Wenn man mich fragen würde, was mich an modernen Shootern am meisten stört, würde ich denkbar schnulzig die fehlende Liebe zum Spiel nennen. Modern Warfare 2, Battlefield: Bad Company 2 oder F.E.A.R. 2 spielen sich gut, sehen gut aus und machen Millionen von Menschen viel Spaß. Trotzdem kann ich mit diesen drei Titeln nur bedingt etwas anfangen, weil es mir ständig so vorkommt, als würde ich eine X-beliebige Auftragsarbeit eines X-beliebigen Publishers spielen. Den perfekten Gegenpol dazu bot vor einem Jahr das ukrainische Cryostasis: Sleep Of Reason. Trotz vieler spielerischer Mängel konnte mich das Spiel durch seine Liebe zum Detail, die interessante Geschichte und tolle Atmosphäre überzeugen und bewog mich noch knapp zu einer insgesamt guten Bewertung. Wie man es besser macht zeigt das ebenfalls ukrainische Studio 4A-Games mit seinem Debüt-Projekt Metro 2033.
Schemenhaft

In 23 Jahren hat sich die Menschheit durch einen Atomkrieg selbst von der Erdoberfläche gebombt und von Russland ist nicht viel mehr als ein großer radioaktiver Haufen Müll übrig. Die Menschen haben sich in die U-Bahn-Netze zurückgezogen, wo es sich gegen zahlreiche Mutanten, Anomalien und Dämonen zur Wehr zu setzen gilt. Ihr habt als Protagonist Artjom die Aufgabe, durch die Metro zu reisen und eine bestimmte Person zu suchen, die eure Heimatstation vor den näher kommenden Monsterhorden retten soll. Aufgepeppt wird dieses geschichtliche Grundgerüst durch optisch beeindruckende Visionen von flüsternden Schemen und die Ausflüge an die versuchte Oberfläche. Oft werden Dinge nicht endgültig erklärt sondern nur angedeutet und selbst nach dem Abspann werdet ihr nicht zu einhundert Prozent wissen, gegen wen genau ihr da nun eigentlich gekämpft habt. Mit etwas Vorstellungskraft kann man diese losen Punkte jedoch auch selbst miteinander verbinden. Und wenn man doch nähere Erklärungen haben möchte sollte man sich die Buchvorlage, auf der das Spiel basiert, einmal näher anschauen.
Picknick in der Metro
Wenn ich es mir ganz einfach machen will, würde ich Metro 2033 als uneheliches Baby von Half-Life 2 und S.T.A.L.K.E.R. bezeichnen. Während es von Ersterem die strenge Linearität erbt, bekommt es vom Tschernobyl-Abenteuer das Setting und die Atmosphäre ausgeliehen. Das kommt übrigens nicht von Ungefähr: Das Team von 4A-Games setzt sich aus früheren S.T.A.L.K.E.R.-Entwicklern zusammen. Bei diesen beiden Punkten hören die Gemeinsamkeiten aber schon wieder auf. Metro 2033 ist in viele etwa 10 bis 30-minütige Level unterteilt, in denen es immer nur einen möglichen Weg zu beschreiten gibt. Oft stehen euch dabei einige Teamkameraden zur Seite, die jedoch in erster Linie für den Fortschritt in der Geschichte verantwortlich sind. So ist deren Verhalten meistens bis zum letzten Schritt durchgescriptet, was dem Spieler allerdings (größtenteils) unnötige KI-Tode erspart.
Das Spiel ist grundsätzlich dreigeteilt. Entweder ihr streift alleine durch die Metro und gruselt euch dank der unheimlich dichten Atmosphäre vor eurem eigenen Schatten oder ihr ballert euch wie schon beschrieben mit einigen Kollegen durch die Schächte. Als letzte Möglichkeit kommt ihr immer mal wieder im Spielgeschehen an größeren Stationen vorbei. Dort kann sich Artjom mit anderen Bewohnern unterhalten oder Waffen und Munition ein- oder verkaufen. Als Währung dienen nämlich keine Münzen sondern alte Militärpatronen. Diese sind nicht nur einiges wert sondern auch wesentlich effektiver als die Standardmunition, die man ansonsten im Spiel findet. Sollte es nötig sein, kann man deshalb zwischen beiden Munitionsarten hin- und herschalten. Nur muss man sich in diesem Fall immer im Klaren darüber sein, dass man gerade sein Geld in die Gegner ballert.
Der große Horror
Seine Paradedisziplin findet Metro 2033 ohne Frage in der Atmosphäre. In diesem Bereich stimmt tatsächlich alles. In den bewohnten Gebieten herrscht reges Treiben und man kann von den Gitarrenklängen fast ein wenig ins Träumen geraten. Der absolute Gegensatz dazu sind die einsamen Stunden in den Tunneln. Hier herrscht dank ständiger Hintergrundgeräusche, kreischender Mutanten und einer überragenden Präsentation ein Horror, dem kein Doom oder F.E.A.R. dieser Welt etwas entgegenzusetzen hat. Glücklicherweise hält sich das Spiel mit billigen Schockmomenten zurück und setzt viel mehr auf eine konstante Angst, dass mich hinter jeder Ecke etwas anfallen könnte. Zusätzlich leidet man an konstantem Munitionsmangel was besonders auf dem härtesten Schwierigkeitsgrad das ein oder andere Mal für panische Fluchtversuche meinerseits gesorgt hat.
Wenn es gegen menschliche Gegner geht fällt Metro 2033 dann leider ein wenig ab. Das liegt an drei Gründen: Zunächst wird kein freies Speichern unterstützt, was für sich genommen kein Kritikpunkt sein muss. Leider sind viele feindliche Basen aber noch mit Fallen ausgestattet, die euch durch einen falschen Schritt töten. Etliche Male habe ich per Messer und schallgedämpfter Pistole über 10 Minuten lang eine Basis nach und nach leer gefegt, nur um dann in eine Stolperfalle zu treten und noch mal von neu beginnen zu müssen. Irgendwann wurde mir das dann zu anstrengend, weshalb ich versuchte, die Basis einfach mit Getöse auseinanderzunehmen. Dann offenbart allerdings den dritten Kritikpunkt, durch den ich mich erneut an Cryostasis erinnert fühlte: Die künstliche Intelligenz der menschlichen Gegner ist bemerkenswert schlecht geraten. Wenn man Glück hat laufen sie nur immer wieder zwischen zwei Deckungsmöglichkeiten hin und her, wenn es schlecht läuft reagieren sie aber auch mal gar nicht oder rennen sogar minutenlang im Kreis herum. Leicht nervig ist auch, dass man sich, wenn man einmal von jemandem entdeckt wurde, nicht mehr verstecken kann. Fortan weiß jeder gegnerische Soldat sofort wo man ist, egal wie sehr man sich noch im Schatten zusammenkauert. In Kombination mit dem Ckeckpointsystem und den gut versteckten Fallen erschwert das den Versuch, eine Basis leise zu durchschleichen ungemein. Da ist es wesentlicher einfacher, die dumme KI nach und nach auszuschalten.
Glücklicherweise sind solche Szenen aber relativ selten. Die meiste Zeit verbringt ihr damit, gegen nicht-menschliches Gesocks zu kämpfen. Das Waffenarsenal, das euch dabei zur Verfügung steht ist zwar nicht besonders umfangreich, dafür aber herrlich innovativ. Mein Favorit ist dabei ein Druckluftgeschoss, welches zugespitzte Glasscherben verschießt. Zunächst muss man, wie man es von der Mechanik her auch bei größeren Wasserpistolen kennt, per angebrachter Pumpe einen gewissen Druck aufbauen, bevor man dann ohne jedes Geräusch die Scherbe in den nächsten Gegner versenken kann. Eine nette Abwechslung vom allseits bekannten Shooterarsenal.
Teure Leistung
Und in noch einem Punkt gleicht das Spiel Cryostasis. Es sieht absolut hervorragend aus, hat jedoch einen immensen Hardwarehunger. Wie schon bei dem Abenteuer auf dem Eisbrecher blieben mir auch hier wegen meiner ATI-Grafikkarte die höchsten Grafikeinstellungen verwehrt. Auch auf hohen Grafikeinstellungen kann es Metro 2033 aber mit den besten Vertretern des Genres aufnehmen. Insbesondere die Licht- und Schattenspiele können hier beeindrucken. Staubpartikel schweben sichtbar durch die Luft, giftige Gase wirbeln durch die Gegend und toll animierte Charaktermodelle wissen zu überzeugen. Insbesondere der 5.1-Sound macht aus den Ausflügen in den Tunneln einen schweißtreibenden Horrortrip, auch wenn die deutsche Sprachausgabe gelegentlich schwächelt.
Fazit
Metro 2033 bietet einen ungeheuer atmosphärischen Trip in die Unterwelt der Moskauer U-Bahn, auf den jeder Spieler zumindest mal einen Blick werfen sollte. Wie viel Herzblut in diesem Projekt steckt merkt man an jeder einzelnen Wandtextur und es wird genug spielerische Abwechslung geboten, so dass euch bis zum Ende bestimmt nicht langweilig wird. Mal verteidigt ihr eine Station, mal nehmt ihr am Geschütz eines kleinen Wagens platz. Dann infiltriert ihr wieder eine gegnerische Basis, nur um euch anschließend an der Oberfläche gegen fliegende Dämonen zur Wehr zur setzen und irgendwann wieder in den dunkeln Tunneln der Metro zu landen.
Wer mehr Wert auf die Atmosphäre und Geschichte eines Spiels als auf größtmögliche Freiheiten legt, dem sei ein Kauf wärmstens empfohlen.