Betrachtet man es nüchtern, ist es eigentlich keine Besonderheit, was sich gestern in der Spielebranche zugetragen hat. Ein unabhängiges Entwicklungsstudio und dessen Publisher sind sich darüber uneins, wie die bisherige Zusammenarbeit fortgeführt werden soll. Daher gehen beide Unternehmen getrennte Wege. Punkt! Wir Spieler sind allerdings nicht für unsere nüchterne und rationale Art und Weise bekannt. Und deshalb hat vor allem für Fans der Gothic-Reihe das Zerwürfnis zwischen Piranha Bytes und Jowood natürlich eine ganz besondere Bedeutung. Doch wie konnte es überhaupt soweit kommen?
Der Anfang vom Ende fand sicherlich bereits am 13. Oktober 2006 statt, also am Erscheinungstag von Gothic III. Über Monate wurden die Spieler mit Bildern, Videos, Fakten und Versprechungen heiß gemacht auf ein Spiel, dessen beiden gelungenen Vorgänger berechtigte Hoffnungen auf ein weiteres wunderbares Abenteuer schürten. Viele Fans rüsteten für Teil 3 extra ihren PC auf, um die Hardware-Anforderungen erfüllen zu können, und wurden dann jäh enttäuscht, als sich das Spiel als ein halbgares Produkt mit jeder Menge Bugs entpuppte. Daran änderte auch der erste Patch nicht viel, der bereits am ersten Verkaufstag veröffentlicht wurde. Über sieben Monate und drei weitere Updates später läuft Gothic 3 zwar aktuell unter Windows XP weitgehend normal, doch vor allem Nutzer von Windows Vista hofften bis zuletzt, dass für sie noch ein Patch erscheint, der die unzähligen Abstürze und „Out of Memory“-Meldungen behebt, mit denen sie nach wie vor leben müssen. Dass diese Hoffnung vergebens ist, wissen wir seit gestern.
Mich persönlich würde interessieren, wie weit eigentlich der schon seit Monaten ankündigte fünfte Patch fortgeschritten ist. Wenn die Arbeiten daran tatsächlich stattgefunden haben und vielleicht schon kurz vor der Fertigstellung stehen, dann wäre es eine nette Geste von Piranha Bytes, wenn sie dieses unfertige Datenpaket der Community frei zugänglich machten. Es gibt bestimmt genug Spieler, die sich damit befassen würden und daraus einen inoffiziellen Patch basteln könnten, der Gothic III tatsächlich noch zu einem annähernd fertigen Produkt werden ließe, für das die Spieler schließlich gutes Geld bezahlt haben.
Abgesehen davon ist es zwar ein wenig müßig, die Frage nach dem Schuldigen zu stellen, trotzdem wäre es spannend zu erfahren, warum ein unvollendetes Produkt auf den Markt geworfen wurde. Hat Publisher Jowood nicht mehr länger nur Geld ausgeben, sondern auch endlich kassieren wollen? Oder haben sich die Entwickler Piranha Bytes übernommen und Jowood einen verfrühten Fertigstellungszeitpunkt genannt, von dem sie selbst nicht mehr abrücken konnten? So oder so haben beide Unternehmen und vor allem die Marke Gothic einen gehörigen Image-Verlust hinnehmen müssen, zu dem es mit einer späteren Veröffentlichung vielleicht nie gekommen wäre. Und wäre Gothic III erst später in einer bugfreieren Version erschienen, hätte es vielleicht nie zu diesem Bruch kommen müssen.
Nicht nur die beiden Unternehmen zeigen sich uneinig, sondern auch die Fans. Die Reaktionen auf die jüngsten Vorkommnisse sind in der Community nämlich sehr gespalten ausgefallen. Sieht man sich in den diversen Fanforen um, dann haben viele Spieler Piranha Bytes den „Ausrutscher“ mit Gothic 3 noch immer nicht verziehen und sind froh, dass der Entwickler nun quasi abgestraft wurde. Ein anderes Lager stellt sich dagegen treu hinter die Macher und verkündet lauthals, dass man sich ein Gothic ohne Piranha Bytes gar nicht vorstellen könne. Muss man aber ja auch nicht unbedingt, denn laut Geschäftsführer Michael Rüve hat man die Rechte an dem Produkt nicht verkauft und könnte theoretisch an einem weiteren Spiel mit dem namenlosen Held basteln. Doch momentan muss man sich erst einmal mit anderen Dingen beschäftigen, denn laut Rüve hat Piranha Bytes mit Gothic III keinen Gewinn gemacht; sondern es soll eher das Gegenteil der Fall sein. Man muss sich allerdings fragen, wie dies sein kann, wenn sich Gothic III laut Jowood mehr als 500.000 Mal verkauft hat. Eigentlich sollte ein Studio, welches nur alle paar Jahre ein neues Produkt fertig stellt, von so hohen Verkaufszahlen profitieren – Arbeiten an Patches hin oder her. Gegenwärtig ist zumindest der Geldgeber für zukünftige Projekte weg und das Essener Studio wird sicherlich erst einmal Verhandlungen mit anderen Publishern aufnehmen, bevor wir von dort Planungen für ein neues Game präsentiert bekommen. Ob dieses im Gothic-Universum spielt oder nicht, bleibt abzuwarten.
Ist dies also das vorläufige Ende der beliebten RPG-Reihe? Nein, denn Rüve musste einräumen, dass Jowood über gewisse Rechte verfügt, die dem Publisher erlauben, die Serie fortzusetzen. Und dort hatte man es überaus eilig, sofort Gothic IV für PC und Konsolen anzukündigen. Irgendwie hört sich dies für mich ein wenig wie eine Trotzreaktion an, denn die Anmerkung, dass man einen Entwickler suche, der Wert auf einen sehr hohen Qualitätsstandard sowie eine abschließend fehlerfreie Programmierung des Spieles lege, ist schon ein deutlicher Seitenhieb in Richtung Piranha Bytes. Jowood meinte dazu, dass man bereits seit einigen Wochen Verhandlungen mit anderen potentiellen Entwicklungsstudios führe. Dies heißt natürlich noch lange nicht, dass sich für diese Aufgabe tatsächlich schnell jemand findet, denn auf das neue Studio wartet sehr viel Arbeit. Man muss sich in die gesamte Storyline der ersten drei Teile einarbeiten, die Zusammenhänge der unterschiedlichen Charaktere und Rassen verstehen und dazu eine neue Geschichte erdenken, die Sinn macht und den Fans das Gefühl gibt, im gleichen Universum unterwegs zu sein. Alternativ kann man natürlich ankündigen, mit Gothic IV ein völlig neues Kapitel aufschlagen zu wollen, in dem ein völlig neuer Held ein völlig neues Abenteuer erlebt. Dann hätte man die Last der Vergangenheit auf einen Schlag beiseite gefegt – wahrscheinlich aber einen Teil der Fans gleich mit. Trotzdem würde man noch immer eine komplexe Story, einen ähnlichen Grafikstil, eine natürlich verbesserte Optik und eine noch größere Spielewelt bieten müssen, um gegen den Kultstatus der ersten drei bzw. zumindest ersten beiden Teile anzukommen. Schafft man dies nicht, wird sich Jowood sehr schnell Geldmacherei vorwerfen lassen müssen. Ich kann mir schon jetzt vorstellen, dass man dort im Nachhinein die schnelle Ankündigung von Gothic IV bereuen wird.
Die Zukunft bleibt für die große Gemeinde der Gothic-Fans auf alle Fälle spannend. Nach dem gestrigen Donnerschlag werden wir sicherlich aus beiden Lagern noch das eine oder andere Nachbeben erleben. Ich persönlich wünsche Piranha Bytes alles Gute und hoffe, dass sie über kurz oder lang das verloren gegangene Vertrauen durch hochwertige Produkte wieder zurückgewinnen können. Und an Jowood richte ich den Wunsch, dass man sich der Verantwortung gegenüber der Community bewusst ist und dass man dort die Marke Gothic nicht zuerst ausbluten lässt und anschließend vollends zu Grabe trägt.