Mal wieder so ein Angebot...
Auf manche Dinge lohnt es sich, etwas länger zu warten. Acht Jahre nach dem PC-Release von Mafia kommt nun endlich der lang ersehnte Nachfolger in die Läden – und auch dieser hatte bereits einige Verzögerungen hinter sich. Unter einem derartigen Erfolgsdruck gestellt muss das Spiel doch nun der ganz große Wurf werden - oder etwa nicht? Bevor wir uns aber den virtuellen Nadelstreifenanzug überstreifen und die Tommy-Gun in den Geigenkasten verstauen, erfahren wir grundsätzliches über die Hauptfigur Vito Scarletta. Der zehnjährige Sizilianer kam mit seiner Familie nach Empire Bay, in der Hoffnung eine bessere Zukunft haben zu können. Der amerikanische Traum des Vaters zerbrach schnell: Die einzige Arbeit gab es für einen Hungerlohn an den Docks, woraufhin er zu trinken begann und seine Familie vernachlässigte.
Vito lernt in seiner Jugend den Jungganoven Joe kennen, mit dem er einige krumme Dinger dreht. Dann geht er 1944 als GI nach Europa, um seine ehemalige Heimat zu befreien. Dabei wird er verwundet und zurück nach Amerika geschickt. Sein Kumpel Joe deichselt alles, damit Vito nicht wieder in den Krieg muss. Wie der alte Kumpel wohl zu so viel Einfluss gekommen ist? Ganz einfach: Er erledigt Handlangertätigkeiten für die „ehrenwerte Gesellschaft“, die sich auch für Vito interessiert. Mit der Zeit lernt dieser dort das Handwerk eines organisierten Verbrechers, erpresst Geld von Hafenarbeitern, vertickt staatliche Rationsmarken oder schüchtert Jugendgangs ein. Eine Haftstrafe lässt ihn endgültig Seilschaften zu den mächtigen Mafiosis machen. Er wird selbst zum Familienmitglied und bekommt attraktivere Arbeiten zugeschanzt. Am Ende räumt er gar auf Befehl unliebsame Personen aus dem Weg – aber was ist der Preis für diese halbseidene Blitzkarriere?
Man boxt sich so durch
Genauso wie sich diese kurze Zusammenfassung anhört, so ist auch die Inszenierung: Viele Filmszenen würzen das Spiel, unterstreichen die dramaturgische Wirkung und treiben die Ereignisse rasant voran. In 15 Kapiteln erfahrt ihr viel über den Alltag eines Berufsverbrechers in den 40er und 50er Jahren. Die Spielszenen erinnern stark an klassische Mafia-Filme, von Der Pate bis Goodfellas. Aber auch Es war einmal in Amerika oder Maschinenpistolen dürften versierte Cinéasten schnell erkennen. Somit mag das eine oder andere Klischee im Spiel enthalten sein, doch ist das aufgrund der filmreifen wie überaus beeindruckenden Inszenierung egal. Äußerst motivierend treibt einen die Story durch das Geschehen und lässt euch eine Episode nach der anderen erleben. Beginnt ihr einen Auftrag, dann eilt ihr schnell zum Treffpunkt, fahrt eure Gang zum Ziel, liefert euch Schießereien mit rivalisierenden Banden, prügelt euch mit Gorillas oder schleicht um Wachposten herum.
Dass man auch wirklich schnurstracks zum Einsatz eilt, liegt mit daran, dass es kaum Ablenkungsmöglichkeiten gibt. Unterwegs kann man nicht mal eben Zwischenstopp in einer Lasterhöhle einlegen, eine Nebenmission annehmen oder ein Minispiel zur Zerstreuung abhalten. Empire Bay ist zwar frei begehbar, jedoch mehr als Sightseeing gibt die Metropole nicht her. Es bleibt also nichts anderes übrig als sich schnell um die anstehende Arbeit zu kümmern. Wer sich dennoch auf Entdeckungsreise begibt, der erlebt dafür eine der glaubwürdigsten Spielumgebungen. Die Passanten verhalten sich so, als ob sie ein Eigenleben führten. Sie streiten, diskutieren, gehen ihren Jobs nach und sorgen für einen pulsierenden Großstadtbetrieb, der realistischer kaum sein könnte. Wer es wirklich auf Tätigkeiten abseits der Storyline abgesehen hat, kann sich zumindest auf die Suche nach Playboy-Nackedeis begeben, die als Collectibles in der ganzen Stadt verteilt liegen.
Schöne neue Unterwelt
Ebenso beeindruckend wie das lebendige Bild einer amerikanischen City der fünfziger Jahre ist deren visuelle Umsetzung. Das Stadtbild verblüfft mit imposanten Wolkenkratzern im Neubau, einer Farbvielfalt oder allgemein der Detailverliebtheit, mit der die Designer zu Werke gingen. Die PlayStation 3-Version liegt dabei im Vergleich zur Xbox 360- und der PC-Version zurück. Die Fassung für den Computer hinterließ bei der Übersicht den schönsten optischen Eindruck - zumindest dann, wenn die Hardware nicht allzu betagt ist. Schon alleine die Autos wurden der damaligen Epoche hübsch nachempfunden und lassen sich gar ein wenig aufmotzen. Die Motorenleistung kann hochgeschraubt werden, damit man bei eventuellen Verfolgungsjagden mit den Bullen immer die Nase vorn hat. Oder ihr verpasst dem Vehikel einen Satz stylischer Weißwandreifen, die sich prächtig am Gefährt machen.
In den Werkstätten können natürlich auch Reparaturen oder Umlackierungen vorgenommen werden. Verreckt die Karre während der Fahrt, kann der Spieler sie selbst per Knopfdruck wieder fahrbereit machen. Das ist immerhin realistischer als die Feuerbälle, in denen die Autos in anderen Spielen bei zu hoher Beschädigung aufgehen. Ist das Fahrzeug gerade auf die Fahndungsliste gelandet, empfiehlt sich außerdem ein getürktes Nummernschild. Damit wird man einen Suchaufruf schnell wieder los. Wird Vito zu Fuß verfolgt, kann er sich einen neuen Anzug kaufen, um sich ein abweichendes Bild von der Personenbeschreibung der Polizei zuzulegen. Praktisch, wie einfach die Gangsterwelt in einem Computerspiel sein kann.
Umfang? Nur am Leib
Der Soundtrack passt sich stimmig dem Kanon an: Im Radio geben sich Eddie Cochran, Buddy Holly, die Andrew Sisters oder Fats Domino die Ehre, abgewechselt von Themen, jene die Fünfziger Amerikas tatsächlich in Atem gehalten haben. Die deutsche Synchro ist zudem wirklich gut gelungen – die Dialoge sind naturgetreu an dem Slang der damaligen Zeit angepasst und gehören zu den markigsten Sprüchen, die je über die Pixellippen einer Spielfigur kamen. Man merkt an allen Ecken und Enden, wie sehr sich die Entwickler ins Zeug gelegt haben, um die Illusion so perfekt wie möglich zu halten. Dass die Gewichtung auf den superben Stil zu Lasten des Spiels selbst gehen, ist ein unangenehmer Kompromiss. Die Gegner-KI hätte gerne noch ein wenig cleverer programmiert sein können, die Entwicklung Vitos gerade in den späteren Kapiteln ist nicht immer nachvollziehbar.
Was dagegen konstant bleibt, sind die Tätigkeiten, die weder anspruchsvoller, noch vielfältiger werden. Zumindest drei Schwierigkeitsgrade stehen zur Auswahl und bieten jedem Spieler somit seine Herausforderung. Trotzdem ist es etwas schmerzhaft, dass man sich einen Mehrspielermodus gespart hat. Gegen menschliche Gangster anzutreten hätte bei Mafia II durchaus seinen Sinn gehabt. Genauso hätten sich zwei Spieler die Aufgaben teilen können, wenn einer in Vitos Rolle und der andere in Joes Hawaiihemd schlüpft. Dadurch wären sicher noch ein paar Spielstunden mehr aus dem Epos herauszuholen gewesen. Für die PlayStation 3 liegt noch ein Download-Gutschein über die Episode The Betrayal of Jimmy bei – damit können zumindest die PlayStation-Zocker doch noch ein paar Stunden länger im charmanten Empire Bay bleiben.
Martins Fazit
Wie gut Mafia II zu bewerten ist, läuft darauf hinaus, was der einzelne Spieler im Vorfeld erwartet hat. Träumt er von einem Grand Theft Auto in den fünfziger Jahren, schweben ihm neben der Storyline viele kleine Nebenjobs, Möglichkeiten zum Geld verdienen oder Zufallsereignisse in einer frei begehbaren Stadt voller Amüsementgelegenheiten vor, dann kann das Spiel nicht gewinnen. Wenn er allerdings ein Adventure erwartet hat, das sich wie auf einer streng vorgegebenen Schienenstrecke spielt, so bekommt er doch weitaus mehr.
Mafia II ist ein grandios inszeniertes Abenteuer, mit tollen Cut Scenes, einer offenen Spielwelt und coolem Flair. Jedoch birgt das Gerenne durch die Stadt keine spielerischen Seitensprünge (sieht man einmal von den Sammelobjekten ab). Außerdem mussten weitere unangenehme Kompromisse eingegangen werden: Ein Multiplayer hätte schon gereicht, um das Spiel vollends abzurunden. Dafür ist die Geschichte packend erzählt, die Charaktere sind tiefgründig und das Gesamtwerk liebevoll detailliert. Die Spielelemente gleichen sich zu sehr und reduzieren sich auf Prügeln, Ballern, Schleichen sowie Autofahren – allerdings wird die Masche nirgends überstrapaziert, weil die Spielsequenzen niemals in die Länge gezogen wirken. 2k Czech hat das richtige Maß zwischen Spiel- und Filmsequenzen gefunden, um die Fans bis zum Abspann bei bester Laune zu halten.
Andys Fazit
Martin ist sichtlich begeistert von der Geschichte und der Atmosphäre, die in Mafia 2 stecken. Das ist gut so und der daraus resultierende Spielspaß sei ihm gegönnt... doch nicht jeder denkt wie er. Schaut auch das Wertungsbild des Spiels an: Das schwankt recht stark zwischen 60 und 90, eine ungewöhnlich hohe Spanne in unserer Zunft, wo alle Unterschiede über 10 Punkte bereits als befremdlich betrachtet werden. Auch ich gehöre zu den Leuten, die von Mafia 2 weniger begeistert als enttäuscht sind. Dabei ist mir die spielerisch arg eingeschränkte „Open World“ egal: In Grand Theft Auto 4 hab ich mich auch vorrangig um die Hauptstory gekümmert und war am Ende glücklich.
Nein, mich stören ganz andere Dinge: So schick der stetige Jahreszeiten- und Wetterwechsel der Stadt auch sein mag, das Herumfahren ödet mich auf Dauer an. Dieses Problem hatte ich bereits mit dem Vorgänger, denn aufgrund der älteren Vehikelmodelle rauscht ihr selten mit einem Affenzahn durch die Gegend. Dann sind die Schusswechsel in 90% aller Fälle ein schlechter Scherz: In der Regel verschanzen sich die Gegner feige hinter ihren Barrikaden und falls sie mal einen Ausfall wagen, dann rennen sie eher panisch durch die Gegend als das sie eine echte Bedrohung für mich darstellen. Und während die Geschichte in Punkto Mono- sowie Dialogen hervorragend geschrieben ist, so besitzt sie nicht den gleichen emotionalen „Impact“ wie der Vorgänger... wobei diese zugegebenermaßen zu den absoluten Highlights der Spielehistorie gehört.
Was mir neben der grafischen Darstellung der Stadt, allen voran dank der bereits erwähnten Wetterwechsel, sowie nahezu allen Sound-Elementen am besten gefällt, ist kurioserweise die Schleichmechanik. Ich hätte nicht gedacht, dass solch eine in einem Genre-Mix dieser Art so gut funktionieren könnte – zudem mir auch hier die K.I. zusagt, weil die Wachen nicht stur ihre Pfade ablaufen, sondern einige überraschende Varianten im programmierten Gehirn stecken haben. Auch toll ist die Tatsache, das sich so mancher Auftrag auf unterschiedliche Arten lösen lässt. Beispielsweise könnt ihr im Vorfeld den Alarm eines Safes abschalten und euch nach dem erfolgten Einbruch unbemerkt vom Tatort entfernen. Oder ihr geht auf Konfrontationskurs und nehmt die waghalsige Flucht vor der Polizei in Kauf.
Ja, o.k... es stecken ein paar wirklich gute Elemente in Mafia 2. Aber trotzdem... es ist kein gutes Zeichen, wenn ich bereits nach fünf Kapiteln das Ende des Spiels sehen möchte, weil mich das Fahren sowie das Kämpfen mehr und mehr stresst anstatt motiviert. Vielleicht hab ich nach acht Jahren einfach mehr von der Fortsetzung des meiner Meinung nach besten Grand Theft Auto-Nachahmers erwartet.