Comeback der Dinos
Gedanken eines Söldners: Wäre ich doch bloß daheim geblieben...
Jurassic Park: eine Insel voller Dinosaurier, die als Touristenattraktion herhalten soll. Auf solch aberwitzige Ideen kommt nur der Mensch – und dank Spielberg, Crichton & Co. wissen wir gleichwohl, welch immense Gefahren hinter einem solchen Unterfangen stecken. Das Spiel von Telltale spielt irgendwann kurz nach dem ersten Film, als die Saurier bereits außer Kontrolle geraten sind. Ihr übernehmt abwechselnd mehrere Rollen, darunter die von Gerry Harding (der Chef-Tierarzt, der eigentlich nur seiner Tochter Jess den Park vorführen möchte), Nima Cruz (die im Auftrage von BioSyn eine Dose voller Embryos heraus schmuggeln soll) sowie die Söldner Yoder und Oscar (welche von InGen beauftragt wurden, die verbliebenen Menschen von der Insel zu evakuieren).
Durch das stetige Abwechseln der zu steuernden Spielfigur entwickelt sich die Geschichte naturgemäß in verschiedene Richtungen. Genau genommen dauert es einige Zeit, bis sich überhaupt alle Protagonisten begegnen und anschließend gemeinsam von der Insel zu flüchten versuchen. Insgesamt möchte ich den Plot als guten Durchschnitt bezeichnen: Er ist durchaus schlüssig, trotz der vielen Charaktere übersichtlich strukturiert und phasenweise spannend. Aber insgesamt zu vorhersehbar und ohne echte Überraschungen. Einige Konversationen ufern zudem dermaßen in Laberlastigkeit aus, dass es im Kontext der allgegenwärtigen Gefahr mehr als albern wirkt.
Geklautes Konzept…
Ich will dir fressen!
Kommen wir zurück zur Einleitungsfrage: Wie hat man sich ein Jurassic-Park-Adventure vorzustellen? Auf dem Mega CD gab es gar ein solches, nur möchte heutzutage niemand mehr den damals eingesetzten Myst-Renderstil sehen. Nein, Telltale entlieh sich ein ganz anderes Konzept – oder besser gesagt: Sie haben hemmungslos bei Heavy Rain geklaut. Das gesamte Spiel ist eine Ansammlung aus QTE-Szenen, egal ob ihr vor einem Dino flieht, kämpft, rätselt oder irgendeinen Ort untersucht.
Sprich: Ihr müsst entweder Knöpfchen drücken oder den Analogstick in eine bestimmte Richtung bewegen, um eine Aktion auszuführen – also sofern ihr zu einem Joypad greift, was ich euch dringend rate. Die Unterschiede zu Heavy Rain sind verschwindet gering und gleichen leider allesamt Verschlimmbesserungen. So könnt ihr euch nirgends frei bewegen und nur zwischen wenigen Knotenpunkten springen sowie dort die Kameraansicht ein wenig verschieben, um neue Details zu entdecken. Auch gibt es natürlich keine SIXAXIS-Bewegungsteuerung-Raffinessen, was den Grad der Abwechslung naturgemäß schmälert.
…in mäßiger Ausführung
Dinos unter sich
Ein solches Heavy-Rain-Light würde ich mir noch gefallen lassen, nur hat Telltale absolut kein Händchen für diese Art von Spiel. Der Szenenschnitt ist bei weitem nicht so packend und fühlt sich bedeutend weniger “echt“ an, wie es bei Quantic Dreams Meisterwerk der Fall war. Manche abverlangten Steuerungsmechaniken sind gar richtig dämlich: An einer Stelle soll ich mehrere Fußspuren untersuchen, wobei ich jeden Vorgang durch schnelles sowie wiederholtes Drücken eines Knopfes abschließen muss. Diese Steuerungsmechanik macht z.B. beim Wegrennen Sinn. Aber wieso ich beim gechillten Betrachten von irgendwelchen Dinohandabdrücken zu solch einer Hektik gezwungen werde, ist mir vollkommen unerklärlich.
Jurassic Park – The Game ist die meiste Zeit über kinderleicht, was freilich wieder am Konzept liegt und entsprechend bei Heavy Rain nicht anders war. Nur mangelt es zusätzlich am Umfang (sechs bis maximal sieben Stunden, danach ist Schluss), am Wiederspielwert (verschiedene Entscheidungsmöglichkeiten haben bis auf eine Ausnahme keinen Einfluss auf den Spielverlauf) und eben an der Inszenierung. Nur bei ganz wenigen Actionszenen schraubt Telltale den Schwierigkeitsgrad immens nach oben: Ob ihr eine solche erfolgreich beendet oder nicht, hängt einzig von vereinzelten Situationen ab. Wenn ihr euch bei diesen auch nur einen Fehler erlaubt, dann gilt die Szene als gescheitert. Zum Glück gibt es regelmäßig automatische Speicherpunkte, ansonsten würden diese Try-&-Error-Stellen mehr ätzen als nerven.
Abseits davon ist es praktisch Jacke wie Hose, ob ihr die angezeigten Knöpfe drückt oder Bewegungen ausführt. Ausschließlich eure am Ende vergebene Auszeichnung wird dadurch beeinträchtigt, denn nur wer einen Abschnitt fehlerfrei meistert, der erhält für diesen eine Gold-Medaille.
Schöne Langeweile
Da hilft nur die Flucht
Die Erkundungsszenen sind ähnlich schnarchig: Ihr müsst einfach nur die Gegend absuchen und im Zweifelsfall alle entdeckten Objekte einmal anklicken. Erst später gibt es ganz selten kleine Rätsel, wobei deren Lösung ebenfalls sehr naheliegend sind. In einem ganz bestimmten Fall stirbt die Glaubwürdigkeit zudem einen unschönen Tod: Ihr müsst eine Codenummer für ein elektronisches Schloss herausfinden, wofür im Nebenraum drei Fotos mit jeweils einer möglichen Kombination herumliegen. Der Spielcharakter tippt nun automatisch genau die Nummer ein, deren passendes Foto ihr zuvor an eine Pinnwand geheftet habt. Welches das korrekte ist, hängt wiederum von einer Art Zeittafel ab, die ihr richtig deuten müsst.
Habt ihr euch nun für das falsche Foto entschieden, dann könnt ihr es sogleich austauschen und es somit mit einer anderen Nummer erneut versuchen. Meine ernsthafte Frage: Wieso muss ich überhaupt überlegen, wenn ich sowieso nur drei Wahlmöglichkeiten habe und diese innerhalb einer Minute durchprobieren kann? Und sowieso: Weshalb eigentlich dieser ganze Aufwand mit der Pinnwand? Wäre es nicht viel einfacher, die Spielfigur schnappt sich alle drei Fotos, geht damit direkt zum Codeschloss und tippt alle Möglichkeiten nacheinander ein?
Die Grafik ist auch nicht gerade sensationell, aber tragischer- wie erstaunlicherweise Telltales beste Arbeit in dieser Sparte. Die Charaktere bestehen sichtlich aus Polygonen sowie Texturen, vermitteln jedoch einen attraktiven Comic-Charme. Das Highlight ist ganz klar der Sound: Sowohl die Musik als auch die englische Sprachausgabe bewegen sich im 8 Punkte Bereich. Nur von der deutschen Synchronisation solltet ihr die Finger lassen, denn diese ist grausig schlecht.