Trotz der Terminverschiebung auf 2010 nimmt einer der am heißesten erwarteten Open World-Titel allmählich Formen an. Dabei dürfte der Vertrauensvorschuss dennoch unglaublich hoch sein: Mit jeder Neuigkeit und jeder neuen Vorschau zeigen die Entwickler bei 2k Czech auch, dass mit Mafia II etwas Großes auf die Spielergemeinde zukommt. Wer mag da noch das Studio hetzen und ein unvollständiges Spiel mit äußerst hohem Potenzial in Kauf nehmen wollen? Das Gangster-Epos ließ es sich in diesem Jahr nicht nehmen, auf der ersten gamescom in Köln gezeigt zu werden. Präsentiert wurden schon mal kleinere Missionen, die eine richtig heimelige Einführung in das Spiel einnehmen sollen. Außerdem zeigen die Aufträge, dass Hauptfigur Vito Scaletta ein echtes Multitalent in der Unterweltsbranche ist. Seine Dienstleistungspalette reicht von Einschüchterung bis hin zu Mord und Totschlag. Wenn er will, dann kann er aber auch so einfühlsam wie TV-Seelsorger Domian sein.
Familien-Bande

Vito Scaletta versucht in der fiktiven amerikanischen Großstadt Empire City seinen Weg zu finden. Zwar waren die Karrieremöglichkeiten in den fünfziger Jahren ebenfalls mannigfaltig, aber Vito hat ganz bestimmte Sprossen der Erfolgsleiter vor Augen: Nicht weniger als den Aufstieg in die so genannte „ehrenwerte Gesellschaft“ hat er im Sinn. Dafür fängt er erst einmal von ganz unten an und ist über jeden zugesteckten kleinen Geldschein dankbar. Wir schalteten uns auf der Messe in das Spiel, als sich Vito gerade mit einem Partner in dessen Appartement aufhält. Nebenan im Bad duscht sich gerade eine Prostituierte die Arbeit der vorangegangenen Minuten ab. Da trudelt auch schon ein Auftrag für Vito ein: Ein Rivale eines „Familienmitglieds“ soll einen gehörigen Schrecken bekommen und zur warnenden Unterstützung auch einen Verlust seines Fuhrparks erleiden. Einfach nur einen Denkzettel verpassen, kein Blutbad anrichten, so lautet die Order. Also hinein in den Anzug, der im Kleiderschrank unter zahlreichen Klamotten für jeden Anlass ausgesucht werden kann, und ab in die Garage, wo schon der eigene Wagen steht. Vito bemerkt in der Ausfahrt, dass dem Freudenmädchen von der vorangegangenen Szene ein kleiner Auffahrunfall passiert ist. Der erboste Fahrer hat scheinbar den Knigge nicht gelesen und will der Dame gegenüber gerade rabiat werden, als wir vor die Wahl gestellt werden: Erweisen wir uns in der Gestalt von Vito als Kavalier oder mischen wir uns lieber nicht in die Angelegenheit ein?
Viel zu tun für den Mafiosi von Welt

Natürlich sollten wir dem armen Mädchen tatkräftig zur Seite stehen. Dann lernen wir nämlich auch gleich die Nahkampfsteuerung. Dem ungehobelten Klotz wird erst mal ein kräftiger Schluck aus der Faustflasche spendiert. Ein leichter Schlag, ein kräftiger Tritt und eine Melee-Kombo, da liegt er auch schon gleich auf dem Boden. Dafür möchte sich die Prostituierte bei uns revanchieren, gerne bei einer Tasse heißem Kaffee. Woher kennt man das bloß? Danach geht´s weiter zum Waffendealer des Vertrauens. Schon im Treppenhaus raunt ein entgegen kommender Bekannter die nächsten Mini-Mission zu, bei der es wieder um die fachgerechte Zerlegung des Interieurs geht. Wie man sieht, wird es in Empire City nicht so schnell langweilig. Spontane Begegnungen werden im Spiel vorkommen. Will eine Horde Halbstarker uns um den fahrbaren Untersatz erleichtern, reicht es meistens aus, der Gang einen Blick auf die Taschenflak zu gönnen. Allerdings sollte man aufpassen, dass gerade kein Cop in der Nähe ist – die sehen Menschen mit gezogenen Revolvern nicht gerne auf offener Straße herumlaufen und kontrollieren dann schon mal den Waffenschein. Hat man den „leider gerade zufällig in der Wäscherei liegen gelassen“, so hilft nur die Flucht, bevor der lange Arm des Gesetzes einem am Schlafittchen packt. Es reicht in solchen Fällen oft schon aus, sich hinter einem Palettenstapel zu verstecken, damit die Bullen ihre Suche einstellen. Ebenso sollte man aufpassen, wenn man im geknackten Auto unterwegs ist. Allzu offensichtliche Spuren rufen wieder die Polizei auf dem Plan.
Konkurrenz für Nico Bellic?
In den Screenshots, die von Zeit zu Zeit durch Netz sickern, konnte schon eine einwandfreie Optik bewundert werden. Das ist auch in dem gezeigten Spiel nicht anders. Detailreiche Umgebungen geben ein belebtes Stadtbild ab und beherbergen eine Menge Figuren auf dem Weg durch die City. Passanten gehen ihres Weges und die kleinen Nebenaufträge könnten an jeder Ecke warten. Auch die vielen zerstörbaren Elemente zeugen von einer liebevoll gestalteten Umwelt, die voll begehbar ist. In den Cut-Scenes wird außerdem viel Wert auf filmreife Inszenierungen gelegt. Man sieht, dass die Programmierer ihr Handwerk verstehen und sich die lange Entwicklungszeit bezahlt macht. Der Soundtrack kann sich ebenso hören lassen. Es dudeln bekannte Hits der Fifties aus dem Radio. Da geht man dem Gangster-Tagesgeschäft geich noch eine Runde beschwingter nach, wenn aus den Lautsprechern Eddie Cochran und sein Summertime Blues tönt.
Die Fahrzeugmodelle lehnen sich an den Oldtimern an, die damals einfach zum Straßenbild dazu gehörten. Bei regennasser Fahrbahn muss man aber aufpassen, dass man nicht eines dieser Fuhrwerke gegen den nächsten Baum schliddern lässt. Das Wetter hat einen Effekt auf das Fahrverhalten der Karren und wechselt dynamisch, wie wir es von Sandbox-Games dieses Schlages gewohnt sind. Ebenso soll der Umfang ähnlich reichhaltig sein und eine Menge Beschäftigung für die Virtualverbrecher bieten. So entsteht eine Nähe zur Gangster-Ballade GTA, auch wenn das zeitliche Setting eher eine Distanz vermuten lässt.
Ersteindruck

Fans von offenen Spielwelten, halbseidenen Charakteren, dicken Knarren und echten Gangstern können sicherlich kaum noch den Termin abwarten, an dem Mafia II endlich in den Läden stehen wird. Dazu kann nur das Sprichwort „Gut Ding will Weile haben“ ins Gedächtnis gerufen werden – und was das betrifft, ist der erste Eindruck mehr als nur „gut“. Hier kommt ein ähnlich episches Schurkestück auf die Spielerschaft zu, das sich durchaus mit dem Platzhirsch aus Liberty City messen kann. Dadurch, dass GTA die Gegenwart behandelt und Mafia II in der Vergangenheit spielt, sind die Reviere zum Glück klar abgesteckt. Auch die Filmeinspielungen geben Mafia II ein kleines bisschen Kino-Feeling mit, so dass genügen Punkte existieren, die den 2k Czech-Titel ein eigenes Gesicht geben. Technisch und inszenatorisch wird hier eines der erfolgversprechendsten Games auf die Fans losgelassen. Da hilft nur noch eins: Nadelstreifenanzug flicken lassen und die Thompson ölen - wer will schon, dass der Capo wartet?