Mit einem mächtigen Schwert gegen ein ganzes Königreich
Eben gerade freuen sich Samuel, Randy, Nicole und Ginjirou diebisch über das fette Schwert, dass sie erbeutet haben – da werden sie auch schon von allerlei bösen Mächten gejagt. Als der Kampf aussichtslos erscheint, da steigt der ehemalige Schwertbesitzer, untot wie er ist, aus seinem Grab heraus und hört prompt auf die Kommandos des unglückseligen Quartetts. Gemeinsam sollte es doch gelingen, gegen das korrupte Königreich anzutreten – so oder ähnlich jedenfalls.
Die Story von Guardian Heroes ist nicht der Tipp des Tages. Aber es dürfte die mit den meisten unterschiedlichen Wegen und Ausgängen sein, die das Beat’em-Up-Genre zu bieten hat. Von Anfang an müsst ihr Entscheidungen treffen: Wollt ihr den wehrlosen Dorfbewohnern beiseite stehen oder lieber weiter in das Reich der Schurken vordringen? Möchtet ihr gewissenhaft eurem Ziel folgen oder zwischendurch einen Abstecher in der Arena machen, um dort Ruhm und Ehre zu erkämpfen? Alle eure Entscheidungen führen euch zu völlig neuen Levels, völlig neuen Gegnern und völlig neuen Handlungsabläufen. Der Widerspielwert von Guardian Heroes ist entsprechend mächtig…
Mehr als nur ein Prügelspiel
…und wird durch die vier Hauptcharaktere sowie deren Rollenspiel-Charakteristika kräftig verstärkt. Zuerst sucht ihr euch einen Recken aus: Samuel ist ein guter Schwertkämpfer, Ginjirou ist besonders agil wie flott, Randy hat ein paar tolle Zaubersprüche im Gepäck und Nicole besitzt die Fähigkeit des Heilens. Auch wenn das Spiel selbst wie ein 08/15-Scroller aussieht, bei dem ihr nichts weiter als prügelt bis der Arzt kommt, sammelt ihr gleichzeitig massig Erfahrungspunkte. Diese steckt ihr dann am Ende eines Levels in RPG-typische Charakterwerte, wie Stärke, Mentalität oder Glück.

Während solche Hybriden heutzutage keine Seltenheit sind (ein ganz liebes Hallo an Castle Crashers), ist Guardian Heroes bedeutend komplexer als ein Großteil der Konkurrenz. Der untote Schwertkämpfer bleibt nämlich an eurer Seite kleben und hört auf eure Kommandos, wie beispielsweise Angreifen, Verteidigen oder Folgen. Auch das Aussprechen von Zaubern ist kein Standardfeature und sorgt fast schon für einen Hauch Unübersichtlichkeit. Nehmt dann noch das Drei-Ebenen-Feature hinzu, dank dem ihr euch entweder hinten, in der Mitte oder vorne bewegen könnt, und fertig ist der Button-Overkill. In der Tat benötigte man für die Saturn-Version ein wenig Einübungszeit, weil das Pad der alten Konsole zwar ausreichend Knöpfe besaß, deren Anordnung jedoch alles andere als intuitiv wirkte. Die Xbox-360-Version ist hier klar im Vorteil, allein was den Ebenenwechsel anbelangt: Den kann ich nun mit einem vorderen und einem hinteren Schulterbutton ausführen.
Remix oder Original
Auch spielerisch gibt es vergleichsweise mehr Unterschiede als bei der Radiant-Silvergun-Konvertierung: Im Remix-Modus stehen euch ein paar neue Moves, Einsteiger-freundlichere Regeln sowie eine vielschichtigere Steuerung zur Verfügung. Sollte nun der Veteran aufgrund dieser Änderungen aufjaulen, weil seiner Meinung nach sein heißgeliebtes Guardian Heroes damit verunstaltet sei: Keine Bange! Per Menü könnt ihr komplett auf Retro schalten und die alten Mechaniken aktivieren.

Der berühmte Sechs-Spieler-Versus-Modus, in dem es einzig und allein darum geht sich unter Freunden zu prügeln, muss auf einer einsamen Xbox 360 leider aussetzen, denn da sind nun mal nur vier Joypadanschlüsse möglich. Doch Online könnt ihr dafür bis zu zwölft (!!!) aufeinander losgehen. Darunter leidet natürlich dezent die Übersicht, selbst unter der Berücksichtigung des gestreckten Bildschirmes. Das neue Guardian Heroes reizt nämlich die Vorzüge eines 16:9 Formates aus, ebenfalls ein Feature-Plus, das alles andere als selbstverständlich ist.
Eingewöhnungszeit verlangt
Zu Meckern hab ich auch etwas: Das eigentliche Spieldesign ist keine Granate. Unterschiedliche Wege hier und viele Magien dort, aber letztlich haut ihr “nur“ mehrere dutzend Gegner klein. Die dickeren Endbosse sind anfangs total leicht und später richtig schwer. Wer sich da verlevelt, der wird fluchen und lieber von neuem beginnen wollen. Zudem ist trotz der verbesserten Buttonbelegung das Konzept immer noch kein Leichtgewicht. Bei den wirklich schweren Brocken müsst ihr hauen, zaubern und auch noch euren untoten Kumpanen befehligen – zumindest wenn ihr alleine seid. Vielleicht bin ich aber nur deshalb so penibel, weil ich Treasure mehr als Designhünen anstatt Konzeptgrößen kenne.
Für das Protokoll sei noch der brandneue Arcade-Modus erwähnt, mit dem ihr ganz ohne Geschichte eure Finger in der Arena grün und blau drückt. Grafisch sieht man durchaus, dass Guardian Heroes kein neuzeitlicher Blockbuster ist. Jedoch hat Treasure auch hier ihre Hausaufgaben erledigt und die alten Bitmaps von damals gut an die heutigen Standardauflösungen angepasst, weshalb auch Retro-Hasser keine schmerzenden Augen aufgrund irgendwelcher groben Pixel kriegen müssen.