
Spiel mir das Lied vom Deathmatch

Wie kann man groß angelegte Werbekampagnen von Mitbewerbern nutzen, ohne sich selbst allzu tief in Unkosten stürzen zu müssen? Ganz einfach: Man wartet ab, bis ein Entwickler wieder ein glühend heißes Eisen im Feuer hat, analysiert den Hype und schickt dann einen kleinen Genreverwandten mit ähnlichem Hintergrund vor. Natürlich zu einem moderaten Kaufpreis, um dem großen Titel der anderen nicht den Erfolg streitig zum machen. Da eine kleinere Produktion relativ schnell im Kasten ist, kann man sein Produkt noch vor dem potenziellen Überflieger auf dem Markt platzieren und braucht sich nicht den Vorwurf gefallen lassen, im Fahrwasser der Großen schwimmen zu wollen. Bei Filmen funktioniert das normalerweise andersherum: Zuerst der Blockbuster, dann die Genre-Nachzügler. Dennoch braucht sich Lead and Gold: Gangs of the Wild West nicht den Stempel „Exploitation-Gaming“ aufdrücken zu lassen. Schließlich steht Spielspaß im Vordergrund, den dieser kleine Gruppen-Shooter genauso rüberbringt wie die Großen.
Pixel pflastern ihren Weg

An die Hufe von Red Dead Redemption geheftet, bewegt sich Lead and Gold ebenfalls in die Zeit, als die USA noch eine junge Nation war, deren Siedler das Land gerade erst zu besiedeln versuchten. Dass die Programmierer sich eng an den vielen Western-Vorlagen halten, merken Kenner bereits am Titel-Soundtrack: Er scheint direkt aus der Feder von Ennio Morricone zu stammen und macht gleich wieder Lust, die eigene DVD-Sammlung nach den Juwelen von Corbucci, Leone oder John Ford zu durchforsten. Wer sich dann an dem Begrüßungstune satt gehört hat, wählt Server und Spielmodus aus. Insgesamt stehen dafür sechs Modi zur Auswahl, die sich allesamt an den gängigen Shooter-Varianten orientieren. Mal muss ein Sack Gold geklaut und in die eigene Sicherheitszone gebracht werden, dann wieder typische Pistolenscharmützel zwischen einzelne Posses ausgetragen werden. Auch die Zerstörung oder der Schutz von Anlagen steht auf dem Plan. Leider ist die Auswahl auf den Servern nicht immer so wahnsinnig groß, da nimmt man schon mal, was man kriegen kann – und auch eine vernünftige Pingzahl verspricht. Das ist nämlich ein ziemlich unangenehmes Problem bei dem Spiel. Lags machen die Runden zwar nicht unspielbar, lassen aber so manchen eindeutigen Blattschuss in die Binsen gehen. Natürlich haben die Zocker mit der stabileren Verbindung dadurch einen Vorsprung. Dabei ist Zusammenspiel hier oberstes Gebot – Die Trapperin stellt Fallen und erlegt herannahende Gegenspieler mit dem Bärentöter, auf dem ein Zielfernrohr montiert wurde, der Hilfssheriff ist ein brauchbarer Allrounder mit Winchester, der Minenarbeiter stoppt im Nahkampf mit Schrotflinte und Sprengstoff alles, was sich bewegt und der flinke Gunslinger kann mit seinen Schnellschussrevolvern ebenfalls äußerst unangenehm werden.
Vier Server für ein Halleluja

Wenn aber ein stabiler Server gefunden wird, gibt’s wenig an dem Spiel herumzumosern. Die Grafikengine verrichtet einen guten Dienst, bietet Tiefenschärfe-Effekte beim Zielen, hübsch durchdachte Spielplätze für schießwütige Outlaws und fließende Animationen. Wen stört es da, wenn heutzutage schon ein höherer Detailgrad möglich ist? Die Multiplayer-Gemeinde am allerwenigsten. Auch die Sounds kommen glaubwürdig daher, lassen Querschläger absolut westerntauglich aus den Boxen springen und rufen allerhand Kindheitserinnerungen wach, als man noch gebannt vor der Glotze die Abenteuer von Fuzzy oder Zorro in der TV-Serie „Western von Gestern“ verfolgte. Ein weiteres Lob geht an die witzige Idee mit den Synergie-Effekten: Jede Klasse hat individuelle Talente und Eigenschaften, von denen auch die anderen Gangmitglieder profitieren. Dafür reicht es, sich einfach in der Nähe eines Mitspielers aufzuhalten. Wer also einen Minenarbeiter aufsucht, bekommt einen Bonus auf seinen Energievorrat, der Revolverheld erhöht die eigene Präzision und die Gegenwart einer Trapperin hat positive Auswirkungen auf kritische Treffer. Beim Hilfssheriff gehen dafür die Werte für angerichteten nach oben. Wenn sich also ein klug abgesprochenes Team herausgebildet hat, ist eine Dominanz im Wilden Westen also keine Zauberei mehr. Wie so häufig ist auch hier der Klassenunterschied deutlich an der Balance zu merken: Ein Trapper kann mit einem einzigen Fernschuss ein gesamte Posse in Schach halten, wohingegen der Gunslinger mit seinen Schnellschussrevolvern erst einmal die Distanz zum Gegner überwinden muss. Wenn nun also zwei geübte Sniper auf einen Haufen normalbegabter Allrounder treffen, so kann das schon zu recht frustrierenden Ergebnissen führen, wenn sie die mobile Respawnzone der Gegner kontinuierlich beharken. Wer sich also die Mühe macht und Taktiken erarbeitet, bekommt mit Lead and Gold einen Mehrspieler-Shooter, der immer wieder für ein schnelles Match gut ist – am liebsten natürlich mit einem wilden Haufen verwegener Kumpels, auf die beim Pferdestehlen immer Verlass ist.
Fazit

Wer sagt denn, dass Spiele der moderaten Preiskategorien immer nur den Bodensatz der digitalen Unterhaltungskunst darstellen müssen? Oder dass Shooter immer aus Weltkriegs- oder Terrorbekämpfungsszenarien bestehen sollen? Lead and Gold bietet ein nicht alltägliches Szenario, gut durchdachte Maps und rasant inszenierte Teamplayer-Action. Verpackt wird der Western-Eintopf in stimmige Grafik, schöne Soundkulisse und Mehrspieler-Standards wie Eroberung, Deathmatch oder Team-Deathmatch. Am Balancing hätte gerne noch ein wenig gefeilt und die Spieler-Lobby ein bisschen komfortabler gehalten werden können, damit der Mannschaftsspaß nicht in Online-Frust ausartet. Auch einen stabilen Netcode vermissen Onliner hier sicher schmerzlich. Manche Runden sind durchsetzt von höchst nervigen Lags. Das hängt auch davon ab, wer gerade die Partie hostet. Schon klar, dass deutsche Spieler das Nachsehen haben werden, wenn irgendwo in Wladiwostok ein Nachwuchs-Eastwood zum Mittagsmahl mit blauen Bohnen einlädt. Westernfans finden hier alle Elemente, die sie auch an den Bildschirm fesseln, wenn Clint Eastwood verstaubt vom Wüstenritt über die Leinwand trottet. Somit erfüllt der Titel seine Aufgabe wirklich gut: schnelle, simple Feuergefechte mit Winchester und Peacemaker aus den Prozessoren zu locken. Als Appetitanreger für Red Dead Redemption taugt Lead and Gold allemal – eine ernsthafte Konkurrenz für das Open-World-Monument darf hier aber beim besten Willen niemand erwarten.