Der Vorgänger "Lost Planet: Extreme Condition" war gut. Nicht mehr, nicht weniger. Gut mit einigen Makeln. So wurde in unserem Review vor allem das unspektakuläre Leveldesign, die teilweise verkorkste Kameraführung sowie der immer wiederkehrende Spielablauf von Kollege Andy kritisiert, bekam von der Präsentation hingegen fast schon feuchte Träume und bewertete den Titel unter dem Strich mit fairen 79 Prozentpunkten. Sven konnte diesen Eindruck in seinem Fazit bestätigen, genauso wie ich. Dass Capcom im Stande ist, sich von Ableger zu Ableger zu steigern, haben sie bewiesen - doch was bedeutet das für "Lost Planet 2"?
Klimawandel
Die erste Krux beginnt schon bei der teils zu kompliziert erzählten Story: "Lost Planet 2" spielt zehn Jahre später auf dem Planeten E.D.N. III nach den Geschehnissen von Teil eins. Wir erinnern uns - [Spoiler]Hauptprotagonist Wayne Holden ballert Commander Isenberg in die Rübe, das Eis schmolz stellenweise durch einen Eingriff in die Naturbedingungen und die Kolonialisierung begann erneut zu wachsen.[/Spoiler] Inzwischen haben sich insgesamt fünf unterschiedliche Gruppierungen gebildet, die im Grunde nur einem hinterher sind: Rohstoffe. Auffallend ist, dass die Erzählstruktur der Geschichte sehr verwirrend, unspannend und zäh abgehandelt wird, ein rein fühlen in die Geschehnisse passiert aufgrund dessen nur sehr oberflächlich. Etwas, was schon im Prequel bemängelt wurde und deshalb wieder schade für Story-Fetischisten ist.
Das ist insofern bedauernswert, weil eine Substanz auf jeden Fall erkennbar ist, leider hapert es entsprechend an der Umsetzung und Inszenierung dieser. Allerdings nicht im Hinblick auf die außerordentlichen und großartigen Zwischensequenzen, die ein cineastisches Erlebnis bieten, teils interaktiv sind und ein kurzweiliges Zurücklehnen in die Zockercoach möglich machen. Trotzdem fragt man sich: "Was mach ich jetzt hier? Wie bin ich hier gelandet? Warum bin ich hier?". Zwischenzeitlich dürfen wir sogar die Seiten wechseln, mal als Teil der "Mercenaries", mal als Mitglied der "New Nevec", "Vagabundos" oder "Technology". Das bietet zwar Abwechslung und einen weiteren Blickwinkel auf die Ereignisse, lässt ein Mitfühlen des Charakters, die Motivation für eben DIE eine Seite zu kämpfen, aber unmöglich erscheinen. Eben jenes Gefühl haben andere Titel, auch wenn der Vergleich hinken mag, wie "Grand Theft Auto IV" oder auch "Call Of Duty: Modern Warfare 2" ausgemacht und so manche Schwachstellen vergessen lassen. Ein Pfaden der sich durch all die Parteien, die allesamt sehr gut dargestellt werden, windet, der womöglich Feinde zu Freunden macht, Freunde zu Feinden und spannende Storywendungen mit sich bringt, ist ärgerlicherweise nicht vorhanden.
Zu viert allein

Ein wesentliches Element im Spielgeschehen zeigt sich schon, wenn man den Kampagnenmodus im Hauptmenü anwählt. Man fühlt sich mehr in einem Online-RPG zu Hause als in einem Shooter, Menüpunkte wie "MyPage" unterstreichen diesen Eindruck. Statt mehr oder minder auf sich allein gestellt zu sein, werden einem nun drei weitere Recken zur Seite gestellt. Neben einem Offline-Modus wird auch Systemlink unterstützt. Eindeutig zu bevorzugen ist es, sich im Koop-Modus durch die Geschichte zu kämpfen, um sich mit Teamwork und taktischen Absprachen durch den Planeten E.D.N. III zu kämpfen. Alternativ werden die drei übrigen Slots durch KI-Kameraden ersetzt. Jene sind zwar nicht auf dem Niveau eines Reiskorns, allerdings auch nicht die Virtualisierung von Albert Einstein höchstpersönlich. Sie finden den Abzug, kennen aber so Worte wie "Deckung" nicht und präferieren es hinter euch her zu rennen wie ein guterzogener Hund. Leider ist es nicht - im Gegensatz zum Koop mit Spielern aus Fleisch und Blut - möglich, Anweisungen zu geben und so ein taktisches Element aufblühen zu lassen. Schön: Sind Dinge wie beispielsweise das Aktivieren eines Stromgenerators in Quick-Time-Events notwendig, versammeln sich diese um euch, um euch Rückendeckung zu geben. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei den zu erledigen Kontrahenten. Mal begegnen uns riesige Echsen, die bekannten Akride, furchteinflößende Leguane oder eben verfeindete Splittergruppen. Die sind zwar abwechslungsreich und mit Liebe zum Detail kreiert, vor allem letztere laufen aber ganz gerne mal in den offenen Feuerbeschuss rein oder bleiben an Büschen und Felsen kleben.
Apropos Deckung: Einen weiteren groben Schnitzer hat sich Capcom hier geleistet. Zwar hat es etwas von Old-School-Beat-`Em-Up-Charme, wenn unsere einzige Deckungsmöglichkeit darin besteht, per Druck auf den Steuerungsknüppel in die Knie zu gehen oder uns abzurollen, mit Hinblick auf "Gears Of War", die jenes Szenario gut vorgeführt haben, fühlt man sich an manchen Stellen allerdings in seiner spielerischen Freiheit beschnitten. Soll das eine künstliche Anhebung des Schwierigkeitsgrades darstellen? Eine neue, abstrakte Kunstform? Frustfaktor vorhanden.
Noch viel mehr Frust kommt bei dem unverschämten Speichersystem auf. Hierzu sei zu erwähnen, dass die insgesamt sechs Kapitel in Episoden unterteilt sind, welche sich wiederum in diverse Missionen splitten. Problem: Nicht in unregelmäßigen Abständen an Knackpunkten veranlasst ein Checkpoint das Speichern, sondern nach einem ganzen Kapitel. Wie im Multiplayer gibt es nur Respawn-Punkte, die sich über Datentürme erweitern lassen und auch noch wesentlich für das Sammeln von Kampfpunkten sind. Das ist besonders strapaziös, wenn gerade ein Boss nach einem mühseligen Kampf den Radieschen beim Wachsen zuguckt, ein fieser Kontrahent euch eine Kugel zu viel in die Rippen ballert und man die gesamte Strecke inklusive erneutem Klären der Meinungsverschiedenheit mit dem übernatürlichen Macker noch einmal über sich ergehen lassen muss.
Zwischen Genie und Wahnsinn
Da bekanntlich aus dem Schlechten aber auch etwas Gutes wachsen kann, gibt es auch hier einen positiven Aspekt: Man sieht noch einmal die monströsen und unfassbar stark in Szene gesetzten Giganten, bei denen man das Gefühl hat, als stände so ein kolossaler Geselle gerade vor einem. Überhaupt bietet euch Capcom mit "Lost Planet 2" einen optischen Leckerbissen, an allen Ecken und Enden bemerkt man die liebevoll gestaltete Umgebung, die brachialen Effekte sowie die kreativ designten Gegner.
Damit ich euch nicht frühzeitig die Puste ausgeht, habt ihr jederzeit euren Harmonizer im Anschlag. Im Speziellen gefallene Akride lassen Thermalenergie (T-ENG) liegen, die ihr aufheben solltet um euch im Notfall mit Druck auf die Start-Taste einen Schuss Energie zu verpassen. Wenn wir doch schon einmal bei der Steuerung sind: "Lost Planet 2" spielt sich dank dieser äußerst hakelig, die beschränkte Deckungsmöglichkeiten erläuterte ich ja bereits, die Verteilung der Aktionen grenzt teilweise an echten Humbug. Zwischen meinen maximal zwei (!) Schusswaffen darf ich über die Y-Taste hin- und herwechseln, um nur Munition aufzuheben, erwartet das Spiel eine Bestätigung per Tastendruck von mir. Ein modernes automatisches Aufheben vermisst man gänzlich. Zusätzlich bewegt sich unser Alter Ego sehr gemächlich, was zu der stetigen Action und Dauerballerei nicht passt. Das Klettern mit einem Hacken ist jetzt, ähnlich wie in "Bionic Commando", möglich und durchaus auch ein nettes Feature, die Kritikpunkte an der Steuerung können sowas aber nicht verblassen lassen, vor allem weil die Gerätschaft nicht so funktioniert wie man das möchte. Ab und an verweigert der Greifhaken bei höheren Distanzen die Arbeit und bei einem Fall aus dieser greift das Tool plötzlich ein, ohne dass man das so wollte.
Spielerische Abwechslung wie 365 Tage Pommes
"Lost Planet 2" gehört nicht zu den Titeln, die durch starkes, abwechslungsreiches und spannendes Missionsdesign aufzufallen wissen. Ab und zu muss man mal einen Funkturm aktivieren, oder Stromgeneratoren anwerfen, letztendlich läuft der Spielablauf aber auf eine grundsätzliche Komponente hinaus: Ballern. Keine Frage, dass Capcom sich da nicht lumpen lässt und euch ein vielfältiges Arsenal zur Verfügung stellt: Von einfachen Maschinen- und Schrotgewehren zieht sich die Spanne über Laser, Granaten, Flammenwerfern bis hin zu Raketenwerfern. Selbstverständlich sind auch wieder die populären VS-Mechs (diesmal mit drei Plätzen!) und Heli-Mechs am Start.
Gesammelte Kampfpunkte lassen sich an einem einarmigen Banditen loswerden. Hier habt ihr nicht die Wahl, was ihr für eure Knete bekommt, der "Gewinn", der nicht immer einer sein muss, wird euch per Zufall zugelost. Im schlimmsten Fall dürft ihr euch über einen neuen Spitznamen freuen, im besseren schon eher über frische Waffen, Kleidung, Bewegungen, Modelle und Fähigkeiten. Das bietet die Möglichkeit euren Charakteren noch individueller und persönlicher zu gestalten und nicht auf den Geschmack von Capcom´s Designern angewiesen zu sein. Mit der Zeit werdet ihr also nicht nur hübscher, sondern auch besser, wenn ihr in eure Begabungen investiert.
Euren selbst durchgestylten Charakter lässt sich auch in einer Online-Partie präsentieren. Viel neues erwartet uns leider nicht. (Team-)Deathmatch, Gebietseroberung, Flüchtling (zwei ausgesuchte Spieler werden vom Rest gejagt), ein Conquest- und Capture The Flag-Modi werden uns zur Verfügung gestellt. Das macht zwar Laune, allerdings auch nicht mehr als bei anderen Ablegern dieser Gattung. Einen kleinen Unterschied macht die wöchentliche Schlacht zwischen den Parteien. Der User schlägt sich auf eine der fünf Seiten, kämpft auf drei Maps gegen die anderen und die Truppe mit den meisten Siegen wird zum Wochensieger ernannt. Das gewisse Etwas, was das Eintauchen in die Onlinewelt reizbar macht, gibt es so gut wie gar nicht. Übrigens: Wer erst einmal ein paar Trockenübungen machen möchte, dem sei der Trainingsmodus zu empfehlen, Geschwindigkeit und Zielgenauigkeit sind hier gefragt.
Fazit
Nach all den Vorschusslorbeeren hätte "Lost Planet 2" so viel mehr sein können. Und das Erschreckende: Die Rahmenbedingungen waren geschaffen. Wäre die Geschichte mitreißend und packend erzählt, wären die ein oder anderen Kritikpunkte nur Nebensache. Da das nicht gegeben ist, fallen das lahme Missionsdesign, die wenig herausforderenden Delinquenten, das freche Speichersystem oder die partiell verkorkste Steuerung umso mehr ins Gewicht.
Dass man hier aus technischer Sicht und Präsentations-Aspekten einen 1A-Genreableger erschaffen hat, steht außer Frage. Auch der Soundtrack und die Audioeffekte spiegeln diesen Eindruck aufgrund der zu Teilen orchestralen Untermalung wieder. Warum man aber bei so einem wichtigen Spiel eigentlich so irrelevante Dinge nicht auf die Kette bekommen hat, grenzt schon an Fahrlässigkeit. Aber: Greift man sich drei Kumpel und setzt die vor die Konsole, kann "Lost Planet 2" seine eigentlichen Stärken wie Teamwork und taktische Elemente ausspielen. Diese Vorzüge werden aber nur durch den Spieler selbst geschaffen, nicht durch die Features der Software. Alleine können nur die geballte Ladung an Action inklusive der grandiosen Bosse überzeugen. Insofern im Koop top, Solo (nicht ganz, aber im Verhältnis, fast) ein Flop. Die Multiplayer-Bewertung bezieht sich dementsprechend auf den Koop-Modus, die Singleplayer-Bewertung auf das einsame Daddeln.