Kingdoms of Amalur: Reckoning ist ein deftiges und unkompliziertes RPG-Vergnügen.
Am Anfang seid ihr erst einmal tot. Das heißt natürlich nur solange, bis euch ein genialer Gnom wieder zum Leben erweckt. Logischerweise seid ihr etwas Besonderes und werdet das Schicksal der "Königreiche von Amalur" entscheidend verändern. Zumindest meint das so ziemlich jeder Passant, dem ihr über den Weg lauft. Bis es aber soweit ist und ihr die dickste Rüstung, das größte Schwert oder den mächtigsten Zauberspruch auf eure Feinde abfeuert, müsst ihr euch die Belohnungen schwer verdienen. Ratten, Spinnen, Attentäter und all das sonstige Monstergesocks, das es auch schon in 1000 anderen Rollenspielen gab, wollen euch an den Kragen.
Tja, so ist es leider. Wenn es einen Preis für das austauschbarste Action-RPG des Jahres geben würde, ginge er an Kingdoms. Kurios daran: Es macht trotzdem Spaß! Auf euch warten gut 200 Stunden Spielzeit mit unzähligen Quests, massig Monstern und noch mehr Schätzen. Tatsächlich ist das Spiel nämlich kein weiteres episches Action-RPG wie Skyrim, sondern eine Art Third-Person-Diablo.
Alles wie gehabt
Kurz, nachdem ihr wiederbelebt wurdet, geht es ganz klassisch mit der Charaktergenerierung los. Ihr könnt dabei aus vier Völkern wählen, die zwar alle klangvolle Namen wie Varani oder Ljosalfar haben, aber im Grunde alte Bekannte sind - Menschen, Elfen, Nordmänner. Nach dem Anpassen eures Aussehens, geht es los mit dem ersten Dungeon. In dem Tutorial lernt ihr die grundlegende Steuerung kennen. Besonders kompliziert haben es die Entwickler aber nicht gemacht: Nahkämpfe werden durch Tastenkombos ausgelöst, und bei Magieangriffen muss zuerst die rechte Taste auf dem Gamepad gedrückt werden, um das entsprechende Menü anzuzeigen. Daneben weicht ihr per Rolle einem Angriff aus oder blockt ihn mit einem Schild. Eine Besonderheit ist der Schicksalsangriff: Mit jedem Kampf lädt sich euer Vorrat auf. Einmal aktiviert, erinnert dieser Kampfmodus an die allseits bekannte Bullet-Time. Das Bild verfärbt sich und eure Gegner greifen nur noch in Zeitlupe an. Wenn ihr es nun geschickt anstellt, verdoppelt ihr in solchen Momenten eure Erfahrungspunkte.
Im späteren Spielverlauf wird die Grafik abwechslungsreicher.
Auch Bogenschießen, Schleichen und Meuchelmorde (nur mit Dolchen möglich) lernt ihr so kennen. Alles in allem wird die Beherrschung dieser Aktionen keinen Spieler überfordern. Was aber auch jetzt schon auffällt: Es gibt viel zu looten. Egal ob Truhen, Leichen oder ein paar Holzkisten - Kingdoms erinnert in diesen Momenten sehr an Diablo. Doch ist das Inventarmanagement bei dieser Masse unpraktisch. Ihr müsst euch nämlich umständlich durch eine Liste klicken, anstatt euren Charakter auf einem Schaubild auszustatten.
Die teils langwierigen Gespräche erinnern wiederum an Dragon Age. Zwar könnt ihr auch hier Entscheidungen treffen und Details über die Spielwelt erfahren, aber mit zunehmender Spieldauer werden sie eher zu einer notwendigen Pflichtaufgabe, als zu einer spannenden Unterhaltung.
Es war einmal ein MMO
Habt ihr diese erste Aufgabe überstanden, landet ihr in einem ziemlich bunten Wald und damit wird die größte Schwäche des Spiels deutlich: Alles, aber auch wirklich alles, wirkt wie schon 1000 Mal gesehen. World of Warcraft, Dragon Age & Co. geben sich hier die Hand. Man kann kaum glauben, dass hier ein Künstler wie Todd McFarlane (Spawn) für das Art-Design zuständig war. Aber auch eine kleine Entwarnung: Amalur ist riesig und später wird es origineller. Trotzdem müsst ihr erst durch dieses Gebiet. Und das kann lange dauern. Ihr werdet nämlich mit Quests derart zugeschüttet, dass ihr durchaus eure Hauptquest - wer bin ich, Rettung der Welt, blablabla - aus den Augen verliert. Obwohl es bei diesen Aufgaben meist um das Töten oder das Besorgen bestimmter Gegenstände geht, erzählen sie auch kleine Geschichten. So sollt ihr gleich zu Anfang für Gleichberechtigung sorgen und eine Priesterin in einem stockkonservativen Kloster unterbringen.
Die Entwickler spendieren den Spielern eine große Welt zum Erkunden.
Welchen Weg ihr dabei geht, bleibt euch überlassen. So könnt ihr stur der Hauptquest folgen oder abzweigen und gleich zu Beginn ein eigenes Haus geschenkt bekommen, das ihr sogar upgraden könnt. Überhaupt gibt es neben dem Kämpfen einiges zu tun: Pflanzen und Mineralien sammeln, Getränke brauen, Waffen und Rüstungen herstellen - all das deutet auf typisches MMO-Gamedesign hin. Gerüchteweise war Kingdoms nämlich als Onlinespiel geplant und angeblich arbeiten die Entwickler von 38 Studios bereits an einem entsprechenden Ableger.
Freie Klassenwahl
Nachdem ihr schließlich ein paar Feinde besiegt habt, landet ihr unweigerlich im Charaktermenü und müsst euren Levelaufstieg meistern. Dort bekommt ihr etwas von der großen Stärke des Spiels zu spüren: die freie Charakterentwicklung. Ob ihr "nur" ein Kämpfer werden wollt oder ein Dieb mit Magiefähigkeiten, das bleibt euch überlassen. Ihr vergebt pro Levelaufstieg einen Punkt in euren Basisattributen wie Alchemie, Schlösserknacken oder Wahrnehmung. Danach gibt's drei Punkte für die Kampffähigkeiten Macht, Finesse und Magie. Dadurch schaltet ihr passive Boni oder neue Angriffstechniken frei. Eine nette Idee sind die sogenannten Schicksalskarten. Mit ihnen könnt ihr eurem Helden eine Art Klasse zuweisen, aber effektiv springen dabei nur Boni für die drei Kampffähigkeiten heraus. Platz zum Experimentieren bleibt trotzdem. Wenn sich nämlich der gewählte "Weg" als Sackgasse entpuppt hat, macht ihr bei einem NPC einfach alles rückgängig.
Technisch spielt Kingdoms nicht in der Oberliga. Zwar ist die Welt schön bunt, aber es fehlt an Details. Richtig gelungen sind eigentlich nur die spektakulären Kampfanimationen. Wenn ihr einem Gegner erst ordentlich eins verpasst, ihn in die Luft werft und ihm dann noch einen Blitz "spendiert", dürfte das euer Hack'n'Slay-Herz befriedigen. Dabei fällt nicht ins Gewicht, dass die Kameraführung etwas hakelig ist und ihr nachjustieren müsst - die Schlachten funktionieren und liefern genau das, was die Entwickler offensichtlich wollten: schnelle, unkomplizierte Action.
Die PC-Fassung ist grundsätzlich etwas hübscher, aber dagegen fällt auf, dass die Maus/Tastatursteuerung keine großen Vorteile bringt. Bei einem Action-RPG kann man den Faktor "Genauigkeit" sowieso vernachlässigen, und alle Menus sind mit ihrer Listenstruktur an ein Gamepad angepasst.