Kleiner Hase, große Erwartungen
Seitdem ich offiziell “Spielekritiker“ bin und für DemoNews schreibe, habe ich mich verstärkt darum bemüht, zu fast all meinen Wunschkandidaten und/oder potenziellen Lieblingstiteln meinen Senf ablassen zu dürfen. Sollte ich hie und da mal nicht den Zuschlag erhalten haben, dann drängte sich mein Ego zumindest in Form einer zweiten Meinung auf. Die Ausnahme, bei der mir der fehlende Zuschlag für die Review im Nachhinein am meisten weh getan, ist mit gebührendem Abstand Edna bricht aus. Aber wer hätte schon ahnen können, dass hinter dieser unscheinbaren Grafik einer der weltbesten Storylines mit den liebevollsten Dialogen diesseits der Milchstraße steckt?
Harveys Neue Augen lass ich mir jedenfalls nicht nehmen – kein zweites Spiel erwarte ich dieses Jahr so sehnsüchtig (wobei dies fairerweise gesagt mit daran liegt, dass The Last Guardian frühestens 2012 kommen soll). Und der Preview nach, ich mag es kaum aussprechen, werde ich nicht enttäuscht, wenn das finale Spiel im August erscheint.
We proudly present: Lilli
Ich reiße den Plot nur kurz an beziehungsweise verrate die wichtigsten Eckdaten: Obwohl es sich hier um eine direkte Fortsetzung zu Edna bricht aus handelt, übernehmt ihr die Rolle eines völlig neuen Charakters. Lilli ist ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, die als Vollwaise in einer Klosterschule aufwächst. Leidend unter der besonders strengen Oberin Ignatz und tagtäglich gemobbt von all den anderen Kindern, ist ihr einzig Edna eine wahre Freundin. Die hat hier nämlich ein prima Versteck gefunden, nachdem sie vor Doktor Marcel aus der Psychiatrie geflohen ist. Doch genau dieser ist eifrig dabei, mit der Oberin zu kooperieren, um, nun ich sage mal, mit einer neuen “Erziehungsmethodik“ die “ungezogenen Kinder“ besser kontrollieren zu können…
Mehr kriegt ihr von mir nicht zu hören und so wird es wahrscheinlich auch bei meiner Review bleiben. Stellt euch auf eine Geschichte mit einem fantastisch-ausgefeilten sowie richtig bösen Humorverständnis ein. Harveys neue Augen wird bei weitem zynischer und auf eine gewisse Art auch “brutaler“ als Edna bricht aus. Der Clou ist die Art der Darstellung: Diese wird von einem wundervollen Erzähler getragen, der all die Geschehnisse satirisch-kindgerecht (!) wiedergibt. Egal wie schrecklich das Ereignis auch sein mag, verkaufen tut er es euch mit seiner bewusst übertriebenen Friede-Freude-Eierkuchen-Mentalität, das es nur so eine wahre Freude ist. Die Stimme dahinter hört auf den Namen Götz Otto, den einige von euch vielleicht aus dem James Bond Film Der Morgen stirbt nie als Bösewicht Stamper kennen.
Keine 08/15-Fortsetzung
Des Weiteren kann ich euch Versprechen, dass sich Daedalic spieltechnisch ebenso wenig auf ihren Lorbeeren ausruht. Im zweiten Kapitel kommt ein Element hinzu, dass ich im Ansatz zu Gesicht bekam und dessen Potenzial mächtig groß erscheint. Hier betritt dann auch der titelgebende Harvey die Bühne - der kleine, blaue Stoffhase aus Edna bricht aus, der zu den besten Sidekicks der letzten zehn Jahre gehört. Seine “neue“ Rolle wird ebenfalls brillant in Szene gesetzt und trägt sowohl die Geschichte als auch das Rätseldesign aufgrund eben des angedeuteten neuen Spielelements.
Die einzige echte Schwäche, die mir in der Preview auffiel: Der Erzähler, der auch sämtliche Objekte beim Anklicken beschreibt oder Kommentare abgibt, wenn ihr zwei Dinge miteinander kombiniert (egal ob mit oder ohne Erfolg), ist etwas arg redselig. Er spricht meist über zwei bis drei Textzeilen, die ihr beim Wunsch des Überspringens entweder allesamt einzeln via Mausklick abbrechen oder zur Escape-Taste greifen müsst – zumindest ist dies in der Preview so. Dies wäre dann, wenn ihr mal festhängt und mehr im Try-&-Error-Verfahren des Rätsels Lösung sucht, ein wenig nervig.
Ansonsten ortete ich ein bis zwei kleine Logikungereimtheiten, die ihr aber in der Form auch in wirklich jedem anderen Adventure “ertragen“ müsst und mir jetzt im Falle von Harveys Neue Augen keine grauen Haare wachsen ließen. Am Ende bleibt dann nur noch das eine Fragezeichen, nämlich das bezüglich der Schwierigkeitsgradsteigerung. Ein Großteil der mir nun bekannten Rätsel sind eher simpel als überkomplex, was für die erste Spielhälfte auch vollkommen in Ordnung geht. In der anderen Hälfte sollte Harvesys Neue Augen aber noch etwas anspruchsvoller werden, wofür hoffentlich das besagte Spielelement Sorge trägt.es jedoch noch etwas anspruchsvoller wird
Ausblick
Eigentlich darf ich nach einer Preview nicht so euphorisch sein – das ging bislang immer schief und endete in einer Enttäuschung. Aber diese erste Spielhälfte, die mir für Harveys neue Augen vorliegt, steckt so voller toller Ideen, brechhart skurrilen Charakteren (allen voran Oberin Ignatz mit ihrer herrlich-überzogenen Härte) und erneut wundervollen Dialogen, dass ich einfach nicht anders kann. Die Kombination aus Lilli und Erzähler ist ein fantastischer Nachfolger zu Edna, darauf lege ich mich jetzt schon fest. Der Humor gefällt mir von Minute zu Minute besser, je mehr ich über ihn nachdenke. Die Qualität der anderen Daedalic-Entertainment-Spiele in Betracht gezogen, kann ich mir eigentlich nicht wirklich vorstellen, wie die Jungs um Regisseur Jan Müller-Michaelis das noch versauen könnten.