Kleines, einsames Mädchen
Lilli hat es nicht leicht: Sie wächst als kleines Kind in einer Klosterschule auf und wird tagtäglich von ihren Mitschülern sowie der oberfiesen Oberin Ignatz tyrannisiert. Eigentlich ist Lilli viel zu brav und damit das perfekte Mobbingopfer. Doch andererseits wird sie nicht einmal für das Verrichten ihrer Arbeiten gelobt, sondern immer nur für ihre Fehler getadelt. Sie besitzt gerade mal eine echte Freundin und das ist Edna, die nach ihrem Ausbruch aus der Anstalt mit der Klosterschule einen sicheren Zufluchtsort gefunden hat – zumindest dem Anschein nach. Denn plötzlich taucht Doktor Marcel auf und droht die traute Freundschaft auseinander zu reisen.
Die Geschichte von Harveys Neue Augen ist in drei Kapitel eingeteilt, wobei der titelgebende Stoffhase erst gegen Ende des ersten auftaucht. Achtung, Spoiler: Doktor Marcel hat nämlich das Tier nach Ednas Verschwinden gefunden und will es nun für eine neue wie radikale Erziehungsmethode nutzen. Lilli dient im Laufe des Spiels als erstes Versuchskaninchen und muss fortan mit allerlei Verboten leben. Sobald sie beispielsweise Feuer machen oder einen spitzen Gegenstand nutzen möchte, bekommt sie einen Schlag und wird von einer Harveyvision getadelt. Zum Glück erfahrt ihr ebenso schnell einen Trick, wie ihr diese Verbote aufheben könnt.
Sieht doch alles ganz harmlos aus…
Wie bereits in meiner Preview ausführlich gelobt, ist der Humor des Spiels ein Brett. Speziell im ersten Kapitel passieren Lilli einige, nun ja, “fatale“ Missgeschicke. Würde man diese Szenen real verfilmen, am Ende würde ein Kinofilm ohne Jugendfreigabe bei heraus springen. Die grafische Darstellung in Harveys neue Augen hingegen ist völlig harmlos, weil selbst die allergrößte Katastrophe durch die lustigen Gnome mit ihren rosaroten Farbpinseln zensiert wird. Und diese Zensur ist mitnichten ein Zugeständnis für die liebe, gute, alte USK, sondern in diesem Fall ein erzählerisch sehr wichtiges Stilmittel.
Dazu gehört auch der Erzähler, der sämtliche Aktionen von Lilli kommentiert und für alle Objektbeschreibungen zuständig ist. Das kleine Mädchen selbst bringt nämlich kaum einen Ton heraus. Auch bei den Dialogen mit Edna, den Mitschülern oder der Oberin wird sie stets rüde unterbrochen, was anfangs etwas gewöhnungsbedürftig ist, aber am Ende für einige herrlich lustige Situationen sorgt.
So witzig und abartig zynisch der gesamte Plot auch wirken mag: Am Ende steckt dahinter genau wie in Edna bricht aus ein sehr ernstes Thema, das euch ganz besonders im Nachhinein ins Grübeln bringt. Die Schlusspointe ist nicht die originellste in diesem Lande, aber sie ist passend und erklärt auch die meisten Ungereimtheiten, bei denen ihr euch noch dachtet: “Das ist jetzt aber etwas arg merkwürdig…“. Der einzige Aspekt, der mir an der Geschichte nicht gefallen hat: Das Finale ist viel zu hastig und startet sowie endet viel zu abrupt. Der Monolog, der praktisch die Auflösung verrät, erzeugt einfach nicht die passende Stimmung.
Clevere wie eigenwillige Logik
Davon abgesehen bin ich enorm zufrieden – und das gilt auch für das Rätseldesign. Einige Aufgaben und deren Lösungen sind herrlich abstrus, ohne dass ihr euch als Spieler irgendwie überfordert fühlt. Daedalic Entertainment hat ein echtes Kunststück geschafft: Die Rätsel sind nicht allesamt logisch, aber durchweg nachvollziehbar und die Lösungen nahezu ohne Try & Error erreichbar. Allein der Trick, wie ihr im ersten Kapitel an einen Ballon herankommt, ist eigentlich total unlogisch und dermaßen bekloppt, dass ihr ihn einfach ausprobieren müsst – und genau deshalb ist es mein Lieblingsrätsel. Andere Highlights: Woher kriege ich das nötige Kleingeld zum Poker spielen, wie kann ich die Rollenspielergruppe mit einer einzigen, selbst belegten Pizza zufrieden stellen und woher bekomme ich alle vier Lochkarten, um im Endszenario sämtliche Räume betreten zu können?
Eine Schwäche des Rätseldesign ist deren Linearität: Auch wenn ich mitsamt meinen beiden Adventure-Partnern rein durch Tüfteln anstatt wildes Ausprobieren weiter gekommen bin, so hätten wir nur selten falsche Lösungsalternativen ausprobieren können. Dieses Problem verstärkt sich leider ein wenig im zweiten Kapitel, während es im dritten wieder etwas kniffeliger weiter geht. Unterm Strich ist Harveys Neue Augen ganz klar das einfachste Adventure von Daedalic Entertainment, nicht zuletzt weil in einigen Räumen grafisch zwar viele Gegenstände zu sehen sind, von denen ich als Spieler aber nur erstaunlich wenige anklicken darf. Allerdings ist dies nicht zwingend ein Makel, denn zuvor galten die Produkte des deutschen Entwicklers als eher zu schwer.
Tu dies nicht, tu das nicht
Der letzte Kritikpunkt, den ich aufführen möchte, bezieht sich auf das angedeutete Verbotssystem: Wie gesagt müsst ihr im Laufe des Spieles nach und nach die euch auferlegten Verbote rückgängig machen. Darüber hinaus erklärt euch ein Tutorial, dass ihr immer nur ein Verbot zur gleichen Zeit deaktivieren dürft. Nach der Previewversion, die die Hälfte des Spiels umfasste, mutmaßte ich, dass daraus zwangsläufig ein Konflikt entstehe, z.B. das ich gleichzeitig mit Feuer und einem spitzen Gegenstand hantieren müsse und dies aufgrund der genannten Einschränkung nicht so leicht sei. Doch diese Chance haben die Entwickler nicht genutzt: So ist es einfach nur etwas lästig, zwischen den Verboten schalten zu müssen – auch wenn dies aufgrund einer sehr komfortablen Benutzerführung eine Sache von zwei Sekunden darstellt und ein Wechsel selbst im Laufe eines Dialoges möglich ist.
Damit ich dieses Thema ebenso abhacken kann: Die Benutzerführung lässt keine Wünsche offen und geht im Vergleich zu anderen Point‘n‘Click-Adventures keine Experimente ein. Besonders toll: Ich kann fast jede Aktion abkürzen oder vollständig abbrechen, von einer zeitkritischen Passage abgesehen (Stichwort Boot fahren). Die Grafik ist technisch gesehen bedeutend besser als jene in Edna bricht aus, speziell was die Animationen anbelangt. Musik gibt es nur wenig zu hören, dann jedoch in guter Form - das Titellied “Nadel und Faden“ hat es mir ganz besonders angetan. Und das absolute Highlight ist natürlich die Sprachausgabe auf Weltklasseniveau. Allein Götz Otto als Erzähler ist unschlagbar, genauso wie Irmgard Jedamzik als Oberin Ignatz und Sinikka Compart als Kantinenfrau Doris (die übrigens verdächtig nach Kathrin “Coldmirror“ Fricke klingt).