkungsvoll seine Meinung und Interessen vor einer ganzen Nation durchsetzen. Denn Thompson ist US-Anwalt und Sittenwächter in einer Person und gilt als Hauptkritiker von Computerspielen im Allgemeinen und von GTA San Andreas im Speziellen.
So bewahrheitet sich einmal mehr das Sprichwort „Was des einen Freud, ist des andern Leid“. Mit einem schon an Obsession grenzenden Ehrgeiz versuchte Thompson in den vergangenen Jahren immer wieder, gegen jugendgefährdende Inhalte in Computer- und Videospielen vorzugehen und hatte dabei nicht zum ersten Mal die GTA-Reihe von Take 2 und deren Tochterfirma Rockstar Games im Visier. Kurios ist im jetzigen Fall nur, dass Thompson sich in der Vergangenheit immer auf gewalttätige oder rassistische Aussagen in der Spielesoftware berief und dabei wenig erreichte. Doch dieses Mal konnte sich Thompson auf sexuelle Inhalte stürzen und hatte damit Erfolg. Und was lernen wir wieder einmal daraus? Sex ist weitaus schlimmer als Brutalität oder Vorurteile!
Dieser Grundsatz scheint zumindest in den USA zu gelten. Man kennt die Vereinigten Staaten ja schon lange als das Land der unbegrenzten Prüderie, denn schließlich darf dort auch eine Sharon Stone in einem relativ harmlosen Film wie Basic Instinct nur zensiert ihre Beine übereinander schlagen. Dies klingt eigentlich etwas seltsam für die Nation mit der weltweit größten Pornofilm-Industrie, welche jährlich über 10 Milliarden US-Dollar an Umsatz erzielt. Zumal es hier um das Land geht, in dem die Führungskräfte von Morgen als Studenten jedes Frühjahr während der Semesterferien den für Drogenmissbrauch, Exhibitionismus und Promiskuität berüchtigten Spring Break zelebrieren.
Doch darin sieht man anscheinend keinen Widerspruch, denn schließlich fand Thompson ausgerechnet in US-Senatorin Hillary Clinton eine Mitstreiterin. Also ausgerechnet in der Frau, die es kommentarlos hinnahm, dass weltweit öffentlich über die Sperma-Flecken ihres Ehemanns Bill Clinton auf dem Kleid der Praktikantin Monica Lewinsky berichtet wurde. Doch natürlich ist das Techtelmechtel eines verheirateten US-Präsidenten mit einer Untergebenen weit weniger schlimm als die Darstellung von aus Nullen und Einsen bestehenden virtuellen nackten Menschen. Wobei wir auch wieder beim Thema wären. Es erscheint schon seltsam, dass GTA San Andreas verurteilt wird, weil Dritte, die Macher der Hot Coffee-Modifikation, Inhalte des Games neu zusammengefügt haben, um die Mod zu erstellen. Dies heißt nichts anderes, als dass Entwickler von Spielen dafür verantwortlich sind, wie Käufer mit dem Produkt umgehen. Gleichzeitig hört man aus den USA aber von einem Gerichtsurteil, nachdem die US-Waffenindustrie künftig nicht mehr von Schusswaffenopfern vor Gericht haftbar gemacht werden kann. Passt dies zusammen?
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Die Aufregung wäre wenigstens etwas mehr zu verstehen, wenn in den Sex-Games in GTA San Andreas irgendwelche Geschlechtsteile zu sehen wären. Tatsächlich lassen sich darin aber weder irgendwelche Genitalien noch auch nur eine entblößte weibliche Brust entdecken. Dies ist im Gegensatz dazu in den Spielen Playboy: The Mansion und Singles sehr wohl der Fall. Doch diese beiden Titel sind in den USA mit der ESRB-Rating „Mature“ (ab 17) eingestuft, also der Wertung, die GTA San Andreas vor der Hot Coffee-Affäre ebenfalls innehatte. Warum wurde GTA San Andreas nun also zu „Adults Only“ hochgestuft?
Ich weiß zwar nicht, ob in diesem Fall auch die viel zitierte „Verunglimpfung oder Herabwürdigung der Frau“ angesprochen wurde, ein Wunder wäre es wohl nicht. Nur ist dies in GTA San Andreas einfach nicht der Fall. Denn sowohl die männliche Hauptfigur des Games als auch seine Partnerinnen in den verruchten Spielchen haben in jedem Fall auf freiwilliger Basis Verkehr, einfach nur weil sie Spaß am Sex haben. Etwas das vielleicht auch auf Herrn Thompson zutreffen dürfte, zumindest hoffe ich es für ihn. Und ich gehe einfach mal davon aus, dass auch Frau Clinton ihre Tochter auf ganz natürlichem Weg gezeugt hat.
Seien wir doch mal ehrlich. Was wird im schlimmsten Fall passieren, wenn ein männlicher oder auch weiblicher Teenager GTA San Andreas samt Hot Coffee-Mod spielt? Die USA werden wohl kaum von Heerscharen entfesselter Jugendlicher heimgesucht, was schon eher zur Generation der jetzt erwachsen gewordenen Hippies der 60er und 70er Jahre passt. Nein, im schlimmsten Fall wird sich der Teenager wohl Erleichterung verschaffen, wie man so schön gekünstelt sagt. Doch Selbstbefriedigung war und ist noch immer ein peinliches Tabu-Thema und wenn man bedenkt, dass dies schon in unserem Land so ist, dann gilt dies für die verklemmte US-Gesellschaft wahrscheinlich noch stärker als für die katholische Kirche.
Nun gut, zurück zum Thema. GTA San Andreas war also nur noch für „Adults Only“ geeignet, Take 2 hatte versprochen, eine nicht modifizierbare Version des Spiels herauszubringen und Eibeler hoffte sicher, endlich wieder ruhig schlafen zu können. Doch weit gefehlt, denn Untersuchungen des US-Repräsentantenhauses und Schadensersatzklagen über mehrere Millionen US-Dollar folgten der Hochstufung des Games auf den Fuß. Take 2 hat deswegen inzwischen seine die Gewinnerwartung für das laufende Geschäftsjahr nach unten korrigiert.
Im Gegensatz zum Take 2-Präsidenten ist US-Anwalt Thompson seitdem so gut drauf wie lange nicht mehr und hat schon sein nächstes Opfer gefunden. Denn in seinem Traum einer sterilen Gesellschaft geht er nun gegen Die Sims 2 vor, da es auch hierfür diverse Modifikationen gibt, mit denen sich problemlos die Genitalien aller Charaktere freischalten lassen. Thompson redet hier von einem –„Pedophile´s Paradise“, da dies Mods auch auf Sim-Kinder anwendbar sind. Wie gut wohl zurzeit der Präsident von Electronic Arts schläft?
Ich jedenfalls bin froh, dass die USK die Prioritäten richtig setzt. Ich kann meist nachvollziehen, wenn ein Spiel aufgrund gewaltverherrlichender Szenen erst für Erwachsene käuflich erwerbbar ist. Jeder 16jährige darf hierzulande den Playboy kaufen, also ist er wohl auch reif genug, ein Singles zu spielen.
Und wir müssen nicht befürchten, dass wir uns an das Land des NippleGate anpassen. Denn auch wenn der Mönchengladbacher Fußball-Spieler Giovane Elber für den Bundesliga-Start diesen Freitag angedroht hat, sich bei einem Tor gegen seinen Ex-Verein Bayern München komplett auszuziehen, wird der übertragende Sender ARD wohl kaum ausblenden oder das Spiel um mehrere Sekunden zeitverzögert ausstrahlen. Und das finde ich irgendwie auch einfach…. Ganz normal.