Leben, um zu Überleben
Trostlosigkeit nach der Katastrophe.
Hand hoch: Wer kennt SOS: The Final Escape? Dieses Spiel erschien 2002/2003 für die PlayStation 2, ein paar Jahre später kam gar ein Nachfolger unter dem Titel Raw Danger! hinterher. Der dritte Teil blieb Japan-only – kein Wunder, denn die Verkaufszahlen beider Survival-Games waren mäßig. Das Konzept der Spiele: eine Katastrophe überstehen. In einem Fall war es ein Erdbeben, im anderen eine Flut, der ihr trotzen musstet. Ihr wart dazu verdammt, viel zu klettern, viel über schmale Plattformen zu balancieren und ständig auf wegbrechende Fußböden zu achten.
I Am Alive von Ubisoft ist von dieser Idee nicht weit entfernt, nur wirkt es bedeutend ausgereifter als die technisch schwachen Vorläufer von Irem. Der Plot: Der Held ist auf der Suche nach Frau und Kind, zu denen er vor einem Jahr den Kontakt verloren hatte. Damals kam es zu einer großen Katastrophe, die sämtliche Landstriche verwüstete und viele Orte völlig zerstörte. Erst jetzt hat er es überhaupt geschafft, seine Heimatstadt zu erreichen, dort wo er seine Familie vermutet. Und ihm bietet sich ein Bild des Grauens: In den Straßen klaffen riesige Abgründe, kaum eine Häuserwand steht mehr intakt und die Luft wird von einem grau-braunen Nebel durchzogen.
Ein echtes Survival-Konzept
Ein Held auf der Suche nach seiner Familie.
Das Spiel ist eingeteilt in mehrere kleine Kapitel, die jeweils gut eine halbe bis ganze Stunde Spielzeit in Anspruch nehmen sollen. Der erste Kicker: Es gibt eine Lebensanzahl. Sollte euch diese innerhalb eines Kapitels ausgehen, dann dürft ihr es von vorne beginnen. Diese konservative Designphilosophie wurde bewusst gewählt, um dem Spieler zu sagen: Ey, pass auf, wo du hintrittst.
Und dabei bleibt es nicht: Ihr wollt eine große Häuserwand empor klettern? Kein Problem, solange eurem Helden nicht die Puste ausgeht. Erlischt jedoch die letzte Reserve eures Ausdauerbalkens, dann müsst ihr euch selbst sprichwörtlich anstrengen: Wie bei einem Olympiade-Spiel haut ihr während des Kletterns so schnell es geht auf eine Schultertaste, in der Hoffnung damit die letzten paar Meter überbrücken zu können. Geht euch dabei die Kraft aus und ihr könnt nicht mehr mithalten, dann stürzt euer Alter Ego ab.
Zudem ist auch dieser Trick zeitlich begrenzt und mit einer weiteren Gemeinheit des Spiels verknüpft: Mit jeder Sekunde, die ihr auf diese Weise überbrückt, reduziert sich der Maximalwert eurer Ausdauerenergie. Das heißt, sobald ihr wieder auf festem Boden steht, regeneriert sie sich nur bis zu einem gewissen Punkt zurück. Um den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen, benötigt ihr etwas Essen oder Getränke. Oder ihr taktiert völlig anders und setzt auf halbem Kletterwege einen Kletterhaken ein. An diesem könnt ihr euch beliebig lange ausruhen. Der Haken an dem Haken: Die Dinger sind rar…
Die mir gezeigten fünf Kapitel spiegelten eine beklemmende Atmosphäre wider. Zum einen ist die Grafik zwar nicht besonders abwechslungsreich oder technisch brillant, aber sie wirkt stimmungsvoll und erledigt somit ihren Job. Zum anderen vermitteln die angesprochenen Einschränkungen bezüglich Ausdauer, wenig vorhandener Objekte sowie begrenzter Lebensanzahl durchaus einen hilflosen Eindruck. I Am Alive ist kein Mainstreamspiel, das ihr so mir nichts dir nichts durchzocken sollt. Es belohnt den vorsichtigen Zocker und den aufmerksamen Entdecker, der durchaus gewillt ist, etwas Arbeit zu investieren.
Potenzielle Frustgefahr…?
Einer allein ist noch relativ harmlos...
In einem Punkt habe ich noch meine Zweifel, ob ich das Spiel ohne Wutschreie überstehen werde: Mehrfach suchte ich und ein Branchenkollege verzweifelt nach dem richtigen Weg, wie und wo es nun weiter gehe. In den meisten Fällen übersahen wir ein dunkles Rohr zum Klettern, befestigt an einer kaum helleren Wand. Erneut spricht Ubisoft von Absicht, hier keinen auf Mirror’s Edge zu machen und dem Spieler mit grell leuchtenden Hinweisen auf die Sprünge zu helfen. Ihr sollt euch anstrengen – die Frage ist nur, ob ihr dies auch in den Gebieten mit giftigem Nebel wollt, in denen ihr euch nur kurze Zeit aufhalten dürft…
Ebenfalls zweischneidig sehe ich die Kämpfe: Ab und an begegnet ihr in den menschenleer wirkenden Gebieten einer Bande aggressiver Raufbolde, die jeden Fremdling angreift sowie ausknockt. Erneut ist es den Entwicklern wichtig, ein Gefühl von Realismus zu erzeugen. Rennt beispielsweise eine Dreiergruppe auf euch zu, dann müsst ihr diese mit gezielten Schüssen eurer Pistole und/oder treffsicheren Faustschlägen niederstrecken. Geht mal was daneben, dann ist die Gefahr sehr groß, dass ihr überrumpelt werdet – denn andersherum benötigen die Gegner ebenfalls nur einen gut platzierten Hieb.
Von dieser unbarmherzigen Agenda abgesehen, die zusammen mit der begrenzten Lebensanzahl für potenziell zerstörte Joypads sorgen könnte, gefällt mir die K.I. Diese besitzt nämlich Charakter: Macht bei einer Feindgruppe den Anführer aus, der wohl etwas weiter hinten steht und seine Lakaien nach vorne stürmen lässt. Erschießt ihn gezielt und die Gangmitglieder werden automatisch eingeschüchtert sein. Danach haltet ihr die Waffe auf jeden einzelnen von ihnen und hofft, dass sie klein beigeben, die Hände hochnehmen sowie mit den Knien zu Boden gehen. Überreizt ihr jedoch die Situation, dann kann durchaus ein Feind eure Drohgebärden ignorieren und trotzdem auf euch losgehen – im ungünstigen Fall, wenn ihr gerade nicht damit rechnet.
Ausblick
Bloß nicht nach unten schauen!
I Am Alive wird definitiv ein Nischentitel – vermutlich deshalb erscheint es als Download-Titel und nicht in Retail-Form. Begrenzte Lebensanzahl, die unbarmherzige Ausdauerenergie, wenig hilfreiche Objekte, aggressive Gegner, schwer sichtbare Wege, wo und wie es nun weitergehen soll: Das sind alles Punkte, die der Feierabendzocker nicht gebrauchen kann. Wer aber eine Herausforderung sucht und es überhaupt interessant fände, in einer zerstörten Stadt viel klettern zu müssen, der sollte sich das Spiel vormerken. Von der Präsentation wird es zwar kein Kracher, aber die Atmosphäre ist durchaus gegeben und der Nervenkitzel schön spürbar.
Mein Tipp an die Entwickler: Ein alternativer Schwierigkeitsgrad für die bereits von Anfang an biestig wirkenden Kämpfe wäre vielleicht eine nette Sache – und ich hoffe, dass auch in den späteren Kapiteln weitere Spielelemente auftauchen. Nicht, dass es I Am Alive am Ende an Abwechslung mangelt…