Anders herum
Davis, Leo und jede Menge Lutadores - das ist das, was man in Inversion zu sehen bekommt.
Zwei Kerle, eine Mission: Davis' Tochter suchen und retten, bevor das kleine Mädchen inmitten der brachialen Lutadores-Invasion das Zeitliche segnet! Der väterliche Beschützer-Instinkt ist es, der Zivilcop Davis am Leben hält. Einen anderen Sinn sieht er in diesem Leben nicht mehr. Das verwundert wenig angesichts der katastrophalen Lage, in der sich die Welt befindet. Die Lutadores, eine fremde und aggressive Alien-Rasse, belagern die Erde, versklaven und töten die Menschen, entführen die Kinder. Alles geht zugrunde: Wolkenkratzer brechen auf die Straßen nieder, der Asphalt teilt sich, gähnende Abgründe tun sich auf, Vanguard wird vollständig zerstört. Inmitten der Ruinen der Stadt machen sich Davis und sein Kollege Leo auf die Suche nach dem kleinen Mädchen. Inversion erzählt beileibe keine Story, an die ich mich in einigen Monaten noch erinnern werde. Aber sie ist grundsolide und reicht als Motivationsquelle neben der Action völlig aus. Grundsolide ist auch genau das richtige Wort für den Rest des Spiels, denn obwohl der Third-Person-Shooter auf den ersten Blick innovativ anmutet, entpuppt er sich bei näherer Betrachtung als erstaunlich klassisch. Aber klassisch ist ja nicht zwangsläufig schlecht. Und von schlecht ist Inversion ohnehin ziemlich weit entfernt.
Gib mir Deckung, ich laufe eben die Wand hoch und schaue mich um!
Das mehr oder weniger besondere Element des Spiels ist der Umgang mit der Gravitation. Unsere beiden Helden finden nämlich bereits nach kurzer Zeit den so genannten Gravlink, ein Gerät, mit dem sich die Schwerkraft gezielt manipulieren lässt. So kann man die Anziehungskraft der Erde erhöhen, wodurch schwere Objekte nach unten gerissen oder Gegner an den Boden gekettet werden, oder sie aufheben, was im Gegenzug bewirkt, dass alles frei im Raum herumschwebt - das ist dann quasi Schwerelosigkeit. Doch wer nun denkt, schon ab wenigen Minuten mit dem Gravlink experimentieren zu dürfen, hat sich geirrt, denn ähnlich wie in einem Metroid verliert man alle Upgrades für das Gerät und darf sie sich erneut zusammen suchen. Übrigens werden die zwei verschiedenen Typen der Gravitations-Manipulation in rot und blau dargestellt - das erinnert ein wenig an Cole McGrath aus inFamous. Mit der Zeit lernt man einiges dazu und beherrscht es nach einer Weile auch, große Objekte wie zum Beispiel Autos hochzuheben, mit sich zu tragen und sie dann mit voller Wucht fortzuwerfen - Star Wars: The Force Unleashed lässt grüßen. Doch so schön, kreativ, außergewöhnlich und spannend das auf dem Papier klingt, in der Praxis ist von dieser Faszination nur sehr wenig zu spüren. Die Möglichkeiten, die der Gravlink bietet, sind nahezu unerschöpflich. Allerdings geht Inversion nicht den Weg von Spielen wie Red Faction: Guerilla oder Armageddon, sondern den von Fracture. Anders ausgedrückt: Das Feature ist nicht frei anwendbar. Stattdessen wirkt es nur bei bestimmten, vorgegebenen Gegenständen und sonst nur an den dafür vorgesehenen Stellen.
Star Wars? Die Macht lässt grüßen.
Der Multiplayer ist überflüssig.
Auch die restlichen Spielereien mit der Schwerkraft, die in der Theorie und auf dem Cover so gut aussehen, sind mehr Schein als Sein. Es wäre zu schön gewesen, frei zu entscheiden, ob ich nun am Boden, der Wand oder der Decke entlanglaufen möchte. Aber Inversion macht es sich ziemlich einfach und baut diese gescripteten Passagen einfach in den sowieso schon streng linearen Spielverlauf ein, anstatt mir die Wahl zu lassen, wie ich vorgehen möchte. Die Freiheit eines Gravity Rush werdet ihr hier also definitiv nicht finden. Letztendlich ist Inversion nämlich nicht mehr als ein sehr traditioneller und etwas abwechslungsarmer Third-Person-Shooter mit gelungenem Deckungssystem und dem kleinen Bonus des Gravlinks. Es fehlen Alleinstellungsmerkmale und besondere Eigenschaften, um das Spiel aus der Masse hervorzuheben. Gerade im Vergleich zu Spec Ops: The Line, das ich parallel dazu gespielt habe, wirkt Inversion inspirationslos und gewöhnlich, obwohl es eigentlich dank seines Gravlinks genau das Gegenteil hätte sein können. Die Präsentation kann nicht einmal ansatzweise mit der des Wüsten-Shooters mithalten, das Waffen-Feedback ist verbesserungswürdig, die KI noch blöder - eigentlich könnte man den Namco-Bandai-Titel getrost links liegen lassen. Doch dabei vernachlässigt man die guten Seiten, die das Spiel auf jeden Fall besitzt.
Wann kommen denn nun endlich Marcus Fenix und Dom um die Ecke?
Obgleich sich Inversion bei der Präsentation, Story und sogar dem Gegnerdesign schamlos bei Gears of War bedient und spielerisch nicht die Fülle an Möglichkeiten erreicht, mit der mich ein jedes Red Faction begeistern konnte, ist es kein schlechtes Spiel. Die Shooter-Mechanik funktioniert dank eines überzeugenden Cover-Systems gut, die Waffen-Auswahl ist gelungen, der Gravlink fügt immerhin noch eine nette Note hinzu, um das Gebotene nicht völlig fade schmecken zu lassen. Im Kern ist Inversion ein Spiel wie Fracture oder Dark Void - eines, das viel Potential mit sich bringt, gute Ideen besitzt, letztendlich aber dank einer unambitionierten Umsetzung weit unter seinen Möglichkeiten bleibt. Es ist auch ziemlich schade, dass der angekündigte Coop-Spielmodus der Kampagne unter den Tisch gekehrt wurde und, obwohl entsprechende Achievements vorhanden sind, zumindest aktuell nicht im Spiel enthalten ist. Ich vermute, dass er später als DLC nachgeliefert wird. Sollte er kostenlos sein (alles andere wäre eine Frechheit), dürft ihr der Gesamtnote unter dem Fazit eventuell einen Punkt hinzurechnen, denn ich kann mir sehr gut vorstellen, dass Inversion im Coop mehr Spaß bereitet als alleine. Einen Multiplayer-Modus, den man online mit bis zu sieben anderen Spielern angehen kann, gibt es auch im Paket, dieser kann allerdings ignoriert werden. Warum? Er bietet - wie so oft - nicht viel mehr als die allgemein bekannte Sammlung aus Deathmatch, Team-Deathmatch, King of the Hill und so weiter und so fort, leidet aber zusätzlich noch unter leeren Servern und einem Mangel an Personalität. Hier bietet die Konkurrenz bessere Alternativen. Saber Interactive hätte die Ressourcen lieber in die Kampagne investiert und den kooperativen Modus gleich zum Launch mit angeboten.
Vielleicht habt ihr euch ja schon gefragt, warum Inversion denn nun eigentlich nicht in Deutschland veröffentlicht wird. Die Antwort fällt mir schwer, denn im Grunde gibt es im Spiel wenig, das gegen eine Veröffentlichung spricht. Ehrlich gesagt hätte ich sogar eine Freigabe ab 16 Jahren nachvollziehen können. Doch die Entwickler haben sich das wohl durch unnötig explodierende Köpfe und abtrennbare Gliedmaßen selbst zuzuschreiben, denn diesen Gewaltgrad braucht hier niemand, zumal es nicht einmal spielerische Vorteile dadurch gibt - das rettete beispielsweise Dead Space. Aber es ist exemplarisch für ein Spiel, das irgendwie von allem etwas bieten will, aber daran kläglich scheitert.