Ein Stick für alle Fälle!
Boris schlägt wieder zu.
Werden PS3-Spieler mit Move-Unterstützung beschenkt, gehen Besitzer einer Xbox 360 mit Kinect leer aus. „Schade“ sagen die einen, „zum Glück“ sage ich. Das Spielen mit der Remote ist ungenau, Lobs und Stopps nur durch Halten zusätzlicher Knöpfe machbar. Wenn ihr euren Motion-Controller nicht mit dem zusätzlichem Navigationscontroller ergänzt, läuft die Spielfigur automatisch zum Ball. Dadurch sinkt das Schwierigkeitsniveau des Spiels rapide und ist eher zum hohlen Auspowern geeignet. Die Bälle fliegen euch im wahrsten Sinne des Wortes nur so zu. Dann doch lieber mit dem Standard-Controller.
Genau hier soll sich laut Entwickler der rechte Analogstick als neuer Star am Steuerungshimmel erweisen: Die Bewegungen des Daumens ahmen dabei die eines Tennisarms nach - alle Schlagarten sollen möglich sein, sogar die Richtung des Schlags wird so bestimmt. Tatsächlich hat EA ein cleveres System ausgetüftelt, das zwischen dem einfachen Vorwärtskippen des Sticks, einer aktiven Zurück-Vor-Bewegung und dem Zurückschnappen des Sticks aus der unteren Hälfte in die Mittelstellung unterscheidet. Letzteres löst einen Slice aus. Schiebt man den Analogstick aus der unteren Hälfte in die obere, spielt man hingegen einen Top Spin. Und schiebt man ihn von der Mitte nach oben, schlägt man ohne Spin. Die Richtung der Stick-Bewegung bestimmt bei allen Schlägen die Richtung, weshalb der linke Stick ausschließlich fürs Laufen genutzt ist.
Das Prinzip funktioniert: Geschwindigkeit der Vorwärtsbewegungen sowie präzise Richtungseingaben entscheiden über Platzierung und Geschwindigkeit eines Balls, gute Beinarbeit ist zudem eine unverzichtbare Grundlage für genaue Schläge. Im Wesentlichen fängt Grand Slam Tennis 2 die Basis des Sports ein. Ganz ohne Modifikationen kommt das System dabei nicht aus, denn während die rechte Schultertaste einen Slice zum Stopp macht, variiert die Linke einen Schlag zum Lob. Natürlich können alternativ auch die Standardtasten für die verschiedenen Schläge benutzt werden, Unterschiede zur Analogsteuerung gibt es aber nicht.
Der Nächste bitte!
Die Grafik ist auf einem hohen Niveau.
Generell hat Grand Slam Tennis 2 ein Problem: Alles geht zu einfach von der Hand. Seien es Spezialschläge, nicht benötigtes Timing beim Schlagen, halbautomatisches Stellungsspiel… spätestens in solchen Momenten entpuppen sich die Ballwechsel als oberflächliche Simulation, die auf geschicktes Taktieren wenig Wert legt. Selbst schwierige Drop Volleys gelingen ohne Mühe. Es fehlen weitere Feinheiten, die gerade die Top Spin 4-Duelle zu packenden Matches machten. Die Profis laufen über weite Strecken automatisch zum Ball, wodurch einige Finessen des Stellungsspiels nahezu unmöglich sind. Man kann etwa nicht schneller zum Ball gehen, um ihn eine Idee früher übers Netz zu spielen - in Top Spin ein wichtiger Kniff. Nicht zuletzt gelingt es kaum, den Gegner durch weite Bälle nach hinten zu drängen oder (von Stopps abgesehen) durch kurze ans Netz zu ziehen. Auch weil die Spieler im Vergleich zum Platz sehr groß erscheinen und überzogen schnell sprinten, ist es fast unmöglich, durch eine taktische Spielweise einen Angriff vorzubereiten: Stopps sind ein Kinderspiel - dafür erläuft sie der Kontrahent ohne Schwierigkeiten. Auch einen mit kleinem Winkel gespielten Ball erreicht man zu leicht – kann ihn aber nicht mit einem besonders präzisen Return kontern. Nachlassende Ausdauer spielt übrigens keine Rolle. So beschränkt sich Grand Slam Tennis 2 auf das trotz Einschränkungen wichtige und spannende Laufspiel, vernachlässigt andere Facetten aber sträflich.
Einmal Nr. 1 und zurück
Bei der Auswahl der Spielmodi hat EA Sports nicht gegeizt: Neben den obligatorischen Quickmatches für Single und Doppel, frei konfigurierbaren Turnieren und einer Tennisschule bietet Grand Slam Tennis 2 den Karrieremodus. Habt ihr erst mal einen Tennisspieler oder eine Spielerin im leicht zu bedienenden, aber ausführlichen Editor erstellt, startet ihr eure Karriere als Nobody auf Platz 100 der Weltrangliste. Euer Ziel: in zehn Jahren die Nummer eins werden. Obwohl sich der Titel dabei grob an der Realität orientiert, erhält man nach gewonnenen Showmatches Ausrüstung, die unterschiedliche „Fähigkeiten“ steigert. Und selbstverständlich erhöht man auch im Training die Genauigkeit, Kraft, Schnelligkeit, das Netzsspiel, den Aufschlag und andere Werte. Das Spiel brüstet sich damit, alle vier Grand Slam-Turniere zu enthalten. Zwar darf man vor jedem Grand Slam-Event an einem weiteren Wettkampf teilnehmen sowie ein Training starten oder ein Showmatch austragen, ständig wiederholt man aber die immer gleichen Aufgaben. Der große Stolperstein ist ein absurder Schwierigkeitsgrad, denn selbst Anfänger gewinnen schon im ersten Jahr ihrer Laufbahn jedes Turnier und schlagen locker die Nr.1. In den folgenden Jahren zieht die Schwierigkeit zwar langsam an, doch erfahrene Spieler werfen das Handtuch lange bevor sie gefordert werden. Zu keinem Zeitpunkt passt sich der Schwierigkeitsgrad dem Spieler an.
Mein Highlight des Spiels ist aber der ESPN Grand Slam Classics Modus. Hier werdet ihr in die legendärsten Tennis-Matches der letzten 30 Jahre versetzt. Stefan Edberg und Boris Becker tragen Wimbledon 1990 erneut aus und wenn ihr die Zeit zehn weitere Jahre zurückdreht, treffen Björn Borg und John McEnroe aufeinander. Aber auch jüngere Begegnungen, wie der historische Finalsieg von Rafael Nadal gegen Roger Federer, sind nachspielbar. Fakten zu den Begegnungen werden im Spiel ansehnlich und informativ präsentiert. Eine interessante Lehrstunde für Tennisneulinge und ein nostalgischer Rückblick für alte Hasen.
Grafik hui, Sound pfui…
Das Publikum ist trotzdem sehr statisch.
Grand Slam Tennis 2 ist mit dem von EA Sports gewohnten hohen Niveau aufgemacht. Die Spieler haben einen hohen Wiedererkennungswert und die Originalschauplätze sind bis aufs Detail genau nachgebildet. Electronic Arts hat sich außerdem die Exklusivrechte von Wimbledon unter den Nagel gerissen. Die akustische Atmosphäre der Schauplätze ist gelungen, aber weitaus dezenter als bei Top Spin 4. Die Geräusche des Untergrunds sind eher zurückhaltend eingebettet, dafür bricht im stocksteifen Publikum akustische Unruhe aus, wenn ihr euch Zeit mit dem Aufschlag lasst. Die englisch sprechenden Star-Kommentatoren um Tennislegende John McEnroe quasseln stellenweise etwas viel. Eine deutsche Sprachausgabe ist leider nicht verfügbar. Obendrein gehen die Kommentare manchmal am tatsächlichen Spielgeschehen vorbei. Musikalisch bietet das Spiel leider nur langweiliges Elektrogedudel.
Herausforderung gesucht!
Eine große Stärke sind die Onlinematches, wenn etwa gleichstarke Spieler im Einzelspiel oder im Turnier aufeinandertreffen. Tatsächlich zeigen sich im Duell mit einem starken Feind feine Nuancen, die im Spiel mit der KI kaum spürbar werden - das gilt natürlich auch beim Spiel vor einem Bildschirm. Kleine Ungenauigkeiten werden eine Idee stärker bestraft, die Unterschiede zwischen Slice und Top Spin treten mehr hervor. Großes Tennis ist das nie, zumal man die Entscheidungen der Linienrichter nicht anfechten kann. Im Gegenzug weht ein wenig Realismus über die Online-Courts von Wimbledon sowie der US-, French- und Australien-Open, wenn man auf jedem Platz um die internationale Krone kämpft. Das ist ein gelungener Anreiz, nicht nur im separaten Ranglistenspiel sein Bestes zu geben! Schade, dass der kurze Onlinewettstreit für die meisten Couch-Asse der einzige Anreiz sein dürfte, zum Schläger zu greifen.