Schaut gefälligst auf die Action und nicht auf Juliets Hintern!
Halt! Stop! Alle mal herhören: Es sei gesagt, dass der Prolog zu Lollipop Chainsaw die wohl mieseste Einführung in ein neues Videospiel seit E.T. auf dem Atari 2600 ist! Dabei ist man von der durchgeknallten Gruppe der Grasshopper Manufacture um Suda 51 anderes gewohnt. Siehe Killer 7. Siehe No More Heroes - Desperate Struggle. Siehe Shadows of the Damned. Aber gut. Die erste halbe Stunde fragt ihr euch sicherlich, was das soll, weshalb ein Prolog dermaßen uninspiriert, unintuitiv und optisch mau daherkommt, dass es zum Davontraben ist. Doch ebenso sei euch versichert: Was danach kommt, das ist ganz großes Kino. Wenn auch nur für wenige Stunden...
Gestatten? Juliet Starling, Zombiejägerin.
Die Unschuld vom Lande? Na klar! ^^ */ironieoff*
Den 18ten Geburtstag hat sich Juliet Starling sicher anders vorgestellt. Lasziv räkelt sie sich auf ihrem Bett, lamentiert über ihren "fetten" Hintern (das Pony hat einen fetten Hintern, aber doch nicht Juliet - Anm. der Red.) und dessen Ursache - Lollipops. Von denen kann sie nicht genug bekommen und gleicht das Defizit hoher Kalorienzufuhr durch ausgedehntes Training und einen skurrilen Nebenjob aus. Sie ist Zombiejägerin. Wie ihre beiden älteren Schwestern und ihr Vater. Doch während diese Art von Beruf als überflüssig in der Gesellschaft gelten kann, ist die Notwendigkeit erst zu erkennen, wenn die Welt ins Chaos abdriftet. Wie eben am Geburtstag von Juliet. Da bricht die sprichwörtliche Hölle über sie herein und die San [John] Romero High School wird von Untoten überrannt. Als dann noch ihr neuer Boyfriend Nick beim Versuch, Juliet zu retten, von einem der Halbverwesten gebissen wird, scheint der Geburtstag endgültig versaut. Doch! Das ist erst der Anfang, und mit Hilfe eines Rituals wird Nick wieder zum Leben erweckt, wenngleich ihn das Prozedere zum körperlosen Dasein als Kopf verdammt. Dem Verursacher der Zombieflut auf den Fersen und den Kopffreund am Gürtel baumelnd schwingt sie die Kettensäge gegen die Zombies. Hunderte. Tausende. Eine gefühlte Million. Und lässt statt Blut bunte Herzchen über den Bildschirm sprühen. Allerliebst.
Was zunächst wie Langeweile vom Fließband klingt, ist ein Feuerwerk der Kreativität, das den Vorgängerwerken in nichts nachsteht. Da wird nicht einfach die Kettensäge geschwungen, sondern Zombies gegeneinander ausgespielt, Zombiebasketball gespielt, Nicks Kopf als Bowlingkugel missbraucht, selbiger auf den Körper eines Untoten gesetzt, um schwere Hindernisse zu beseitigen. Juliet selbst muss sich in zahlreichen Quick Time-Events bewähren, die vom Aufstehen nach einem Niederschlag über das Zerschneiden von Hindernissen bis zum Ausweichen von umherfliegenden Objekten wie Autos reicht. Mit einer solchen Bandbreite ist der gesamte kreative Rahmen noch immer nicht vollständig ausgeschöpft. Wie schon in Shadows of the Damned oder No More Heroes sind die Bosskämpfe das Salz in der Suppe und verlangen eine Menge Ausdauer von euch ab, daneben analytisches Verständnis, um den jeweiligen Bossgegner in die Knie zu zwingen. Unfair wird es dabei in den seltensten Fällen, weder in den normalen Leveln, noch in den Endkämpfen. Nur...
Zed ist der erste Bossgegner und erst der Anfang dessen, was euch an kranken Konfrontationen begegnet...
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Guck guck! Zugegeben: Wären wir der Zombie, in uns würde angesichts dieses Anblickes das Leben wieder Einzug halten...
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Zicke Juliet
... wenn die Steuerung bockt, wird es frustrierend. Julie ist Nahkämpferin durch und durch und entsprechend wichtig ist eine direkte, akkurate Steuerung, die ohne Schnickschnak oder spürbare Lags daherkommt. Was euch geboten wird, ist manchmal nicht nachvollziehbar. Hier und da prügelt ihr euch noch in eine bestimmte Richtung, während ihr den Stick in die entgegengesetzte Richtung oder andere Knöpfe drückt. Das Schema der Buttons wurde fast komplett von No More Heroes übernommen. Ein Knopf ist für hohe Schläge reserviert, ein weiterer für niedrige, mit dem dritten setzt ihr die Pompoms zur Betäubung ein, und das letzte Bedienelement ist für einen Sprung über euren Gegner gedacht, damit ihr den von hinten attackieren könnt. Gelungene Kombinationen und Finisher bringen euch silberne und bronzene Medaillen ein, die ihr an Shopstationen zum Aufwerten von Juliets Attributen nutzt, für das blonde Püppchen neue Kleider kauft und die Metallstücke in weitere Angriffe investiert. Da das Abenteuer mit vier bis sechs Stunden äußerst kurz ist, wird die Spielzeit mit einem Highscore-Modus gestreckt, in welchem ihr durch das ästhetische und kombinierte Zombiezerstückeln eine Punktemarke aufbaut, die dann online in eine Liste eingetragen wird. Spaßig? Schon, aber eben Recycling bekannter Level.
Obwohl der Titel "ab 16" freigegeben ist, spirtzt auch mal einiges an roter Sauce.
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Glitzer. Diese Untoten spritzen mit Glitzer! Wie krank ist das denn?
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Visuell wird euch zumindest im Prolog ein Schrecken an die Hand gegeben, gegen den Deadly Premonition wie ein AAA-Titel aussieht. Sich ständig wiederholende Texturen, schlecht modellierte Umgebungen, maue Lichteffekte... und dann noch der körnige Bildfilter, der rübergelegt wurde. Ganz anders ab dem ersten regulkären Level. Zwar ist Lollipop Chainsaw selbst dann alles andere als eine Grafikreferenz, gleichwohl aber hübsch anzuschauen. Der Comiclook verzaubert dann mit einem bunten Effektgewitter und geschmeidigen Bewegungen und wirkt nur stellenweise dezent verwaschen, insbesondere in dunklen Szenen. Zugegeben, fliegen Juliet die Herzen aller halbwegs geistig intakter Männer zu, wenn sie einen Korridor leidenschaftlich entlangläuft... Und wer möchte nicht einmal unter den knappen Cheerleader-Rock linsen? Vielleicht ist da doch was zu sehen?
Ja, das Spiel aktiviert oft die niedrigen Instinkte der männlichen Spielerschaft und daneben unseren Beschützerinstinkt, doch können wir Juliet sauer sein? Oder sollte es unsere Freundin übel nehmen, weil wir die Zombieschlächterin sympathisch finden? An sich nicht, denn die Naivität, die sie in den gelungenen Einzeilern immer wieder durchblitzen lässt, ist einfach zu liebenswürdig. Die Synchronisation (und auch Übersetzung in den Untertiteln) geht vollkommen in Ordnung und transportiert den eigenwilligen Humor sehr gut. Was das Ohr ansonsten umspült, das ist ein Highschool-Rocksoundtrack, der eindeutig Geschmackssache ist - und ja, es ist reichlich abgeschmackt, "Lollipop, Lollipop, Oh Lollipop" einzuspielen.